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Anti-Koran-Film: Holland in Not

Der niederländische Regisseur Theo van Gogh musste für seinen islamkritischen Film sterben. Nun hat ein rechter Politiker einen blutrünstigen Anti-Koran-Streifen gedreht, der das Land erschaudern lässt und den die Regierung verbieten lassen möchte - Meinungsfreiheit hin oder her.

Von Albert Eikenaar, Amsterdam

Keiner hat den Film bisher gesehen - außer der Produzent selbst.Trotzdem fesselt der Phantomstreifen das ganze niederländische Volk. Jeder diskutiert darüber. Jeder hat eine Meinung. Man regt sich auf. Man ist wütend. Oder man hat einfach Angst vor möglichen Folgen. Seit dem Sommer hält "Fitna - Heimsuchung", wie der Film heißt, die 16 Millionen Niederländer im Griff.

Der Islam: mittelalterliche, rückständige, abscheuliche Religion

Die 15 Minuten dauernde Dokumentation soll klarmachen, wieso der Islam, laut den rechten Abgeordneten und Machers Geert Wilders, eine gefährliche, verwerfliche, mittelalterliche, rückständige, ja abscheuliche Religion ist. Der Politiker drehte "Fitna" nach dem Muster von "Submission - Unterwerfung", mit dem die ehemalige somalische Frauenrechtlerin und jetzige Niederländerin Ayaan Hirsi Ali den "Frauen verachtenden, unmenschlichen Islamglauben" anprangerte.

Der Filmemacher Theo van Gogh, der Hirsi Ali's Vorstellungen in Bilder umgesetzt hatte, wurde nach der Veröffentlichung von Submission ermordet. Jeder kennt das Handy-Foto von Van Gogh, auf der Straße liegend mit zwei Messern in der Brust. Eine symbolische Nachricht ging auch an Hirsi Ali: der Mord sei auch für sie bestimmt. Sie arbeitet jetzt bei einer renommierten Beraterkanzlei in Washington - weg von Holland.

Aus Rache eigene Partei gegründet

Geert Wilders hat seitdem ihre Rolle als Moslemkritiker übernommen. Er war Mitglied der Liberalen Fraktion, der VVD, eine traditionelle, konservative Volkspartei, eher braf als bissig. Der in Venlo an der deutschen Grenze geborene Wilders setzte sich von der Partei ab, weil er keine Zustimmung bekam, Sprecher zum Thema Ausländerpolitik zu werden. Aus Rache gründete er eine eigene Gruppierung, die "Partei der Freiheit". Neun von 150 Parlamentssitzen eroberte er bei den letzten Wahlen. In der aktuellen Prognose verdoppelte er diese Zahl fast.

Der rabiate, schwer rechtslastige Kämpfer gegen die "Auswüchse" des Koran vertritt die Interessen der Menschen, die meinen, dass die Niederlande früher oder später islamisiert werden, dass sie ihre Eigenständigkeit verlieren. Wilders schürt diese Ängste, sie sind seine fixe Idee. Seine Fans feiern ihn als "Retter des Vaterlandes". In einer Rede vom September 2007 wetterte er: "Etwa vor 1400 Jahren wurde uns der Krieg erklärt von einer Ideologie von Gewalt, verkündet von einem Barbaren, der sich selbst Prophet nannte. Ich rede über den Islam".

Mit Abscheu von Wilders distanziert

Alle im Parlament vertretenen Fraktionen distanzierten sich "mit Abscheu" von Wilders. "Schade. Denn diese Empörung war genau sein Ziel", schreibt ein Kommentar des Tageblatts Trouw resigniert. Für hunderttausende Niederländer, die die wachsende Zahl der Moslems fürchten, gelten Wilders' Sprüche als gefundenes Fressen. Für sie ist er der Held, der sich traut, alles zu sagen was er denkt, der sich nicht hinter vagen Floskeln verbirgt, sondern klare, brutale Standpunkte vertritt und es wagt, sie auszusprechen.

Wie im März 2007, als er in einem einzigen Satz die Aufmacher der Zeitungen beherrschte: "Ich werde wahnsinnig durch diesen Tsunami einer fremden Kultur, die hier immer dominanter wird". Der Vergleich mit der tödlichen Flutwelle wird ihm von seinen Gegnern auch jetzt noch vorgeworfen. "Wilders verursacht Zwiespalt in der Gesellschaft".

