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Visionäre Niederländer: Eine Stadt ohne Müll

Engagierte Lokalpolitiker wollen aus einer holländischen Gemeinde eine Stadt ohne Müll machen. Erste Erfolge gibt es bereits: Ein örtlicher Fabrikant baut seine High-Tech-Kopiergeräte zu 80 Prozent aus recyceltem Material.

Von Albert Eikenaar

Er fühlt sich selbst absolut nicht als Umweltprediger. Eher als nüchterner Realist. Doch die Pläne, die er im Kopf hat, sind schon etwas visionär und sollen zu einem verblüffenden Ergebnis führen: Venlo, die erste müllfreie Stadt der Welt. Mark Verheyen, so heißt der Mann, ist von seiner Idee begeistert. Als "wethouder", Beigeordneter der Gemeinde, die sonst meist Negativ - Schlagzeilen als Hochburg der deutschen Kiffer macht, hofft er auf weltweit positives Interesse.

Der 31-jährige Politiker spornt Venloer Betriebe an, ihre Produktion so durchzuführen, dass keine Abfälle mehr anfallen, sondern dass diese immer in einer Art ewigem Kreislauf neu verwendbar sind. "Die Möglichkeit, alle Bestandteile der Produktion wieder zu verwerten, muss schon beim Entwurf mit eingebaut werden", erläutert der liberale Wirtschaftsexperte. Er erkennt die Vorteile. Zusammengefasst in einer Metapher heißt es schlicht: "Abfall ist Nahrung". Das bedeutet, dass Abfall nicht das Ende, sondern ein Neubeginn ist: Grundstoff für einen neuen Lebenszyklus. Und das bis in alle Unendlichkeit.

80 Prozent aus Recyclingmaterial

In seinem Glauben an eine saubere Umwelt ließ Verheyen sich inspirieren vom Hamburger Chemiker Michael Braungart und dem amerikanischen Architekten William Mc Donough.

Beide verkünden die Vorteile der ewigen Nutzung schon länger. Cradle to cradle, nennen sie das, von Wiege zu Wiege. Der Deutsche Braungart hilft Venlo, das Anti-Abfall-Projekt zu realiseren. Inzwischen hat Verheyen bei der örtlichen Industrie interessante Erfolge erzielt. Océ van der Grinten, einer der größten Hersteller von Kopiergeräten weltweit, baut seine neuen High-Tech-Apparate zu 80 Prozent aus Recyclingmaterial. Océ benutzt sie drei bis viermal, bevor sie endgültig zu Schrott erklärt werden.

Die Papierfabrik Van Houtum untersucht, ob sie die Produktion in Zukunft ohne giftige Überreste abwickeln kann. Tinte und Chemikalien testet man auf ihre Wiederverwendungsmöglichkeiten. Gemeinsam mit der Handelskammer versucht Verheyen, 50 innovative Betriebe noch vor 2012 nach den Braungart-Prinzipien "abfalllos" zu machen.

Früher Halde, heute Grundstofflieferant

Wie sieht es mit dem Küchenmüll der Einwohner aus? Spüren sie etwas vom Cradle-to-Cradle-System? Im Haushalt nicht direkt. Der Schlüssel liegt bei der privaten Firma Van Gansewinkel, die in Venlo die Haushalte entsorgt. "Früher ging der Restmüll zur Halde oder zum Verbrennungsofen. Wir waren nur Transporteure. Heute sind wir zu einem hochwertigen Grundstofflieferanten geworden, ein wichtiges Glied im Abfallkreislauf", so Sprecher Marc Ruis.

Der Betrieb will seine Rolle ausdehnen und künftig beinahe alles selbst verwerten, was die Verbraucher weggeworfen haben, vor allem Plastik und Papierverpackungen. So entsteht eine Müllverwertung, bei der Kriminelle das Nachsehen haben. Denn illegaler Mülltourismus wird ebenso vermieden, wie das geschäft mit giftigem Abfall. Für alte Autos und Haushaltsgeräte braucht Verheyen sich nichts einfallen zu lassen. Dafür existiert ein nationales, flächendeckendes Recyclingsystem - auch in Venlo.

Noch ehrgeiziger als die 50 Firmen, die ihren Abfallstrom durch Wiederverwendung eliminieren wollen, ist ein anderes Vorhaben. Aus der Weltgartenbauausstellung "Floriade", die 2012 in Venlo stattfindet, soll ein Musterprojekt im Rahmen der neuen Abfallphilosophie werden. Alle Gewächshäuser, Büroräume, Werkstätten und Pavillons, die für die Expo gebaut werden, wird man später neu einsetzen. Nach Beendigung der "Floriade" sollen sie dann den Greenpark bilden, ein Gewerbegebiet speziell für die Agrarwirtschaft. Nichts von diesem "Tor zur grünen Zukunft" geht verloren.

Auch nicht das Glashaus des Tomatengärtners Joep Raemakers. Er züchtet das Gemüse im Winter mit Hilfe von Wärme, die er im Sommer in einem geschlossenen Wassersystem gesammelt hat. Aus aller Welt reisen inzwischen Experten an, um dieses Energie-Wunder zu studieren.

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