HOME

Südamerika: Zwangsprostitution – die zerstörten Seelen von Buenos Aires

Unter Drogen gesetzt und zur Prostitution gezwungen: vom Schicksal junger Frauen in den Armenvierteln von Buenos Aires.

Argentinien: drei Schwester wurden Opfer einer brutalen Männerwelt

Rosa, Lucía und Belén im Sommer 2019 in Argentinien. Sie stammen aus Paraguay. Lucía und Belén, die beiden jüngeren, wurden zur Beute der Mafia, der Drogen, der Männer. Rosa konnte sie retten – vorerst.

Rosa sieht ihn noch vor sich, den Moment, als ihre Schwestern Belén und Lucía das Haus plötzlich verließen, es war im April, der argentinische Sommer ging zu Ende, das Schuljahr hatte begonnen, und es lag etwas Neues in der Luft. Wenige Wochen zuvor war die Großmutter gestorben, die ihnen wie eine Mutter gewesen war und die das Zuhause ihrer Migrantenfamilie zusammenhielt, diese kleine, brüchige Hütte in der staubigen Peripherie von Buenos Aires, wo die Viertel keine offiziellen Namen haben und die Straßen keinen Asphalt und die Polizei keinen Zugang hat.

Ihre Mutter Agustina war Jahre zuvor in Paraguay zurückgeblieben, ihr Vater Luís arbeitete von früh bis spät, er übernahm die Knochenjobs, die Paraguayer so machen, baute den Argentiniern die Häuser und putzte Wohnungen – all jenes Migrantenschuften, ohne das kein Industriestaat mehr auskommt.

Brosamen der Wohlstandsgesellschaft

So waren die drei Schwestern den ganzen Tag allein, was in wild wuchernden Armensiedlungen wie Cuartel V bedeutet, dass sie schnell zum Objekt männlicher Begierde werden oder – in den Augen der regierenden Mafia – zu Beute, einer Investition, einem Rohstoff.

Cuartel V ist einer jener Orte, an dem nicht der Staat die Macht hat, sondern das organisierte Verbrechen – wie in immer mehr Gebieten Lateinamerikas. Die Mafia kontrolliert nicht nur Drogenhandel und Prostitution, sondern auch den Transport, den Zugang, die Abgaben, Regeln, sogar die Polizei, kurz: das öffentliche Leben. Es gab eine vierte Person, die sich häufiger in der Einzimmerhütte der drei Schwestern aufhielt: Ayelén, 21, die neue Freundin eines Cousins, schillernd und kurvig, sie gebärdete sich wie eine ältere Schwester und kam an jenem Apriltag 2017 mit einer Idee, die Belén und Lucía attraktiv erschien und Rosa eigenartig:

Schwestern, wir könnten zusammen in meiner neuen Wohnung leben, nur wenige Minuten entfernt. Ihr drei könnt gegen ein Taschengeld auf mein Kind aufpassen, während ich nachts arbeite, und ansonsten machen wir uns eine tolle Zeit. Sie versprühte einen Hauch ihres Lebens, das nach Parfüm roch und Gras und schnellem Geld, nach Abenteuer und Freiheit am Rand der großen Stadt.

Das Elendsviertel Cuartel V am Rande der Metropole Buenos Aires, kontrolliert von Narcos aus Paraguay.

Das Elendsviertel Cuartel V am Rande der Metropole Buenos Aires, kontrolliert von Narcos aus Paraguay.

Lucía, die Älteste, 15, sagte: Ja.

Belén, die Jüngste, 13, sagte: Ja.

Rosa, die Mittlere, 15, sagte: Nein.

Heute wissen alle: Das Ja war ein verhängnisvoller Fehler, der schon bald zum Fall 19701/2017 bei der Staatsanwaltschaft 7 in Buenos Aires wurde.

Und zu einem von jährlich mehr als 20 Millionen Fällen von Menschenhandel und Zwangsprostitution weltweit.

Ursprünglich stammen die drei Schwestern aus Encarnación, einer seelenlosen Grenzstadt am Rio Paraná in Paraguay, die vom Schmuggel lebt und Billigprodukten und dem Menschenexport nach Argentinien – von alldem, was das Leben am Rand der Legalität so hergibt. Sie waren zusammen in einer noch kleineren Hütte aufgewachsen und seit der Kindheit unzertrennlich. Sie hatten Hunger gelitten und an Krankheiten, und als darüber die Ehe der Eltern zerbrach, nahmen Vater und Oma sie mit auf die Flucht, 1200 Kilometer bis ins Umland von Buenos Aires, wo Hunderttausende Paraguayer stranden, um die Brosamen der Wohlstandsgesellschaft zu verwerten.

Äußerer sozialer Rand Argentiniens

Vom äußeren sozialen Rand Südamerikas an den äußeren sozialen Rand Argentiniens – ein Aufstieg.

Die Migrationsroute von den Slums Paraguays in die Armenviertel Argentiniens ist eine viel genutzte; mehr als zwei Millionen Paraguayer leben heute allein in der Provinz Buenos Aires.

