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Weesenstein: Suche nach der Mitte

Das Dorf im Müglitztal ist zum Synonym für die verheerende Flut geworden. Der Ortskern wurde bis heute nicht aufgebaut. Viele sind weggezogen, andere kämpfen um die Zukunft. Und gegen die seelischen Wunden.

Stefan Schüler hat bis zur Flut fünf Jahre an seinem Haus gebaut und nach der Flut acht Monate. Es war stehen geblieben, weil die Häuser davor nacheinander gefallen waren und so die Wucht des Wassers verringert hatten. Die Müglitz kam nur bis in den zweiten Stock der Schülers und nicht im Obergeschoss wieder heraus wie bei den anderen. Kurz vor Ostern waren Elektrik und Fußbodenheizung installiert. Stefan Schüler wollte in diesen Tagen zurück sein, mit seiner Frau und dem Baby, seiner Schwester und ihrem Freund. Es wäre ein Fest geworden. Aber ein Jahr nach dem Hochwasser wird er den Abriss organisieren. Er weiß nur noch nicht, ob er es selbst tun wird. Dabei sein will er auf jeden Fall. Um Abschied zu nehmen.

Zu jung, um zusammenzubrechen

Stefan Schüler ist 23 und zu jung, um zusammenzubrechen. Wenn er nicht mehr kann, kippt er ein paar Bier, wie in der Nacht, als er mit der Familie und den Mietern eingeschlossen war in seinem Haus. Sie hatten überlegt, zu springen und eine Flasche in den reißenden Fluss geworfen, um die Strömung zu testen. Der gelernte Maurer hat erfahren, dass die ehemalige Mühle, Familienbesitz seit 150 Jahren, dem Hochwasserschutzkonzept der Talsperrenverwaltung im Weg ist.

Dort, wo später Schülers Kinder Cowboy und Indianer spielen sollten wie früher der Papa, braucht der Bach ein breiteres Bett. Drei bis fünf Meter zum Auslaufen, für die nächste Sintflut. Eine absurde Vorstellung in diesen Tagen, wo Sachsen austrocknet und die Müglitz mit ein paar Steinen zu stauen ist. Vor einem Jahr war das Wetter ähnlich, sagt Stefan Schüler, und auch jetzt lade sich die Luft wieder auf.

Wunder in Weesenstein

Dass Schülers Haus nach dem 12. August noch stand, erschien vielen Weesensteinern wie ein Wunder. Sie haben sich daran aufgerichtet. Und geschworen, ihrem Dorf wieder ein Gesicht zu geben, ein schöneres als zuvor. Es gab Architekturwettbewerbe, Ideen für Häuser auf Stelzen oder mit Hanglage.

Viel ist passiert: Im barocken Schlosspark steht die Statue der Flora wieder an ihrem Platz. Die Pension Püschel, fast fortgeschwemmt, vermietet Zimmer. Die Schlossgaststätte war in Rekordzeit auf Vordermann gebracht, das Cafe "Kaiserstüb'l", weit gerühmt für sein Buttergebäck, verdreifachte die Fläche. Der Elan des Besitzers, Matthias Kaiser, 42, ist kaum zu bremsen. Man könne doch einen Fluttunnel durch den Fels bohren, eine Art Dorfumgehung für den Fluss. Das würde zwölf Millionen Euro kosten, ein "Lacher" bei dem vielen Geld, das gesammelt worden sei. Im neuen Teich hinterm Cafe schwimmen Koi-Karpfen, in der Küche steht eine 15 000 Euro teure Kaffeemaschine aus Italien. Kaiser braucht sie für die "Reisebusse voll mit Rentnern, die alle gespendet haben und mal gucken wollen, was wir mit ihrem Geld so gemacht haben".

Die Müglitz hat die Dorfmitte kassiert

Die Menschen suchen Häuser, wo heute Geröll ist. Schweres Geröll wie nach einem Lawinenabgang, zu viele Felsbrocken für das Ufer eines kleinen Baches. Die Müglitz hat die Dorfmitte kassiert und plätschert müde dahin. Mücken surren über Steine, der mal Ortskern war. Hier wohnten Neutmanns und Sobczinskis, Jahns und Fritzsches, hier ging die alte Steinbrücke über den Fluss. Hier waren Gärten und standen Obstbäume. Am Ende der Schulstraße überlebte der Maurer Heiko Jäpel mit zwei Kindern und der Oma auf einer 36 Zentimeter schmalen Hauswand, während seine Frau bei Püschels oben eine Schreckensnacht lang verzweifelt und vergebens übers Handy um Hilfe rief. Stefan Schüler hört noch die Schreie der Kinder: "Mutti, Mutti, hilf uns."

