HOME

Air-France-Bruchlandung: Die Gefahr lauert hinter der Landebahn

Die Ursachenforschung um den Landeunfall des Airbus in Toronto ist in vollem Gange. Schlechtes Wetter, Technikversagen, Aquaplaning oder Pilotenfehler - alles scheint möglich. Doch auch der Faktor "Flughafen" hat seinen Anteil.

Von Jan-Arwed Richter

Flug AF 358 landete auf der neuesten Landebahn des Flughafens Toronto-Pearson International, die erst vor einem Jahr eingeweiht wurde, um den Verkehrszuwachs am Flughafen bewältigen zu können. Zwar ist diese Bahn mit der allerneuesten Anflugtechnik bestückt, doch jenseits des Flughafenzauns ist kaum etwas investiert worden, um die Sicherheit zu erhöhen.

Dabei sollte man spätestens seit dem 26.Juni 1978 vorgewarnt sein. Damals schoss auf der Parallelbahn eine DC-9 der Air Canada nach einem Startabbruch mit hoher Geschwindigkeit über das Bahnende hinaus und rutschte in die gleiche Erdsenke hinein, die 27 Jahre später dem französischen Airbus ebenfalls zum Verhängnis wurde. Zwei Insassen kostete der Unfall das Leben.

Das Gelände sollte eben sein

Das Gelände um jeden größeren Flughafen der Welt sollte so geebnet sein, dass derartige Unfälle, wie in Toronto nicht zum Auseinanderbrechen des Flugzeugs führen. Besonders direkt hinter der Landebahn ist es kritisch. Pro Jahr kommt es dutzende Male zu sogenannten "Overruns". Diese verlaufen meist nur deswegen glimpflich, weil das Gelände eben ist.

Doch viele Flughäfen verfügen nicht über diesen Sicherheitsaspekt. So stürzte 1977 eine Boeing 727 der portugiesischen TAP hinter der Landebahn auf der Insel Madeira einen steilen Abhang hinab und zerschellte. 131 Todesopfer waren die Bilanz. Erst vor wenigen Jahren wurde die Bahn in Madeira mit großem Aufwand verlängert, um einer Wiederholung vorzubeugen. Vor zwölf Jahren prallte ein A320 der Lufthansa nach missglückter Landung in Warschau gegen einen Erdwall, der sich direkt hinter dem Bahnende befand. Zwei Menschen, darunter einer der Piloten, kamen damals ums Leben. Auch hier hätte sehr wahrscheinlich niemand sterben müssen, wenn es geeignete Überrollflächen gegeben hätte.

Häufig wird gespart

Aus Kostengründen scheuen viele Flughafenbetreiber diese sehr aufwendigen Arbeiten in Angriff zu nehmen. Oftmals verhinderte die Landschaft selbst den Bau von "sicheren" Landebahnen. Vor allem in Lateinamerika geht es hinter den Flughäfenzäunen oft steil bergab. Platzmangel zwingt zu Kompromissen in Sachen Sicherheit. Besonders die Flughäfen Bogota-El Dorado, Sao Paulo-Congonhas, oder der Flughafen in Equadors Hauptstadt Quito zählen zu den "Sorgenkindern" im internationalen Luftverkehr. Dort kommt erschwerend hinzu, dass dichte Wohnbebauung in direkter Nachbarschaft zur Landebahn errichtet wurde. 1999 begrub eine kubanische DC-10 einige Wohnhäuser in Guatemala Stadt unter sich, bevor sie zum Halten kam.

Auch die Anflugbefeuerung kann zur tödlichen Gefahr werden. Die Flughäfen investierten in den vergangenen Jahren Millionensummen in neue "leichte" Anflugmasten und Landelichter. Die alten waren so massiv gebaut, dass Flugzeuge regelmäßig daran regelrecht "aufgeschlitzt" wurden und es viele unnötige Todesopfer gab.

In Deutschland sind alle größeren Flughäfen mit den leichteren Anfluglichtern, sowie genügend "Auslauf" ausgestattet. Unfälle wie jüngst in Toronto würden in Deutschland mit großer Wahrscheinlichkeit nicht tödlich enden.

Einige der schlimmsten Landeunfälle der Zivilluftfahrt
11.10.1984: Eine Tupolew 154 der Aeroflot kollidiert beim Landemanöver in Omsk, Russland mit einem Fahrzeug und explodiert.Der Fluglotse war eingeschlafen und konnte den Piloten nicht warnen. 174 Tote
19.11.1977: Eine Boeing 727 der TAP rutscht bei regennasser Piste in Madeira, Portugal über das Bahnende hinaus und zerschellt an einem Abhang. 131 Tote
19.07.1989: Eine DC-10 der United Airlines zerschellt bei der Landung in Sioux City, USA nachdem die gesamte Steuerung versagte. 112 Tote.
31.10.1979: Eine DC-10 der Western Airlines setzt in Mexiko Stadt irrtümlich auf einer gesperrten Bahn auf, kollidiert mit Baufahrzeugen und geht in Flammen auf. 73 Tote
20.10.1986: Eine Tupolev 134 der Aeroflot prallt bei schlechter Sicht hart auf die Landebahn, bricht auseinander und brennt aus. 70 Tote.
21.12.1992: Eine DC-10 der holländischen Martinair verunglückt beim Aufsetzen in einem Gewittersturm in Faro, Portugal und zerschellt auf der Landebahn. 56 Tote.
01.06.1999: Eine MD-80 der American Airlines rutscht bei Gewitter über das Bahnende in Little Rock, USA und zerbricht in den Anflugmasten der Gegenbahn. 11 Tote.