Eigentlich ist Rosa die Cousine von Belén und Lucía, aber nach dem mysteriösen Tod ihrer Mutter Gloria hatte deren Bruder Luís sie wie eine Tochter aufgenommen. Man sagte Rosa, dass ihre Mutter, ebenfalls Migrantin, in Córdoba an einem Gehirnschlag starb, aber heute weiß sie, dass sie als Prostituierte dorthin verschleppt wurde. "Meine Mutter arbeitete für mich, damit ich mal ein besseres Leben habe", sagt sie traurig. Weil die Zuhälter Gloria an Weihnachten nicht zur Familie reisen ließen, kam es zum Streit. Die Familie glaubt, dass sie erschlagen wurde.

Es war dieser grausame frühe Tod ihrer jungen Mutter, der Rosa lehrte: Folge nicht dem einfachsten Weg, vor allem dann nicht, wenn er nach Parfüm riecht und schnellem Geld.

Lucía ist inzwischen 16 Jahre alt

Lucía ist inzwischen 16 Jahre alt

Man kann es im Nachhinein so sagen: Dank des Mordes an ihrer Mutter blieb sie womöglich vor dem eigenen frühen Tod verschont.

Rosa Bogarín Ortiz, 15 Jahre, Identifikationsnummer 95.294.587, sieht eher aus wie 20. Sie trägt eine aufgeschnittene Jeans, in der genauso viel Haut zu sehen ist wie Stoff, und lila Lippenstift. Es ist November 2017, die erste von vier Begegnungen des Fotografen und des Autors mit der Familie Ortiz. Rosa redet wie eine erfahrene Frau, geprägt von einem Leben, in dem sie alles gesehen hat, was sich für Teenager sonst nur in Filmen abspielt: Erpressungen, Überfälle, Mord, Drogensucht.

"Aber nichts ist so schlimm wie das mit meinen Schwestern", sagt sie leise.

Identifikationsnummern

Rosa erinnert sich noch genau an die letzte Diskussion an jenem Apriltag 2017, die sie so gern ungeschehen machen würde. Lucía sagte ihrem Vater, dass sie dieses Leben in Armut satthabe und nun wie Ayelén Geld verdienen wolle. Belén sagte, dass sie es satthabe, immer in der Hütte eingesperrt zu bleiben. Ihr Vater Luís, müde von der Plackerei, erwiderte, wenn Ayelén auf sie aufpasse wie eine große Schwester, könnten sie das versuchen, und ansonsten sollten sie ihn in Ruhe lassen.

Er stürmte aus der Hütte.

Da gingen auch Belén und Lucía.

Und Rosa blieb allein.

"Für mich war das unendlich hart", sagt sie. "Zum ersten Mal im Leben ohne meine Schwestern."

Rosa hatte nicht nur ihre Mutter früh verloren. Ihre zweite, die leibliche Mutter von Lucía und Belén, blieb in Paraguay zurück. Ihre dritte Mutter, die Oma, starb an einem Herzinfarkt, weil der Notarzt zu lang für die Anfahrt nach Cuartel V brauchte. Und jetzt drohte sie die Schwestern an ihre angeblich neue Schwester Ayelén zu verlieren.

"Da gingen sie lang." Rosa zeigt auf die Straße, die nicht viel mehr ist als eine Buckelpiste aus Sand. "Und dort, hinter der Ecke, verschwanden sie."

Und dann?

Lucía als kleines Mädchen

Lucía als kleines Mädchen

Sie druckst nun herum. "Das können nur Belén und Lucía beantworten."

Das neue Leben mit Ayelén in einem Zimmer mit kleinem Fenster und vielen Matratzen erschien den zwei Schwestern kurz wie im Paradies, wie der vorgezogene Eintritt in die Volljährigkeit. Ayelén verhielt sich weniger wie eine ältere Schwester denn wie eine irre Tante, die alles erlaubte, was Teenagern sonst verwehrt bleibt, ein Leben in totaler Freiheit, ohne Schule, ohne Regeln und Grenzen.

Belén passte auf Ayeléns Tochter auf, während diese angeblich zum Putzen und Kellnern verschwand – und mit ihr zunehmend auch Lucía. Belén schien das unverdächtig, es waren die Jobs, die Paraguayer so machen. In der Gesellschaftshierarchie bilden Migranten die unterste Stufe. Sie werden gehasst von den Armen, ausgebeutet von Unternehmern, sie leben ohne Schutz vor Banden, aber in ständiger Angst vor der Staatsaufsicht, ausgestattet mit Identifikationsnummern, die sie als Migranten markieren.

"Anfüttern"

Doch es gibt, das wissen Belén und Lucía nicht, noch einen weiteren Grund für die starke Migration der Paraguayerinnen: Sie werden, manche noch minderjährig, in eins der 1500 Bordelle der argentinischen Hauptstadt gelockt oder entführt. Oder weitertransportiert nach Mar del Plata und Patagonien, in die raue Männerwelt der Bergwerke und Häfen.

Tatsächlich kamen Ayelén und Lucía am Morgen zurück ins Zimmer und brachten den Geruch von Parfüm und Gras mit, aber auch Geld, Alkohol und harten Drogen. Belén listet sie wie selbstverständlich auf:

"Cola-Rum und Wodka, Porro (Joints), Merca, Falopa (Kokain)."