Als am Morgen endlich Hubschrauber kamen und einen nach dem anderen von den Dächern holten, Kinder und Alte zuerst, entschied Stefan Schüler, sein Haus sausen zu lassen; er hatte ja noch sein Leben. Als die Helfer anrückten, fünf Soldaten eine Woche lang den Keller ausschippten, als Leute von der Gemeinde kamen und der Pfarrer und alle sagten, sein Haus sei ein Symbol, da machte er sich wieder an die Arbeit. Er fühlte sich auch verpflichtet durch 120 000 Euro an Spenden.

Schüler war am Ende

Die Hälfte hatte er verbaut, als die Frau von der Talsperrenverwaltung kam und erklärte, wenn es richtig schütte, werde Weesenstein zum Nadelöhr. Sein Haus liege an der engsten Stelle. "Die Frau hat ganz sachlich geredet und das Menschliche raus gelassen", sagt Schüler. Die Schülers sollten überlegen, das Haus dem Freistaat zu verkaufen. Blieben sie, würden sie später vielleicht nur den Zeitwert erhalten. Stefan Schüler war am Ende. Er hatte für die nächsten Tage seine Kumpel zum Verputzen bestellt und wollte sie nicht einfach fortschicken.

Erpressung. Enteignung. Nötigung. Helmut Berthold, 40 Jahre Gottes Mann im Müglitztal, hört nicht auf mit dem Schimpfen. Pfarrer im Ruhestand ist er. "Pfarrer in Rage", sächselt Berthold. Zwei Herzinfarkte, drei Bypässe. Er hat die Weesensteiner getauft und getraut. Vor der Wende holte er die Kleinen in seinen klapprigen Wartburg-Kombi mit hängendem Auspuff zum Konfirmandenunterricht. Der achtfache Großvater sagt, Weesenstein dürfe nicht zum Wasserauffangbecken werden, der Fluss nicht zu einer Flutrinne. Nach jedem Krieg sei doch auch aufgebaut worden.

Seelen streicheln und Hände halten

Gleich nach der Katastrophe hatte er das Kommando übernommen. Seelen gestreichelt und Hände gehalten. Bei Gott sei kein Ding unmöglich, sagt Berthold immer. Der Krisenstab traf sich auf dem Schloss, das Fels war in der Brandung. Über offenem Feuer wurde Gulaschsuppe gekocht, es gab keinen Strom. Unvorstellbares habe der Pfarrer geleistet, sagen die Leute. Er hat in all dem Chaos einen Grabstein, angeschwemmt vom Friedhof in Glashütte, bergen lassen. Er musste die Webers identifizieren, die ihr Auto vor den Fluten retten konnten, nicht aber ihr Leben. Das Paar wurde im eigenen Haus erschlagen. Und der alte Pfarrer hat Geld gesammelt: 170 000 Euro. Am Ende bekamen sogar die Kleingärtner hinter Weesenstein noch ein paar Scheine ab.

Geld ist genug geflossen im Müglitztal. Fast zweieinhalb Millionen Euro, annähernd das Doppelte dessen, was der Gemeinde im Jahr zur Verfügung steht. Hilfsangebote, Tag und Nacht: bis hin zu Briefen von Menschen, die ein Lammfell schicken wollten, "aber nur für ein deutsches Kind". Unheimlich sei ihm das vorgekommen, sagt Bertholds Nachfolger Christian Lehnert, 34, Vorsitzender des Spendenausschusses. "Zur gleichen Zeit gab es bei Hochwassern in Bangladesch Hunderte Tote. Uns brachte jede neue Einstellung im Fernsehen frisches Geld."

Prima Quote, zweistellig

Richtige Charaktere hätten sich entwickelt, Darsteller, sagt der Pfarrer. Oma Niederle, 83, zum Beispiel, die elf Monate nach der Flut immer noch mit Kater Peterle in einem Container mit Gardine wohnt. "Ein absoluter Fernseh-Typ", schwärmt die Redakteurin vom ZDF. Mit den Aufräumarbeiten war ihr Team für zwei Monate ins Müglitztal gezogen, für eine Doku-Soap in acht Folgen. Prima Quote, zweistellig. Zwei weitere Folgen kommen jetzt.

