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stern-Redakteur wird Augenzeuge: So erlebte ich die Schreckens-Nacht von München

Ungewissheit, Angst, Panik: Als er um kurz nach 19 Uhr privat am Münchner Hauptbahnhof ankommt, ist er auf einmal mittendrin im Terror: So erlebte stern-Redakteur Jens Maier die Schreckens-Nacht von München.

Die Nacht von München

Eine Gruppe trauernder Menschen steht an der Kreuzung direkt vor dem Olympia-Einkaufszentrum, in dem zuvor Schüsse gefallen waren

Plötzlich bin ich mittendrin. Im Terror. In Angst.

In Panik. Gerade war ich am Münchner Hauptbahnhof aus einem Zug aus Karlsruhe ausgestiegen. Es ist 19.15 Uhr, als ich über den Bahnsteig gehe und das Gebäude durch den Südausgang verlasse. Alles wirkt zunächst wie immer. Am Abgang zur U-Bahn stehen zwar zwei Bundespolizisten mit schusssicherer Weste, aber auch das gehört am Münchner Hauptbahnhof mittlerweile zur Normalität.

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Doch irgendwas ist anders als sonst. Taxen, die üblicherweise um diese Uhrzeit zu Dutzenden auf Passagiere warten, sind nicht zu bekommen. Ich gehe ein Stück zu Fuß, will auf der anderen Seite der Bayerstraße einen Wagen heranwinken. Ein aussichtsloses Unterfangen. Vor mir stehen rund zehn Passanten, die das gleiche vorhaben. Doch es gibt keins. Vor dem Hotel Meridian wartende Menschen starren auf ihr Handy und verfolgen die Nachrichten: Terror in München.

Meine Mutter meldet sich per Whatsapp

Bereits im Zug hatte ich von den Ereignissen am Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) gehört.  Die „Süddeutsche“ setzte um 18.28 Uhr die erste Eilmeldung ab: „Eil – Schüsse in Münchner Einkaufszentrum“. Da war der Zug irgendwo vor Augsburg – und der Terror weit weg. Vor allem gedanklich. Dann, kurz vor Pasing, scheinen sich die Ereignisse zu überschlagen. „Tote“ meldet N-TV.

Meine Mutter meldet sich per Whatsapp. "Bist du schon in München?", fragt sie. Nein, aber von den Schüssen im OEZ weiß ich schon. "Auch am Stachus Schüsse", schreibt sie. Wie bitte? Am Stachus? Der ist Luftlinie nur wenige hundert Meter vom Hauptbahnhof entfernt. 

Jetzt werden auch in meinem Kopf Gedanken an den Terror in Paris wach. Dort schlugen die Täter an mehreren Orten gleichzeitig zu, machten den Schrecken damit noch größer. Sollte jetzt tatsächlich München dran sein?

Einen Moment überlege ich, bereits in Pasing auszusteigen. Zu spät. Die Türen sind bereits geschlossen. Die Nachricht von den Schüssen am OEZ verbreitet sich nur langsam im Zug. Einige sind über ihr Handy gebeugt, die anderen ahnungslos. Eine Durchsage gibt es nicht. Ich unterhalte mich mit meinem Nachbarn. "Haben Sie gehört? Jetzt offenbar auch Schüsse am Stachus", sage ich leise. "Fahren sie bloß nicht mit der U-Bahn", empfiehlt er. Das hatte ich ohnehin nicht vor.

Eigentlich wollte ich mit der Tram nach Obergiesing zur Wohnung fahren. Vom Hauptbahnhof über den Stachus und dann weiter. Keine gute Idee, denke ich. Wer weiß, was mich da am Hauptbahnhof erwartet. Mein Plan: So schnell wie möglich raus und dann in ein Taxi. Denn dass der Hauptbahnhof bei einer Terrorgefahr zu den neuralgischen Punkten der Stadt gehören würde, erschien mir sofort logisch.

Jetzt stehe ich mit meinem kleinen Rollkoffer in der Bayerstraße. Es hat angefangen zu regnen. Trotzdem sind Hunderte Menschen auf der Straße. Sie gehen. Nur weg vom Hauptbahnhof. Wie ich später erfahre, ist der U-Bahnverkehr bereits eingestellt, als ich die Schwanthaler Straße erreiche. Auch Busse und die Straßenbahn fahren nicht mehr. Eine lange Blechlawine wälzt sich durch den Freitagabendverkehr. Dazwischen immer wieder Zivilfahrzeuge mit Blaulicht, Polizei und Krankenwagen. Direkt über mir kreist ein Helikopter. Beängstigend. 