In diesem Verschlag soll der Zuhälter Mauricio Lucía und Belén missbraucht und an viele Freier weitergegeben haben

In diesem Verschlag soll der Zuhälter Mauricio Lucía und Belén missbraucht und an viele Freier weitergegeben haben

Sie benutzt die Begriffe wie eine erfahrene Konsumentin.

Und das hast du genommen?

"Alles. Reichlich."

Was hat es mit dir gemacht?

"Ich habe alles vergessen können."

Sie beschreibt nichts anderes als das "Anfüttern" von jungen Konsumenten oder – wie im Bericht ans Gericht festgehalten – den Beginn "ihrer Abhängigkeit von diversen psychoaktiven Substanzen".

Wie eine Wolke

Mariá Belén Bogarín Ortiz, 13 Jahre, Identifikationsnummer 95.303.000, ist ein kleines schmales Mädchen, nur 35 Kilo schwer. Sie sitzt beim ersten Gespräch im November 2017 im abgedunkelten Zimmer der Hütte, die Arme verschränkt, der Blick störrisch. Sie antwortet in Einwortsätzen, wie sie es auch gegenüber dem Staatsanwalt getan hat, oft nur ein Ja oder Nein, als befände sie sich in einem Verhör.

Damals, bei der ersten Begegnung, war der Ansatz einer Konversation wenigstens noch möglich.

"Ich wollte immer mehr Drogen."

Und woher kam das Geld?

"Das verdiente Lucía."

Und wo war Lucía?

"Nebenan. Im Möbelhandel."

Was für ein Möbelhandel?

"Eine Art Bar."

Wer war da sonst noch?

"Viele Männer."

Weißt du, was da passierte?

Sie nickt, sagt aber weiter nichts. Und man ahnt jetzt schon: Das kommt auch auf Belén zu. Sie ist die fragilste der drei Schwestern.

 Luís Ortiz konnte seine Töchter nicht schützen

 Luís Ortiz konnte seine Töchter nicht schützen

Der sogenannte Möbelhandel liegt nur vier Straßenecken von der Hütte der Schwestern entfernt. Er ist kaum als Haus zu identifizieren, eher ein Labyrinth aus Baracken und Brettern, von Blicken geschützt durch Decken und Planen, sandbraun vom Staub. Dahinter erstrecken sich verwinkelte Gassen und Räume, wie Lucía sich dunkel erinnert. Aber sie erinnert sich kaum.

"Es ist alles wie eine Wolke", sagt sie.

Den ganzen Tag auf Kokain

Lucía Bogarín Ortiz, 16 Jahre, Identifikationsnummer 95.302.988, liegt auf einer Bank in einer Suppenküche im Zentrum von Buenos Aires. Ihr Gesicht ist aufgeschwemmt, ihre Augen drehen öfter ab, als verlöre sie das Bewusstsein.

Es ist ein schwieriges Gespräch, das erste von vielen in den kommenden 15 Monaten. Es findet an einem geheimen Ort statt, wo Lucía vor der Mafia geschützt ist.

"Sie gaben mir viele Drogen. Ich war den ganzen Tag auf Kokain. Ich erinnere mich nicht an viel."

Woran erinnerst du dich?

"Ich bekam das Zeug. Dann musste ich die Männer bedienen. Zuerst nur Mauricio."

Wer ist das?

"Der Besitzer."

Und dann?

"Dann mehr. Drei auf einmal. Fünf auf einmal. Ich weiß es nicht. Ich habe nichts mehr gespürt."

Sie spricht nun über Details, die man Lesern nicht unbedingt zumuten muss.

Belén, 15 Jahre alt

Belén, 15 Jahre alt


Und Ayelén?

"War weg. Sie sagte, ich muss so viel arbeiten, um unsere Kokainschulden zu bezahlen. Sie drohte: Mach ich es nicht, nehmen sie Belén."

Das war nun die Gleichung: Weil ihre neue Schwester Ayelén Belén auf Drogen setzte, musste Lucía anschaffen gehen, um zu verhindern, dass die zahlreichen Freier die jüngere Belén vergewaltigen.

Eine Flucht war nicht möglich?

"Wir wurden nicht mehr rausgelassen. Sie sagten, sie werden uns in ein anderes Land verschicken."

Lucía und Belén Ortiz, damals 13 und 15, waren nun Gefangene oder – in den Augen der Justiz: minderjährige Opfer von Zwangsprostitution und Menschenhandel, dokumentiert in den Protokollen der Kinderschutzorganisation "Madres Víctimas de Trata, Seite 1, unter den Schlagwörtern: "Das Verschwinden" und "Sexuelle Ausbeutung".

Sie ging auf allen Vieren und zog sich aus

Von den jährlich 20,9 Millionen Opfern von Menschenhandel sind gemäß UN 49 Prozent Frauen, weitere 23 Prozent Mädchen. Die große Mehrheit wird sexuell ausgebeutet. Es handelt sich um die drittwichtigste Einnahmequelle des organisierten Verbrechens nach Drogen- und Waffenhandel: 150 Milliarden Dollar pro Jahr.

Für Lucía und Belén lautete die große Frage: Kommen sie da je wieder raus? Oder werden sie vorher in einen anderen Teil Argentiniens verschifft – oder gar der Welt?