Viele Flutopfer, sagt Christian Lehnert, haben schwere seelische Wunden, "das bemerkt man erst in langen, tiefen Gesprächen. Der Weg der eigenen Auseinandersetzung wird aber erschwert durch die dauernde Wiederholung in den Medien". Die Katastrophe in den Knochen, hatten sich einige Weesensteiner anfangs gegen die Kameras gewehrt; aber da hat Schauspieler Rolf Hoppe, der oben auf dem Schloss oft zu Kaminlesungen lädt, seinen Weesensteinern erklärt, sie sollten das Interesse für sich nutzen. Heiko Jäpel ist allerdings fast zusammengebrochen, als er sich für die ARD in das Geröllfeld stellen sollte, wo die Mauer war, auf der er seinen Kindern Hoffnung machte, während seine Mutter sich die Decke über den Kopf zog und mit dem Leben abschloss. Die Jäpels sind nach Meusegast gezogen. Es ist so viel passiert, sagt Stefan Schüler, man komme nicht zur Ruhe. Er sagt aber auch: "Ohne die Medien hätten wir nicht so viele Spenden bekommen."

Der Neid frisst sich durchs Dorf

Es sind alle ein bisschen überfordert in Weesenstein. Der Bürgermeister sitzt abgeschlafft in einem Container hinter der Müglitz, das beschädigte Gemeindeamt steht noch leer. Der Sozialarbeiter vom Container gegenüber sagt, der Bürgermeister brauche dringend Urlaub. Jörg Glöckner, 41, hat nicht viel Zeit zum Reden. Besucher aus dem Westen, die Geld gesammelt haben, Sitzung beim Landrat, Vortrag vor Katastrophenschützern. Und immer muss er aufpassen, dass sich nicht der Neid durchs Dorf frisst, weil ein er womöglich mehr bekommen hat als der andere.

Verteilt wurde in sechs Kategorien, "von ganz weg bis Keller abgesoffen". Ganz weg gab 40 000 Euro. Schnelle Hilfe, unabhängig von Versicherungen und Sächsischer Aufbaubank. 2001, sagt Glöckner, waren wir eigentlich fertig mit dem Aufbau. Abwasser, Straßen, Häuser, alles vom Feinsten. Auch er will nicht, dass Geröll bleibt, wo die Mitte war. Dass dort ein Parkplatz hinkommt. Aber Glöckner wartet ab, was die Leute von der Talsperre sagen. Es wird vermessen und verhandelt, es werden Fehler gemacht und Planungen über den Haufen geworfen. Wir arbeiten weit über das Maß, was wir verkraften können, hinaus, sagt der Bürgermeister. Doch den Leuten gehe es nicht schnell genug.

Pfahl im Ort

"Der Fluss benötigt nun mal Platz. Und wir brauchen Zeit." Wenn die Weesensteiner nicht wissen, wohin mit ihrer Ungeduld, kriegt es Glöckner ab. Er habe gehört, sagt er, ein Bürgermeister sei der Pfahl im Ort, an dem sich jede Sau scheuert. Warum er am 12. August im Urlaub sein wolle und nicht in Weesenstein? Wo die Brücke bleibe? Ob Zochers, Flurstück 116, ihr 1890 errichtetes Haus behalten können oder der Bach dort einziehen soll?

Der Bürgermeister habe ihm Bestandsschutz zugesichert, sagt Herr Zocher auf einer Bürgerversammlung. Nein, sagt Herr Glöckner, das steht mir doch gar nicht zu. Und die Frau von der Talsperrenverwaltung sagt, wir haben das doch längst besprochen. Sie bekommen Bescheid. So geht das jetzt seit Monaten. Der letzte Stand ist, dass Zochers die Wahl haben: Entweder mit Stützmauern und dem Restrisiko leben, solange die Rückhaltebecken oben im Gebirge noch nicht fertig sind. Oder aufgeben und 160 000 Euro Entschädigung akzeptieren, obwohl bereits 60 000 Euro Spendengelder ins Haus gesteckt wurden. Pfarrer Berthold meint, er werde sich an Zochers Haus ketten lassen, wenn auch das noch abgerissen werden sollte. "Wenn die Kinder weg sind, hat unser Ort keine Zukunft mehr."

Entschädigung für das wertlose Grundstück

Die Kinder sind weg. Jetzt ziehen auch die Schülers nach Burkhardswalde auf den Berg. Sicher hätten ihm die Leute von der Talsperre das mit dem Abriss früher erklären können, sagt Stefan Schüler. Bei einer Entschädigung von 220 000 Euro plus 21 000 Euro für das nunmehr wertlose Grundstück ist er aber nicht auf Krawall aus. Die Schülers werden da bauen, wo auch die Schäfers und Fritzsches sich niederlassen und wo die Meyer-Wilks bereits seit Weihnachten wohnen. Sie nennen ihren Hügel Klein-Weesenstein und den Weg hinauf "Straße des 12. August".