Kurzzeitig bricht Panik aus

Dann bricht Panik aus. Mehrere Menschen rennen die Schwanthaler Straße entlang, weg vom Stachus. Sie stürmen in die umliegenden Geschäfte und Hotels. Ohne lange zu überlegen und ohne zu wissen, was überhaupt passiert sein soll, lasse ich mich mitreißen. Ich gehe in die Lobby des "Adagio"-Hotels, mit mir zirka fünf andere aufgeregte Menschen. Sie sprechen nur gebrochen Deutsch. Es sind Touristen. Die einen stürmen sofort in den Fahrstuhl, gehen auf ihr Zimmer. Andere, wie ich, die kein Zimmer haben, bleiben vor dem verdutzten Concierge stehen. "Irgendwas passiert hier gerade", sagt er erschrocken.

Als klar wird, was gerade los sein könnte, werden die Türen verriegelt. Vorsichtshalber. Frau Ziemer bittet alle Schutzsuchenden in den Frühstücksbereich des Hotels, mit mir zirka acht andere Personen, die meisten Touristen. Sie entschuldigt sich, dass sie uns nichts zu essen anbieten könne, aber wir dürften uns Getränke und Kaffee nehmen und könnten selbstverständlich bleiben, solange wir wollten. Eine rührende Geste. Ein großes Dankeschön, Frau Ziemer.

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Ein Paar aus Fernost, das gerade an der Rezeption stand, guckt mich fragend an. Offenbar wollten sie sich gerade aufmachen, um die Stadt zu erkunden und wissen nicht, was um sie herum geschieht. "Stay inside", sage ich vorsichtshalber. "Why", fragt sie? "There was a shooting", sage ich. Die Frau schlägt die Hände übers Gesicht und bricht in Tränen aus.

In der Hotellobby läuft n-tv. Doch seltener habe ich mich uninformierter gefühlt. Jetzt auch Schüsse am Marienplatz? Die Gerüchte überschlagen sich. Eine Stunde geht das so. Wie komme ich hier weg, denke ich kurz nach 20 Uhr. Denn weg kommen, das ist das, was alle hier wollen. Aus der Gefahr, aus dem Terror, aus der Ungewissheit.

Doch der ÖPNV ist eingestellt. Taxen sind angehalten, keine Passagiere mehr zu befördern. Es bleibt nur der Fußweg. Dann schlägt mein Handy Alarm. 20.05 Uhr: Katwarn. "Landeshauptstadt München meldet: Warnung Sonderfall, gültig ab sofort. Amoklage in München. Zu Ihrer Sicherheit Plätze und Straßen meiden; Täter flüchtig; Bahn und Busverkehr eingestellt; Radio und Fernseher einschalten. Zu Hause bleiben."

Letzter Ausweg: Car-Sharing

Erstmal nach Hause kommen, denke ich. Zu Fuß durch München zu gehen scheint mir keine besonders kluge Idee. Mein Ausweg heißt Car-Sharing. Immer wieder hatte ich die Angebote von Car2Go und DriveNow nach einem freien Wagen vor der Tür geprüft. Schließlich habe ich Glück. Ein freier Smart direkt vor der Tür. Nichts wie weg hier.

Ich verabschiede mich dankend im Hotel und sitze gegen viertel nach acht im Wagen in Richtung Isar. Immer wieder kommen mir Polizeifahrzeuge entgegen. Doch von Straßensperren oder Polizeikontrollen ist nichts zu sehen. Trotz der ungewissen Lage fahren die Münchner Auto wie immer. Diszipliniert, ohne Gehupe, vorschriftsmäßig – also grandios. Es wäre nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn auch die Autofahrer in Panik geraten wären

Es ist ein bewundernswerter Pragmatismus, der die Münchner davor bewahrt, auszuflippen. Trotz Gerüchten, trotz Unsicherheit – und trotz Katwarn. Wer noch nicht zu Hause ist, aber seine Wohnung zu Fuß erreichen kann, der geht. Die Reichenbachbrücke ist voll mit Passanten, die aus der Innenstadt kommen. Zu Hunderten zieht es sie in die Vororte.

Die Bilder erinnern mich an den 11. September 2001. Damals verließen ebenfalls tausende Menschen Manhattan zu Fuß über die Brooklyn-Bridge. Sollte der Schrecken jetzt etwa auch nach München gekommen sein? Ein schrecklicher Gedanke.

Um kurz von 21 Uhr endlich zu Hause

Um kurz vor 21 Uhr erreiche ich die Wohnung in Obergiesing am Ostfriedhof. In Sicherheit. Endlich. Alle meine Freunde in München haben sich via Facebook ebenfalls als "in Sicherheit" markiert. Zum Glück. Ich rufe meine Mutter an: alles gut gegangen. Aufatmen.  Wie es scheint, ist die bayerische Landeshauptstadt zwar dem Terror noch einmal entkommen, doch zehn Menschen sind tot. Erschossen beim Einkaufsbummel. München trauert um sie. Die Schreckensnacht vom 22. Juli wird so schnell keiner vergessen.

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