Lucía fällt immer wieder in einen Kurzschlaf, das Resultat der Betäubung durch drei verschiedene Psychopharmaka. Sechs Monate sind vergangen seit den Geschehnissen, vier davon war sie in stationärer Behandlung in der Psychiatrie des Kinderkrankenhauses Tobar García. Noch immer geht sie täglich hin.

Der behandelnde Kinderpsychiater Dr. Gabriel Salorio sagt in Anwesenheit einer Vertreterin der Kinderschutzorganisation: "Als Lucía kam, war sie wie ein Tier. Sie ging auf allen vieren." Ein Zustand, den sie im Bericht als "descompensada" festhielten – dekompensiert. "Sie zog sich vor uns männlichen Ärzten sofort nackt aus, als wären wir Freier. Kein Wunder bei dem, was ihr zugestoßen war. Es ist ein schwerer Fall von Schizophrenie und Traumatisierung."

Mit dem Schicksal von Belén und so vielen anderen befasst sich Staatsanwalt Marcelo Colombo

Mit dem Schicksal von Belén und so vielen anderen befasst sich Staatsanwalt Marcelo Colombo

Dr. Salorio empfängt im Wartesaal des Krankenhauses im Stadtteil Constitucíon. Es liegt gleich neben dem berüchtigten Rotlichtviertel, aus dem viele drogenabhängige Jugendliche auf seine Station kommen. "Wir haben eine Menge solcher Fälle, aber selten so schlimm wie bei Lucía. Das ist wie ein Autounfall der Seele. Sie ist schwer verletzt. Manche Patienten kriegen wir nie mehr hin. Bei Lucía haben wir viele Medikamente erfolglos ausprobiert. Jetzt steht sie unter dem Antipsychotikum Clozapin. Es schlägt ganz gut an."

Die große Frage aber, nicht nur für ihn, lautet: Kriegt man sie je wieder hin?

Nach zwei Wochen ohne ihre Schwestern begann Rosa sich Sorgen zu machen. Auf Facebook richteten sie aus, alles sei okay, meldeten sich aber immer seltener. Belén kam einmal kurz nach Hause – von Ayelén geschickt, um den Vater zu beruhigen –, Lucía gar nicht mehr. Es sei alles gut, sagte Belén, aber die Drogen waren ihr anzumerken. Rosa kannte die Kleine zu gut, ihr fielen die geröteten Augen auf, die Nervosität.

Logik der Mafia

Ihr Vater Luís erschien in jenen Tagen wie abwesend, fast erleichtert, dass nach zehn Stunden Schuften und vier Stunden Pendeln in vollen Bussen keine Teenager und Probleme mehr auf ihn warteten, sondern nur noch Schlaf und Taubheit, ein Schicksal, wie es sich millionenfach in Armenvierteln abspielt.

Also schmiedete Rosa einen Plan. Gemeinsam mit ihrer Freundin Patricia würde sie in den Möbelhandel eindringen und ihre Schwestern befreien. Zur Polizei konnte sie nicht gehen, denn die, das weiß jeder im Viertel, erhält Schmiergelder fürs Weggucken und Zulassen von Bordellen.

Ein gewagtes Vorhaben, aber Rosa entgegnet nur lapidar: "Was blieb mir sonst?"

Am folgenden Tag gingen sie in der Frühe los. Ihr Puls raste wie wahnsinnig, erzählt sie. Sie beobachteten das Grundstück, bis der letzte Kunde verschwunden schien. Dann traten sie in einen Seiteneingang, gingen von Fenster zu Fenster und sahen Lucía und Belén tatsächlich auf dem Boden schlafen. Auch Ayelén schlief ihren Rausch aus.

Ein Stadtplan zeigt, wo Mädchen verschwanden

Ein Stadtplan zeigt, wo Mädchen verschwanden

Rosa weckte die benommenen Schwestern und zerrte sie raus. "Ihr kommt jetzt mit", befahl sie ihnen.

Im Nachhinein sagt Rosa über die Befreiung: "Ich habe nicht groß nachgedacht."

Patricia sagt: "Rosa war nicht davon abzubringen."

Alle anderen sagen: "Rosa ist eine echte Heldin."

In der Logik der Mafia jedoch war es Raub. Rosa nahm dem Handel die Ware. Und würde womöglich die Justiz informieren.

Als Luís Ortiz am Abend von der Arbeit nach Hause kam, bot sich ihm ein Bild des Grauens. Seine Tochter Lucía war nackt auf den Wassertank geklettert und wollte nicht mehr hinabsteigen. "Es kam Schaum aus dem Mund", erzählt er. "Sie wollte sich erhängen."

Sein Bruder Victor half und zerrte Lucía vom Tank herunter. "Sie war wie ein Stück Fleisch, nicht wie ein Mensch", erinnert er sich. "Ich bin ein starker Mann, aber sie hat sich so gewehrt, dass ich sie nicht überwältigen konnte."

Freiwild

Luís rief den Notarzt, aber der traute sich nicht hinein in diesen von der Mafia regierten Slum. Also lieh Luís sich Geld und ließ Lucía per Privatwagen ins Krankenhaus fahren, das sie schließlich in die Kinderpsychiatrie überwies.