Von knapp über 200 Einwohnern sind noch 140 da, sagt Bürgermeister Glöckner. Berthold spricht von 90. Die Jahns, sagt er, hätten im Frühjahr ein trotziges Zeichen gesetzt und einen Briefkasten in die Einöde gerammt. Und jetzt der Baustopp. Mal so, mal so. Es gehe ihm um ein Lebensgefühl, das sich entwickelt habe, um die Daseinsberechtigung eines Dorfes; die Frauenkirche in Dresden werde ja auch wieder aufgebaut.

Bei den Jungen kommt das nicht mehr an. "Ge-Weesenstein", sagt Anke Meyer-Wilk, 32. Die Krankenschwester hatte sich mit ihrer Familie ins zweite Obergeschoss gerettet, als eine dicke Linde aus dem Schlosspark ins Haus schoss und der Lastesel vom Schlossbraumeister über die Brücke flog. Irgendwann dachte sie nur noch, dass ihre kleine Tochter Emilie, damals zwei, wohl ein sehr kurzes Leben gehabt haben würde und es hoffentlich für alle ein schneller Tod werde. Heute bestaunen die Davongekommenen ihr schönes neues Haus und fragen sich, wer denn die Inneneinrichtung bezahlt habe und woher das teure Kinderzimmer komme. Ob die beiden neuen Autos geleast oder auch von der Allianz ersetzt worden seien. Niemand fragt, wie es uns geht, sagt Anke Meyer-Wilk.

Erst der Kanzler und danach die Frau Merkel

Zehn Kilometer weiter, in Pirna, sitzt Hans-Jürgen Glasebach, der Chef der Talsperrenverwaltung. Ich war der erste Beamte im Freistaat, der nass geworden ist, scherzt Glasebach: Seine Behörde stand gleich unter Wasser. Als jetzt der Kanzler da war und danach die Frau Merkel, hat er noch mal betont, dass man wohl viel mehr Geld brauche für Rückhaltebecken und Talsperren als die veranschlagten 720 Millionen Euro. Zwei Drittel Sachsens waren überflutet, in Rekordzeit Schutzkonzepte erstellt. Wo die Häuser standen in Weesenstein, hätte nie gebaut werden dürfen, sagt Glasebach. Beim nächsten Mal werde die Müglitz wieder gegen den Fels schießen und die alten Wege nehmen. Man habe nun die Chance, Fehler der Vergangenheit zu vermeiden.

Von wegen Jahrhundertflut: 2002 war das vierte große Wasser in Weesenstein in gut hundert Jahren. 1897 vernichtete die Müglitz das Gemeindehaus unterhalb des Schlossbergs; 1898 wurde es wieder aufgebaut. Diesmal fiel es innerhalb einer halben Stunde. 1927 tötete eine vier Meter hohe Flutwelle die Leute im Schlaf: Im Müglitztal starben 59 Menschen. Die Leute vergessen schnell, sagt Glasebach. 1957, nach einem weiteren Hochwasser, organisierte er als junger Ingenieur die Umsiedlung im benachbarten Gottleuba-Tal. Damals galt dem Talsperrenbau oberste Priorität; die DDR hätte einen Dammbruch nicht überlebt, sagt Glasebach. Für die Müglitz war allerdings kein Geld mehr da, das kommt erst jetzt. Er spricht von Abflussereignis und Abführvermögen und Aufweitung des Talprofils; das Bild der Jäpels auf der Mauer war Thema bei der Welt-Talsperrenkonferenz in Kanada. Wenn ich gefragt würde, sagt Glasebach, würde ich den Leuten raten, packt die Koffer, denkt an eure Kinder.

Katastrophengebiet Osterzgebirge

"Wer jetzt noch nicht verstanden hat, dass er Vorsorge treffen muss, dem kann nicht mehr geholfen werden", sagt Ulrich Kraus, Chef der Leitstelle Wiederaufbau im sächsischen Innenministerium. Man müsse davon ausgehen, dass sich in Zukunft im Osterzgebirge lokale Katastrophen häufen werden. Tornados mit Gewittern und örtlichen Extremniederschlägen, bis zu 21-mal in einem Sommer. Wie im 70 Kilometer entfernten Seiffen, wo jetzt im Mai ein plötzlicher Regen große Schäden verursachte. "Sie werden in Zukunft ein solches Drama nicht mehr sozialisieren können", sagt Kraus.

Stefan Schüler hat sein Haus abgehakt. Endlich. Manchmal hatte er noch überlegt: Bist du jetzt ein Verräter? Aber dann denkt er an seine 16 Monate alte Tochter Michelle und daran, dass es auch anders hätten kommen können. Einige in der Gemeinde denken daran, gegenüber seinem Grundstück einen Kinderspielplatz mit Streichelzoo zu bauen. Und in der Mitte eine Arche Noah aus Holz.

Uli Hauser / Mitarbeit: Kuno Kruse / print
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