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HOCHWASSER: Notstand in Sachsen und Bayern

Das Hochwasserchaos in Dresden hält an, Passau erwartet neue Pegelhöchststände, und in Prag werden 40.000 Menschen evakuiert.

Mehrere Tote, zehntausende Evakuierungen und unüberschaubare Millionenschäden: Sachsen wird von einer der verheerendsten Hochwasserkatastrophen seiner Geschichte heimgesucht. Die Jahrhundertflut verwandelte Flüsse und Bäche im Erzgebirge in reißende Ströme, in denen bis zu neun Menschen starben. Man befürchte das Schlimmste, erklärte das sächsische Innenministerium am Dienstag. Mehrere Ortschaften waren von der Außenwelt abgeschnitten. Auch in Bayern blieb die Lage angespannt: Nach dem schlimmsten Hochwasser in Passau seit 1954 droht nun Regensburg eine Flutwelle.

Bis zu 30.000 Evakuierungen

Tausende Helfer von Feuerwehren, Technischem Hilfswerk, Rotem Kreuz, Polizei und Bundeswehr kämpften in den Krisengebieten gegen die Wassermassen und retteten Menschen aus den gefährdeten Regionen. Die Behörden sprachen von bis zu 30.000 Evakuierungen. In Sachsen wurden am Dienstagabend noch sieben Menschen vermisst. Allein in Schlottwitz riss eine Flutwelle drei Menschen mit sich, darunter ein Kind. Zuvor war bei Müglitztal südlich von Dresden ein 71-jähriger Mann tot aus den Fluten geborgen worden. Wenig Hoffnungen gab es auch für einen Feuerwehrmann, der im selben Ort vom Strom mitgerissen worden war. Bereits am Montag war in Dresden eine 68-jährige Frau ums Leben gekommen.

Katastrophenalarm in 14 Landkreisen

Die Behörden lösten Katastrophenalarm in 14 Landkreisen und Städten aus. Teile Dresdens versanken in den Fluten der Elbe. Die Wassermassen drangen auch in die Semperoper, den Zwinger und den Landtag ein. Stromversorgung und Telefonverbindungen fielen massenweise aus. Allein in Chemnitz und Dresden funktionierten rund 100.000 Telefonanschlüsse und mehrere Handy-Netze nicht mehr. Auch der Bahnverkehr wurde großflächig lahm gelegt. Mehrere Autobahnen mussten wegen Überflutung gesperrt werden. Am Abend mussten nach Angaben des Oberbürgermeisters auch in Dessau 4.500 Menschen ihre vom Wasser bedrohten Häuser verlassen.

Flucht in Kirche

In der Frauenkirche im sächsischen Grimma begann am Abend die Bundeswehr trotz starker Strömung, mit schweren Booten 50 Menschen zu befreien, die vor den Fluten in das Gotteshaus geflüchtet waren. Auch in der Grimmaer Altstadt, die nach Angaben des Landratsamtes unter einem »reißenden Strom« stand, warteten 150 Anwohner auf Hilfe. Die Behörden forderten Hubschrauber an, um die Menschen aus den gefährdeten Gebäuden zu evakuieren. In Eilenburg weigerten sich einige der 30.000 Einwohner, ihre Häuser zu verlassen, obwohl eine Flutwelle des Flusses Mulde drohte.

Weiteren Regenmengen in Anmarsch

Nach Angaben des Innenministeriums gab es auch Zwangsevakuierungen. Die Gebäude würden gesichert, um Plünderungen zu verhindern. Meteorologen warnten vor weiteren großen Regenmengen in den sächsischen Hochwassergebieten. Das für die katastrophalen Überschwemmungen verantwortliche Regengebiet ziehe langsamer als erwartet ab.

Leichte Entspannung in Passau

Auch in Passau hatte sich die Lage bis zum Vormittag dramatisch zugespitzt. In der Altstadt standen Häuser bis zum ersten Stock unter Wasser. Die in weiten Teilen überflutete Innenstadt wurde für den Verkehr gesperrt und war nur noch zu Fuß erreichbar. Doch im Laufe des Tages fiel der Pegel der Donau in Passau von 10,80 Meter, dem höchsten Stand seit 1954, wieder um wenige Zentimeter.

Hochwasseralarm in Regensburg

Unterdessen rief die Stadt Regensburg Hochwasseralarm aus und ließ vorsorglich Stege errichten. Die Pegel der drei Flüsse der Stadt - Naab, Regen und Donau - stiegen beständig an. Für die Donau wurde für 22.00 Uhr ein Stand von 5,65 Meter erwartet, Katastrophenalarm wird bei 6,10 Meter ausgelöst.

Spendenaufrufe

Bundesinnenminister Otto Schily versprach bei einem Besuch der Hochwassergebiete, mit Krediten über hundert Millionen Euro den Opfern helfen zu wollen. Die bayerische Landesregierung kündigte ein regionales Programm für die betroffenen Bauern an. Hilfsorganisationen riefen zu Spenden auf.

Erzgebirge: Retter kommen nicht voran

Im Mittleren Erzgebirge wurden mehrere Menschen verletzt, zwei Personen wurden vermisst. Im Weißeritzkreis ist das Schicksal von sieben Menschen ungewiss, die nach Angaben des Krisenstabes in die Müglitz gestürzt waren. Der Rettungsdienst hat mancherorts keine Chancen, zu den Opfern durchzudringen. Straßen sind auf Grund von Unterspülungen, Erdrutschen und Überflutungen nicht passierbar. In vielen Orten fiel der Strom aus, Telefonleitungen waren häufig unterbrochen.

Pegel steigen weiter

Das Donauhochwasser erreichte in der österreichischen Stadt Ybbs mit 8,41 Metern eine neue Rekordmarke. Die Experten befürchten jedoch noch höhere Pegelstände. »Die Stadt versinkt in der Donau. Wir müssen mit dem Schlimmsten rechnen«, sagte der Bürgermeister. Rund 3.000 Menschen säßen in ihren Häusern fest. Ein Feuerwehrmann ist als vierter Hochwassertoter in Österreich zu beklagen.

Österreich: Stauseen öffnen alle Schleusen

Besonders kritisch war die Lage auch im niederösterreichischen Wald- und oberösterreichischen Mühlviertel. Im Kamptal, das schon in der Vorwoche vom Hochwasser verwüstet worden war, wurden die Menschen aus den Häusern entlang des Flusslaufes in Sicherheit gebracht. Die drei großen Stauseen öffneten alle Schleusen, weil sie das Wasser nicht mehr aufnehmen konnten. Im Mühlviertel (östlich von Linz) brach ein Damm des Aist-Baches, wodurch großflächige Überflutungen ausgelöst wurden.

Prag: 40.000 evakuiert

Prag droht nach Angaben von Oberbürgermeister Igor Nemec ein Jahrhundert-Hochwasser. Die aus Südböhmen kommenden Fluten werden am frühen Dienstagmittag die bereits teilweise überschwemmte Stadt erreichen. In strömendem Regen setzten die Rettungskräfte in der Hauptstadt die Evakuierung von fünf direkt an der Moldau liegenden Stadtbezirken fort. Etwa 40.000 Menschen sollen in Ersatzunterkünften untergebracht werden. Aus Sicherheitsgründen wurden die historische Karlsbrücke sowie mehrere Metro-Stationen gesperrt. In der südböhmischen Stadt Ceske Budejovice (Budweis) überstieg das Wasser am Morgen die Sandbarrieren und begann die Innenstadt zu fluten.