Luís Bogarín Ortiz, 38, Identifikationsnummer 95.182.142, ist ein hagerer Mann, über den die Staatsanwaltschaft festhält: "Er verfügt über wenige Werkzeuge, um zu kommunizieren." Seine Antworten kommen nach kurzer Pause, als müssten die Worte erst einige Runden durchs Gehirn drehen. Er spricht einfaches Spanisch, seine Muttersprache ist Guaraní, die indigene Landessprache Paraguays.

Aus den grenznahen Gebieten Paraguays und aus Brasilien werden Mädchen und Frauen nach Buenos Aires verschleppt, aber viele kommen auch von allein dorthin – auf der Suche nach Glück. Die Mafia verteilt sie an Bordelle in der Hauptstadt, den großen Städten am Meer und bis hin nach Patagonien.

Aus den grenznahen Gebieten Paraguays und aus Brasilien werden Mädchen und Frauen nach Buenos Aires verschleppt, aber viele kommen auch von allein dorthin – auf der Suche nach Glück. Die Mafia verteilt sie an Bordelle in der Hauptstadt, den großen Städten am Meer und bis hin nach Patagonien.

Es ist Februar 2018, Luís sitzt vor seiner Hütte, an die er sich eine kleine Kapelle mit Marienfigur gebaut hat. Er lässt Tereré kreisen, jenes paraguayische Getränk aus Mateblättern, und redet über Fußball, um dem Thema sexuelle Ausbeutung entgehen zu können. Er ist arbeitslos, weil er – laut Gerichtsprotokoll – "seinen Job nach der Flucht Lucías aus dem Bordell verlor. Er musste sich um seine Tochter und deren Einweisung und Behördengänge kümmern."

Die große Frage ist: Warum hat er nicht besser auf seine Kinder aufgepasst? Sie nagt an ihm.

"Sie brauchen eine Mutter", antwortet er. "Ich bin keine Mutter. War ich nie."

Das ist keine Erklärung.

"Ich war am Ende", gibt er schließlich zu, und eine Leere steigt nun in seine Augen, die wir oft vorfinden bei den Menschen in den Slums, ausgelaugt vom Leben am Rand der Gesellschaft, geplagt von Depressionen, die nicht diagnostiziert geschweige denn behandelt werden.

"Der Vater wirkte wie ein jüngerer Bruder der Mädchen, als ich ihn erlebte", sagt der Psychiater Dr. Salorio. "Er hatte keine Autorität und Kraft nach dem Tod seiner Mutter. Die Mädchen waren Freiwild."

Eltern, die ihre Kinder verkaufen

In dem Leben, das Luís Ortiz kennt, seit fast 40 Jahren, ist ein derartiger Bruch mit jeglicher moralischer Norm – die systematische Vergewaltigung eines Mädchens – keine Seltenheit, so hart das klingen mag. Seine Schwester starb in einem Bordell. Seine Cousine wurde Opfer von Menschenhändlern, konnte aber aus dem Bordell fliehen. Jetzt hat es seine Tochter getroffen. "Es gibt in meinem Land Eltern, die ihre Kinder verkaufen", sagt er, als könnte ihn das entlasten.

Was will er nun tun?

"Ich warte, dass die Justiz bestraft. Wenn nicht, mache ich's selbst." Er meint nichts anderes als Selbstjustiz. "Ich weiß nicht, wie Lucía das überlebt hat", spricht er atemlos vor sich hin. "Zehn Typen auf einmal. Der Gedanke bringt mich um."

Sein Bruder Victor ergänzt: "Ich bin zur Polizei gegangen. Die hat mir gesagt: Wir haben dringendere Fälle. Was sollen wir also tun?, fragte ich. Sie empfahlen mir: Erschieße den Täter mit drei Schüssen und bringe die Leiche aus dem Viertel. Wir gucken weg."

Belén, nach einer Vergewaltigung schwanger, wartet im Krankenhaus auf die Abtreibung

Belén, nach einer Vergewaltigung schwanger, wartet im Krankenhaus auf die Abtreibung

Die dringlichste Frage für Luís lautet: Wohin mit seinen Töchtern? Hier in Cuartel V können sie nicht bleiben. Laut Gerichtsprotokoll, Seite 3, haben Männer einen Lastwagen vor seiner Tür geparkt und fragen nach Lucía.

Um sie vor der Mafia zu schützen, kommt Lucía vorübergehend bei Margarita Meira unter, 64 Jahre, Identifikationsnummer 4.644.183, Tochter eines Paraguayers, Vorsitzende der Kinderschutzorganisation "Mütter der Opfer von Menschenhandel". Eine resolute kleine Frau, die ohne Furcht durchs Leben geht. "Mir können sie eine Knarre an den Kopf halten, ich lege mich auch mit der Mafia an", lautet ihr Motto. "Ich bin da Kamikaze."

Meira betreibt eine Suppenküche in einem alten Haus mitten im Rotlichtviertel Constitucíon. Lucía hilft hier bei der Arbeit, schläft aber immer wieder ein, knickt weg wie ein Ast, sediert von Antidepressiva.

