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Schüler und Lehrer erzählen: Todesangst unter der Erde: So sieht der Schulalltag in Aleppo aus

In Aleppo sind Schätzungen zufolge etwa 100.000 Kinder eingeschlossen. Die Organisation Save the Children hat Schüler und Lehrer gefragt, wie das schulische Leben in der zerbombten Stadt aussieht. Die Antworten sind erschreckend.

Zwei Schulmädchen mit Unicef-Rucksäcken Anfang März auf dem Nachhauseweg durch die Trümmer von Ostaleppo. Mittlerweile schicken viele Eltern ihre Kinder aus Angst vor Luftangriffen und den bunkerbrechenden Bomben nicht mehr zum Unterricht.

Zwei Schulmädchen mit Unicef-Rucksäcken Anfang März auf dem Nachhauseweg durch die Trümmer von Ostaleppo. Mittlerweile schicken viele Eltern ihre Kinder aus Angst vor Luftangriffen und den bunkerbrechenden Bomben nicht mehr zum Unterricht.

"Gott sei dank, die Bombardements haben aufgehört und wir sind in der Schule zurück": Die Worte stammen von Ahmed, einem Grundschüler aus dem von Rebellen kontrollierten Ostteil Aleppos, gesprochen im Mai dieses Jahres, als während der damaligen Feuerpause fast so etwas wie Normalität in die zerschossene Stadt eingekehrt war. Für kurze Zeit war Aleppo zum Leben zurückgekehrt.

Mittlerweile regiert in der Stadt längst wieder der Tod. Die syrische und russische Luftwaffe haben in den vergangenen Wochen jeglichen Anflug von Normalität in Schutt und Asche gebombt. Sollte Ahmed diese heftigsten Angriffe seit Beginn des Bürgerkrieges im Jahr 2011 überlebt haben, so kann er nur noch unter Lebensgefahr zur Schule gehen.

Wegen der schweren Luftangriffe auch mit sogenannten bunkerbrechenden Bomben könnten bis zu 100.000 Kinder am Schulbesuch gehindert werden, warnt Save the Children. Die Kinderhilfsorganisation betreibt 13 Schulen in Aleppo, darunter acht, die unterirdisch und damit eigentlich angriffssicher gebaut sind. Der Einsatz bunkerbrechender Bomben mache aber auch diese Schulen unsicher, beklagt Save the Children. Die Bomben lassen mehrstöckige Gebäude zusammenfallen und zerstören selbst Keller. Damit gebe es praktisch keinen Ort in Aleppo mehr, an dem Kinder sicher seien, warnt die Organisation.

Save the Children hat Lehrer und Schüler in Ostaleppo Ende September gefragt, wie sich der andauernde Bombenhagel und die ständige Bedrohung auf das schulische Leben auswirken. Das sind ihre Antworten:

Tulin, Grundschülerin in Aleppo

Wie alt bist Du?

Zehn Jahre.

Welche Klasse?

Vierte.

Wie lange warst Du nicht mehr in der Schule?

Seit zwei Monaten.

Zwei Monate?

Ja.

Warum gehst Du gern zur Schule?

Damit ich dort lernen kann.

[Frage fehlt in der Transkription des arabischen Originaltons]

Ja, ich habe Angst vor den Flugzeugen. Weil sie kommen und nur die Schulen treffen. Und die Versammlungen. Und Menschen sterben.

Magst Du die Untergrundschule ohne Schulhof?

Ja, ich mag sie. Aber es gibt keinen Schulhof zum Spielen. Wie soll ich mit meinen Freunden spielen? Und es ist kalt und es gibt kein Licht und wir können nichts sehen.

Die überirdische ist besser?

Ja. Viel besser. Und sie hat Sonne für den Strom.

Erzähl mir von den Bombardierungen. Was passiert, wenn ein Flugzeug kommt?

Ich verstecke mich entweder im Flur oder im Badezimmer. Und wenn ich auf der Straße bin, gehe ich in ein Gebäude.

Hast Du Angst vor dem Flugzeug?

Große Angst.

Erzähl mir davon.

Wenn es kommt, verstecke ich mich mit meiner Familie im Flur oder in der Küche und wir bekommen so große Angst, besonders in der letzten Zeit. In der letzten Zeit kommt das Flugzeug sehr oft.

Machst Du Dir Sorgen um Deine Familie und Freunde?

Natürlich. Ich mache mir Sorgen um sie, weil sie sterben könnten und ich sie verliere. Ich verliere sie und sie kommen nie wieder zu mir zurück.

Hast Du jemanden verloren?

Ich habe meine Freundin verloren. Sie ist bei einem Bombenangriff gestorben. Sie war zu Hause und schlief und ein Flugzeug kam und traf direkt neben ihrem Zuhause.

Wie alt war Deine Freundin?

So alt wie ich.

Zehn Jahre?

Ja.

Welche Klasse?

Vierte.

Was ist Dein Traum?

Ärztin zu werden und all die kranken Menschen zu behandeln.

Amjad, Schüler in Aleppo

Wie alt bist Du?

12 Jahre alt.

Welche Klasse?

Siebte.

Seit wann gehst Du nicht mehr zur Schule?

Seit zwei Wochen. Wegen der barbarischen Bombardierung von Schulen, Versammlungen und Straßen.

Warum gehst Du gern zur Schule?

Damit ich studieren und lernen kann. Und etwas in der Gesellschaft werden kann. Wie Arzt oder Ingenieur. Ich träume davon, Ingenieur zu werden. Um die Häuser wieder aufzubauen, die zerstört wurden.