Millionen sind verunsichert

Die politischen Ziele, die Wilders sich setzt, verunsichern tatsächlich Millionen Bürger. Der Limburger mit der blondierten Mozartfrisur will die Immigration der Muslime stoppen, ihren Gottesdienst verbieten, andere ihnen zustehende bürgerlichen Rechte einschränken. Sie sollen zu Bürgern zweiter Klasse degradiert werden. Das wäre ein gravierender Verstoß gegen die Grundrechte. Wilders stört das nicht. In seinen Augen würde er mit solchen krassen Maßnahmen dafür sorgen, dass den Zustrom von Muslimen stoppen und die "Original"-Niederländer schützen würde.

Angeblich prangert er das auch in seinem Film "Fitna" an. Er zeigt, die blutrünstige Seite des Islam: enthaupten, aufhängen, abschlachten, verbrennen. Wilders konfrontiert die Zuschauer mit allen Variationen von Mord und Folter, die im Koran vorkommen, wie es laut den paar Informationen heißt, die durchgesickert sind. Die Reaktion auf diese paar Broken war absehbar: Islamorganisationen in den Niederlanden ließen durchblicken, die blasphemischen Beleidigungen nicht hinzunehmen.

Die Niederlande verharren in politischer Anspannung, solange Wilders nicht bereit ist, offen über den Inhalt seines Films zu reden. Er verweigert sich auch jeder Bitte, seine Mission zu stoppen, meidet Gespräche mit Kollegen anderer Fraktionen. "Wenn das als undemokratisch bezeichnet wird", so höhnt Wilders, "dann ist diese Demokratie nicht die meine". Seine Kritiker betrachten das als Feigheit. Dass "Fitna" tödliche Reaktionen auslösen könnte, nimmt er in Kauf. "Inhaltlich bleibe ich innerhalb der gesetzlichen Grenzen", ließ er wissen.

Regierung in der Klemme

Die Regierung steckt inzwischen in der Klemme. Monatelang hat sie hinter den Kulissen versucht, Wilders zum Reden zu bringen. Aber "Mr. Blondie" kapitulierte nicht. Er weigerte sich, die gravierendsten Anti-Koran-Passagen abzuschwächen. Laut Verfassung gilt totale "Meinungsfreiheit" in den Niederlanden. Deswegen gibt es keine Möglichkeit, vorab rechtlich einzugreifen. Erst nach der Sendung kann ein Richter beurteilen, ob der Abgeordnete gegen Gesetze verstoßen hat.

Premierminister Jan Peter Balkenende gab Juristen der staatlichen Anwaltskanzlei trotzdem den Auftrag zu prüfen, ob es Anhaltspunkte gäbe, Wilders' Film zu verbieten, vielleicht weil er die Staatssicherheit verletzte. Doch dieser Weg würde vor Gericht vermutlich scheitern, ebven weil der Inhalt noch nicht bekannt ist. Eine andere Möglichkeit wäre, den nationalen Notzustand auszurufen. Dann hätte wäre ein Eingriff in die Meinungsfreiheit rechtmäßig. Das dafür müssten erst Chaos und Unruhen drohen. Aber das ist noch lange nicht der Fall.

Anti-Wilders und Anti-Holland-Demonstrationen

Trotzdem verschärft sich die Situation. Im muslimischen Ausland werden immer mehr Anti-Wilders und Anti-Holland-Demonstrationen abgehalten. Sie verbrennen Fahnen. Niederländer, die dort arbeiten, werden eingeschüchtert. Regierungschef Balkenende wies Wilders eindringlich auf die Folgen hin. Nie sah man einen so entrüsteten Ministerpräsidenten im Fernsehen. Die Starrköpfigkeit Wilders' bereitet der Regierung ernsthafte Sorgen, wie auch aus der aktuellen Farbe der "Sicherheitsampel". Sie zeigt Orange, das heißt: Terrorgefahr ist nicht auszuschließen.

Die holländische Regierung hat sich bereits überlegt, was zu tun ist, wenn es zu Ausschreitungen, Aufruhr und Gewalt kommen würde. Aber mittlerweile tut sich der selbsternannte "Krieger gegen den Koran" schwer, überhaupt einen TV-Sender zu finden, der den Mut hat, "Fitna" auszustrahlen. Alle niederländischen Anstalten weigern sich bislang.

Wir sind nicht Wilders Propagandisten

Die Begründung unisono: "Wir sind keine Apostel, keine Propagandisten von Geert Wilders". Dieser überlegt nun seinen Streifen, der weltweit soviel Wirbel macht, im internationalen Haager Pressezentrum vorzustellen. Darüber verhandelt er noch. Der Vorstand wies die Bitte bislang immherin nicht zurück. Eine Bedingung gibt es aber auf jeden Fall: die Kosten der extra notwendigen Sicherheitsmaßnahmen muss Wilders selbst tragen.