Billigware der Konsumgesellschaft

Fast ein Jahr ist nun seit den Vergewaltigungen vergangen. Lucías Leben besteht nicht aus dem Rhythmus Schule und Freizeit. Es besteht aus dem Rhythmus Schlaf und Medikation und der Hoffnung, dass die Zeit die Wunden heilen wird.

Was sich in Cuartel V abspielte, erklärt Meira, folgt der klaren Strategie der Mafia. Sie holt einen Zettel hervor und beschreibt den Menschenhandel anhand eines Diagramms: Die Banden schicken sogenannte "entregadoras", Mädchen wie Ayelén, die minderjährige Töchter aus den Familien locken. Dann setzen sie diese unter Drogen und zwingen sie zur Prostitution, der "Sklaverei des 21. Jahrhunderts", wie Meira es nennt. Bordelle sind für sie "Orte von Vergewaltigung, Folter und Tod", die geschlossen gehören, wie es ihre Organisation in ihren Forderungen an den Staat, Punkt eins, festgehalten hat.

"Es ist eine kalte Kalkulation", erläutert Meira: Mit einem Mädchen verdienen die Zuhälter 1500 Pesos pro Freier, 30 Euro, davon bekommen die Mädchen vier Euro. Bei zehn Freiern sind das 300 Euro. Bei zehn verschleppten Mädchen 3000 Euro pro Nacht. "Das kannst du selbst mit Drogen schwer reinholen."

Die Mädchen und jungen Frauen aus Paraguay sind nichts anderes als ein Rohstoff, ein Wegwerfprodukt der sexuellen Industrie, eine Billigware der Konsumgesellschaft.

Margarita Meira führt die Organisation "Mütter der Opfer von Menschenhandel"

Margarita Meira führt die Organisation "Mütter der Opfer von Menschenhandel"

Meira spricht nüchtern und scharfsinnig über die grausamsten Taten. Wie sie recherchierte, gab es Pläne, Belén und Lucía zu verkaufen. Rosa habe die beiden gerade noch gerettet. "Die verkaufen die Mädchen nach Mexiko, Kolumbien, bis nach Europa, aber meist innerhalb des Landes, von einem Ort zum anderen. Manchmal für nur vier Wochen, dann lassen sie die Mädchen frei, damit es heißt: Die Kleine ist mit dem Freund durchgebrannt. In der Zwischenzeit haben sie fast 10.000 Euro mit jeder von ihnen gemacht."

Die Verbrechen ereignen sich nicht von ungefähr an Orten wie Cuartel V. Es sind Räume der Gesetzlosigkeit, in denen Lateinamerikas größte Probleme kulminieren: Korruption und Straflosigkeit. Banden bringen Stadtviertel unter ihre Kontrolle und herrschen dort so willkürlich und tyrannisch wie im Feudalismus. Wo Täter keine Verfolgung fürchten müssen, sind grausamste Verbrechen möglich – und die Schwächsten der Gesellschaft die ersten Opfer.

"Die Mafia nimmt das Gesetz in die eigene Hand", sagt Meira. "Aber wir Bürger auch", fügt sie hinzu.

Meira hat sich des Falles der drei Schwestern als eine Art Privatdetektivin angenommen. Zunächst hat sie Lucía in Sicherheit gebracht. Anschließend Belén aufs Polizeirevier geschleppt – für eine Zeugenaussage. Wenn sie von verschwundenen Mädchen erfährt, derzeit mehr als 1000 in Argentinien, recherchiert sie auf eigene Faust. Druckt Fahndungsplakate. Protestiert vor dem Präsidentenpalast. Zieht sogar durch Bordelle, um sie zu suchen.

Hohe Dunkelziffer

Sie folgt dabei einer Logik, die sich an vielen Orten Lateinamerikas durchsetzt, ob bei Bürgerwehren in Mexiko, indigenen Völkern in Kolumbien oder Frauengruppen in Favelas: Wenn der Staat nicht Staat sein will oder kann, sind Bürger eben selbst der Staat.

Es ist außerdem eine Art Rachefeldzug, gibt sie zu. Sie verlor ihre Tochter Susana vor 27 Jahren an Menschenhändler. Susana wurde entführt, in unterschiedlichen Bordellen gehalten und schließlich ermordet. Bis heute sind die Täter auf freiem Fuß. Seitdem weiß sie: "Die Polizei steckt oft mit der Mafia unter einer Decke. Ich muss bei meiner Polizeiarbeit die Polizei umgehen. Ich gehe nur direkt zu Colombo."

Colombo ist ein Art Codewort. Es steht für den Staatsanwalt Marcelo Colombo. Er führt eine eigens gegründete Sondereinheit an, die PROTEX. Sie sucht in diesem weiten Land, fast achtmal so groß wie Deutschland, nach entführten Opfern des Menschenhandels. Das Problem ist so groß, dass sie eine eigene Hotline geschaltet haben, Telefon 145. Innerhalb von Interpol ist Colombo gleichzeitig Koordinator für ganz Lateinamerika und Spanien.

