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Vor Alkoholverbot in Hamburger Bahnen: Saufen im Fünf-Minuten-Takt

Am Freitagabend hat die Hamburger Facebook-Generation zum kollektiven Abschiedsbesäufnis aufgerufen – das Bier floss in Strömen.

Von Wolf-Hendrik Müllenberg

Hits der Kirmestechno-Band Scooter nachzugrölen, geht eigentlich immer. Das weiß auch Christoph. Er steht in der vollen S-Bahn und schreit in sein Megaphon, wie Scooter Frontmann H.P. Baxxter es kaum besser könnte: "Dip, dip, dip, dibi, dip, dip, dip!" Die Masse antwortet: "Dö, dö, dö, dö, dö, dö...!" Die Temperatur im Waggon steigt, Fenster werden geöffnet, Geruch von Wodka-Redbull und Zigaretten entweicht. Wir sind auf einer Bahnfahrt vom Hamburger Hauptbahnhof ins Hamburgische Niemandsland Wedel.

Nach Wedel fährt Christoph normalerweise nicht. Heute ist das anders, denn für diesen Trip verabredete er sich mit vielen anderen jungen Menschen beim sozialen Netzwerk Facebook. Anlass: Das "HVV-Abschiedstrinken". Ab dem 1. Oktober ist Alkoholkonsum in Bussen und Bahnen des Hamburger Verkehrsverbund (HVV) nicht mehr nur verboten, sondern wird auch bestraft. 40 Euro Bußgeld drohen jedem, der in öffentlichen Fortbewegungsmitteln Alkohol trinkt. Heute ist die letzte Gelegenheit straffrei ein Bierchen in der Bahn zu zischen.

Bei Facebook luden deswegen mehrere Personen anonym zu Saufgelagen in Hamburger Bahnen für Freitagabend ein. Es gab 11.000 Zusagen. Zeitweise zitterte die Stadt schon vor einem "Thessa Reloaded". Zur Erinnerung: Thessa war das Mädchen, das nicht genau wusste, wie Facebook funktioniert. Versehentlich lud sie öffentlich jeden Facebook-Nutzer zu ihrem 16. Geburtstag ein. Über tausend Menschen kamen und verwandelten Thessas beschauliches Wohngebiet Hamburg-Bramfeld in eine riesige Partymeile.

Polonäse in der S-Bahn

"Immer im Kreis durch die Innenstadt, so lange bis die Kotze sauer schmeckt", lautete eine griffige Facebook-Parole für das "HVV-Abschiedstrinken". Christoph, der Junge mit dem Megaphon, ist erstmal dieser Ansage gefolgt: "20 Uhr Hbf, Bahnsteig der S1 Richtung Wedel. Dann in die erste Bahn, die kurz nach acht kommt einsteigen."

Weil jeder die Einladungen bei Facebook lesen kann, ist Christoph jetzt nicht alleine hier: Mit ihm ist ein Mob aus feierwütigen Jugendlichen. Und dann sind da noch die vielen Medienschaffenden, die mit ihren sperrigen Kameras und Mikrofonen kaum noch in den Waggon passen. Sie notieren sich fleißig Dinge und machen ganz viele Bilder. Bilder wie diese: Jugendliche tanzen die Polonäse in der S-Bahn, Jugendliche wippen im Takt zu Elektro-Musik eines kleinen Ghettoblasters und nippen an ihren Mix-Getränken aus Plastikflaschen.

Dass, die Kamerateams diese Bilder einfangen, gefällt Christoph nicht. "Die können ruhig verschwinden, weil die alles hindrehen, wie sie wollen", sagt Christoph, der eigentlich anders heißt, seinen Namen aber nicht im Internet lesen möchte. Er sei hier nicht nur wegen einer guten Party. "Ich bin gegen die HVV-Willkür und für die Freiheit das Getränk meiner Wahl in der Bahn zu konsumieren!" Seine Ausführungen gehen beinahe in den Chören der Menge unter: "Hier regiert der Alkohol!"

Eine Frage des Lifestyles

Das Alkoholverbot begründet der HVV mit der Sicherheit seiner Fahrgäste. Eine telefonische Umfrage unter 1200 Personen belegte, dass der Alkoholkonsum die Hamburger stört. Der HVV folgte dem Wunsch seiner Kunden, obwohl sich die Frage nach einem strikten Alkoholverbot gar nicht so sehr aufdrängte - besonders wenn man die Hanse- mit der Hauptstadt vergleicht. In Berlin sorgten vor allem bundesweit prominente Fälle, wie der von Torben. P. für Diskussionen. Im April trat P. im Vollrausch auf dem Berliner U-Bahnhof Friedrichstraße auf sein Opfer ein. Doch die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) halten von einem Alkoholverbot wenig. BVG-Sprecher Klaus Wazklak sagte einmal: "Wir haben den Eindruck, dass die Flasche Bier in Berlin zum Lifestyle gehört".

Anneline H. beneidet Berlin etwas für diesen "Lifestyle". Von der Party in Hamburg hat auch Anneline bei Facebook erfahren. "Wo sonst, da läuft ja alles!" Mittlerweile ist der Zug schon 20 Minuten unterwegs und fast in Hamburgs edlem Stadtteil Blankenese angekommen. Anneline ist mit ihrer Freundin Magdalena hier. Die sagt: "Wir müssen eben bei Allem mitmachen." Magdalena war schon bei Thessas unfreiwilliger Facebook-Party im Juni.

"Das mit dem Facebook geht auch vorbei"

Doch so viele Menschen, wie bei Thessa kommen heute nicht, glaubt Magdalena. Das liege auch an Facebook, viele Einladungen für das "HVV-Abschiedstrinken" habe das Unternehmen einfach gelöscht. Magdalena blickt durch die Fensterscheibe am Ende des Waggons und sieht dahinter nur ein paar Menschen, die brav auf ihren Plätzen sitzen. Insgesamt vergnügten sich nur 1000 Jugendliche in Hamburgs S- und U-Bahnen. "Zum Glück" seien es nun doch deutlich weniger geworden, sagte Hochbahn-Sprecher Christoph Kreienbaum.

Die Hamburger Hochbahn und die Deutsche Bahn hatten vorsorglich ihre Sicherheitskräfte auf über 200 Mann verstärkt. Doch die griffen selten ein. Ein Wagen der Hochbahn musste nach Randale aus dem Verkehr gezogen werden. "Das ist ärgerlich, aber es hätte auch schlimmer kommen können", sagte Kreienbaum. Und in mehreren Zügen wurde die Notbremse gezogen - auch in der S1, die mittlerweile etwas verspätet auf ihrem Weg von Wedel zurück zum Hamburger Hauptbahnhof ist.

Der Elektro läuft hier inzwischen etwas leiser, gegrölt wird dennoch, ab und an. Als der Zug an der Haltestelle Dammtor zum Stehen kommt, wartet da schon der 68-jährige Paul Hoffmann mit seiner Frau. Die beiden waren gerade im Kino und wollen eigentlich gleich in die Bahn steigen. Der kleine Paul Hofmann legt die Stirn in Falten und beugt sich nach vorn Richtung Party-Waggon. Jetzt möchte er doch lieber einen Zug später nehmen. Ob er wisse, warum die Menschen hier feiern und was Facebook damit zu tun hat? "Ach wissen Sie", sagt er, "es ist schön, dass man nicht alles weiß. Und das mit dem Facebook geht auch vorbei."

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