[Frage fehlt]

Ich habe Angst, weil die Flugzeuge die Schulen bombardieren, vor allem, weil sich da Kinder versammeln. Viele Kinder. Sie bombardieren sie und töten die Kinder, damit sie nicht aufwachsen und dieses Land aufbauen.

Magst Du die Untergrundschule ohne Schulhof?

Zum Lernen ist sie okay, aber was Licht und Gesundheit betrifft, sie ist nicht gesund und hat kein Licht um zu sehen, was wir lesen und schreiben. Und sie hat keinen Schulhof zum Spielen und Pause machen zwischen den Schulstunden.

Was passiert, wenn ein Flugzeug kommt?

Wenn ein Flugzeug kommt, gehe ich zu Hause in die Innenräume und wir bleiben auf dem Boden, weil wir Angst haben, dass etwas auf uns fallen könnte. Und wenn ich auf der Straße bin, gehe ich in irgendein Gebäude in der Nähe.

Und in der Schule?

Wenn wir in der Schule sind, gehen wir nach unten und wenn es einen Keller gibt, gehen wir in den Keller.

Ist Deine Schule unterirdisch gelegen?

Überirdisch.

Machst Du Dir Sorgen um Deine Familie?

Ja. Weil ich sie liebe und sie mir wertvoll sind und wenn ich einen von ihnen verlieren würde, würde mir etwas fehlen und ich wäre sehr traurig.

Hast Du jemanden verloren?

Ja, ich habe meinen Freund verloren. Er war mit Freunden auf der Straße unterwegs und eine Rakete kam und er wurde von einem Schrapnell am Hals getroffen. Er war eine Woche im Krankenhaus, dann starb er.

[Frage fehlt]

Mein bester Freund. Wir waren immer zusammen, saßen nebeneinander am Tisch. Auf dem Schulhof spielten wir zusammen, immer zusammen.

[Frage fehlt]

Nein. Einen besten Freund oder einen geliebten Menschen vergisst man niemals.

Hussein, Lehrer in Aleppo

Die Unterrichtssituation in Syrien und vor allem in den von der Opposition kontrollierten Gebieten entwickelt sich von schlecht zu noch schlechter. Jedes Jahr ist schlimmer als das Jahr davor. Dafür gibt es viele Gründe. Der wichtigste ist: Das Regime bombardiert die Schulen mit anderen Waffen, wie Fassbomben, Vakuumbomben, Phosphorbomben, Splitterbomben und schließlich die bunkerbrechenden Bomben.

Und die Zerstörung zahlreicher Schulen und die hohe Anzahl an Kindern, die in den bombardierten Schulen ihr Leben verloren haben. Und der Mangel an den einfachsten Lehrmaterialien wegen der Belagerungen.

Auch wegen der Armut, die die Familien dazu zwingt, ihre Kinder zum Arbeiten zu schicken um für Brot auf dem Tisch zu sorgen, statt zur Schule zu gehen.

Letztes Jahr haben wir nach einem Alternativplan gearbeitet. Wir haben in Kellern und Schutzräumen im Untergrund unterrichtet. Die Kinder saßen auf dem Fußboden und haben alles mögliche als Tafel verwendet. [...] Aber der Plan kam bei den Kindern nicht besonders gut an, weil es keine Unterhaltungsangebote gibt und keinen Schulhof zum Spielen. Und wegen des Einsatzes der bunkerbrechenden Bombe können wir in diesem Jahr nicht nach dem Plan arbeiten, denn sie erreicht auch die Keller und zerstört ganze Gebäude.

In manchen Orten gibt es nur eine Schule und die ist durch Bomben zerstört. Das führt dazu, dass die Eltern ihre Kinder in eine andere Schule in einem Nachbarort schicken und das würde sie einem noch größeren Risiko aussetzen, also schicken die Familien sie gar nicht zur Schule.

Omar, Schuldirektor in Aleppo

Die Unterrichtssituation verschlechtert sich dramatisch, weil die Bombardierungen Jahr für Jahr häufiger und heftiger werden. Letztes Jahr haben die Flugzeuge zum Beispiel gewöhnliche Raketen mit begrenzter Wirkung verwendet. In diesem Jahr werden noch mehr Flugzeuge eingesetzt, die modernen russischen Flugzeuge, und es werden Waffen verwendet wie Napalm, Phosphor, Splitterbomben und die bunkerbrechenden Bomben, die unterirdische Schutzräume und Keller zerstören können. [...]

Der Unterrichtsrückgang in Ostaleppo wird durch verschiedene Faktoren verursacht. Der erste ist die fehlende Sicherheit wegen der Bombardierungen. Selbst wenn ein Ort geschützt und befestigt ist, machen sich die Eltern, Schüler und lokalen Vertreter ernsthafte Sorgen und haben Angst, ihre Kinder zur Schule zu schicken, weil die Straßen Angriffsziele sind, alles ins Visier genommen wird. Es gibt keinen Ort, der kein Angriffsziel ist, egal, ob schulische Einrichtungen, Krankenhäuser, Zvilschutzzentren, örtliche Verwaltungseinrichtungen. Und sogar die Straßen - wenn Du zu Fuß unterwegs bist.

Die Bombardierungen sind sehr heftig, das erzeugt einen Zustand des Schreckens und der Panik unter den Eltern und den Schülern. Das führt dazu, dass Eltern ihre Kinder nicht mehr zur Schule schicken. Denn, wie Sie wissen, große Versammlungen wie in Schulen, wo mindestens zwei- oder dreihundert Schüler zusammenkommen, wenn solch ein Ort bombardiert werden würde, wäre das ein furchtbares Massaker. Deshalb haben Eltern große Angst und schicken ihre Kinder nicht in die Schule.

"NEON"-Videoreportage: Die mutigen Helden von Aleppo