Rosas Mutter lebt in einem Slum Paraguays und hat drei weitere Kinder

Rosas Mutter lebt in einem Slum Paraguays und hat drei weitere Kinder

Es ist März 2018, fast ein Jahr ist seit der Verschleppung Lucías vergangen, und noch immer gibt es keine Festnahmen.

"Wir haben von dem Fall erfahren", sagt Colombo. "Ich kann herausfinden, wie weit er ist."

Er lässt sich eine Statistik reichen. Etwa 1000 Fälle von Menschenhandel gab es in Argentinien seit 2014 plus eine hohe Dunkelziffer. Mehr als die Hälfte fallen unter die Kategorie "Sexuelle Ausbeutung", zehn Prozent sind Minderjährige. Weniger als die Hälfte der Fälle enden mit Verurteilungen. Und die erstaunlichste Zahl: 40 Prozent sind Paraguayerinnen.

"Die Armut in Paraguay ist die Ursache", sagt er. Zudem würden Mädchen aus Paraguay oft "vom inneren Zirkel verschleppt, sogar von Müttern, Schwestern". Viele würden in Bordellen der Peripherie gehalten, für die es so viele Synonyme gibt wie für Frauen: Whiskeria, Bar, Pub, VIP. Die meisten jedoch in "Privados", Privatwohnungen, die als Bordelle genutzt werden, wie im Fall Lucía. Zu denen kommt die Polizei nur schwer durch.

Teufelskreis

Er neigt sich nun nach vorn, als wolle er ein Geheimnis verraten. Die Polizei arbeite oft mit Zuhältern Hand in Hand, es bestehe "ein gegenseitiger Schutz". "Acht Prozent der Verurteilten beim Menschenhandel sind Polizisten", sagt er. "Die erhalten Schmiergelder, um die Taten nicht anzuzeigen, ein perverses System." Es ist ein Offenbarungseid: Der Mann der Strafverfolgung traut den Strafverfolgern nicht.

Zum Fall Lucía Ortiz verspricht er: "Ich melde mich. Ich gebe euch, was wir haben."

Die großen Kriminalfälle im Fernsehen haben ein klares Ende. Im Journalismus dagegen selten. Oft enden sie nie. Sie wandeln sich. Geht man Monate später an den Ort zurück, ergibt sich eine neue Geschichte.

Im Oktober 2018, ein Jahr nach unserem ersten Besuch, hat sich die Lage gedreht. Keine der drei Schwestern ist mehr zu Hause. Lucía lebt in einem Kinderheim in La Plata, 100 Kilometer entfernt, sie ist raus aus der Gefahrenzone Cuartel V, aber auch aus der Geborgenheit der Familie. Sie sieht besser aus, die Augen sind wacher, das Gesicht ist voller. Sie sagt, dass sie die Schule beenden will, aber die Frage ist, wie sie das ohne regelmäßigen Schulbesuch schaffen will.

Rosa, die Heldin, ist zu einem Freund gezogen, sie hat die Schule geschmissen und jobbt im Schönheitssalon, um Geld für die Familie zu verdienen, aber die Frage bleibt: Ist das nicht der Eintritt in den nächsten Teufelskreis?

Lucía mit ihrem neuen Freund

Lucía mit ihrem neuen Freund

Belén, die Jüngste, liegt verletzt und schwanger im ersten Stock des Spitals der Vorstadt Moreno.

Sie wirkt wie abwesend, das Haar ist zerwühlt, der Blick müde. Unter ihrem T-Shirt mit dem Aufdruck "Be a nice human" wölbt sich der Bauch. Sie ist im fünften Monat.

Am Bett sitzen ihr Vater Luís und Margarita Meira. "Die Kerle haben mit Belén das Gleiche wie mit Lucía gemacht", sagt Meira.

Belén schweigt. Sie starrt auf ihr Handy.

Meira fährt fort: "Die Ärzte haben Infektionen festgestellt, innere Verletzungen. Deswegen können sie die Abtreibung noch nicht durchführen."

Belén ist jetzt 14 und drogenabhängig. Wie bei Lucía ein Jahr zuvor stellt sich die Frage: Kriegt man sie je wieder hin?

Stimmt das alles?, fragt der Fotograf Belén.

"Ich erinnere mich an nichts", sagt sie.

Resignation

Der Verdacht lautet, dass auch Belén zur Prostitution gezwungen wurde, festgehalten im Bericht ans Gericht, Seite 3: "Belén befand sich mehrere Tage nicht zu Hause und ging nicht zur Schule. Sie hielt sich im Haus eines Nachbarn auf, bekannt als Mauricio. Am selben Ort, wo Anzeige erstattet wurde wegen der Prostituierung ihrer Schwester."

Ihr Vater Luís sitzt ratlos daneben und schweigt. Es scheint, als brauche er am meisten Trost. Er weiß als gläubiger Katholik nur eines: Er ist gegen Abtreibung.

"Zum Glück entscheiden in Argentinien Frauen", faucht Meira. "Deine Tochter wurde vergewaltigt. In Fällen von Vergewaltigungen darf sie laut Gesetz abtreiben. Aber du als Sorgeberechtigter musst zustimmen."

Luís sagt nichts.

Belén spricht den furchtbaren Satz: "Wenn ich das Kind kriegen muss, bringe ich mich um."

Muss der Staat nicht endlich ermitteln?

"Belén will nicht aussagen", sagt Meira resigniert.

Belén schweigt. Sie macht Fotos vom Fotografen, während der sie fotografiert.

Das Leben von Luis Ortiz und den drei jungen Frauen ist in Gefahr, denn Lucía und Belén gelten bei der Mafia als gestohlenes Gut

Das Leben von Luis Ortiz und den drei jungen Frauen ist in Gefahr, denn Lucía und Belén gelten bei der Mafia als gestohlenes Gut

Wer war der Täter?

Keine Antwort.

Ohne Antwort aber keine Täter und keine Anklage.

"Sie hat Angst vor den Typen", sagt Meira.

Es klopft an der Tür. Drei junge Frauen treten ein. Sie stellen sich als Angehörige einer evangelikalen Kirche vor. Sie wollen Belén die Abtreibung ausreden. "Jedes Leben zählt. Abtreibung ist illegal. Du wirst es bereuen."

"Sie wurde vergewaltigt", erregt sich Meira.

"Das muss bewiesen werden."

Die Situation ist kaum zu ertragen. Da liegt ein schwangeres Kind apathisch im Bett, im Schoß das Handy, umklammert wie einen Rosenkranz. Um sie herum streiten sich fünf Erwachsene über Argentiniens Dauerthema Abtreibung.

Machtkampf

Irgendwann blickt Meira aus dem Fenster. Vor der Klinik, glaubt sie zu beobachten, positionieren sich finstere Gestalten aus Cuartel V. "Die wollen sicherstellen, dass Belén nicht aussagt." Belén schweigt dazu. Es entsteht der Eindruck: Sie hat sich entschieden. Die Mafia hat den Machtkampf gewonnen.

Drei Tage später unterschreibt die Ärztin ein Protokoll, das die Abtreibung zulässt für Belén Ortiz, Opfer einer Vergewaltigung. Weitere drei Tage später, nach der erfolgten Abtreibung, ist Belén plötzlich verschwunden. Für ein paar Stunden herrscht große Angst: Hat die Mafia sie sich zurückgeholt?

Doch es war eine andere Person. Sie tauchte in der Früh aus dem Nichts auf. Schlich sich an der Wache vorbei in den ersten Stock. Schickte zunächst Belén in Straßenklamotten aus dem Zimmer. Dann schmuggelte sie sich selbst raus und begleitete Belén in den Vorstadt Tigre zur Tante.

Es war Rosa.

Auf die Frage nach dem Grund sagt Rosa: "Damit Belén nicht nach Cuartel V zurückmuss. Und nicht ins Heim. Ich fühle mich verantwortlich. Angst habe ich vor nichts mehr."

Wie immer ist es Rosa, die die richtige Entscheidung trifft. Sie ist, so scheint es, die einzige Erwachsene. Vielleicht sogar: eine Art Mutter.

Wenn es überhaupt Konstanten im Leben der drei Schwestern gibt, dann sind es Armut und Gewalt und die Abwesenheit einer Mutter. Diese eine quälende Frage, die nie Ruhe gibt: Wie konnte sie, die uns in die Welt setzte, uns im Stich lassen?

Belén sagt: "Ich möchte sie nie sehen. "

Lucía sagt: "Ich möchte sie fragen, warum sie uns im Stich ließ."

Bitterarm

Encarnación ist so etwas wie eine große Ausgabe von Cuartel V, direkt hinter der Grenze zu Paraguay gelegen. Die Slums wachsen hier nicht die Berge hinauf, sondern tief in die Viertel hinein, bis in die Grundstücke. Ein Haus an der Straße geht über in eine ärmliche Hütte und eine noch ärmlichere Hütte bis zu einem Verschlag aus ein paar Holzleisten und Erde.

Vor einer dieser Baracken sitzt eine kleine, dünne Frau, die die Figur von Belén hat und die Augen von Lucía. Auf dem Schoß hält sie ein Baby – Nummer sechs, wie sie sagt. Die Nummer fünf wurde ihr vom Jugendamt gerade weggenommen. Die Nummer vier, zehn Jahre, macht das Fläschchen für die Nummer sechs fertig. Daneben steht ein Mann, der misstrauisch blickt.

Der Vater des Babys?

"Nein, der ist gestorben", sagt sie.

Agustina Ortiz, 37 Jahre, Identifikationsnummer 4.114.463, will nicht reden, sie erwartet nichts Gutes von Wörtern. Aber da wir ein Hühnchen mitgebracht haben, redet sie doch.

Wir kommen direkt von Ihren Töchtern, sagen wir.

Elendsviertel in Indien: Die rührende Geschichte eines Slum-Mädchens

Man erwartet einen Gefühlsausbruch, viele Fragen, aber sie sagt nur: "Sie haben bis heute nicht ihre arme Mutter besucht."

Ihre Töchter haben kein Geld, erklären wir. Sie sind bitterarm.

"Sie leben in Argentinien", antwortet Agustina, als handelte es sich ums Paradies.

Sie weist ihren Freund an, das Huhn zu braten, das erste Fleisch seit Langem.

Sie behauptet nun, sie werde ein Haus kaufen, wenn die Mädchen zu ihr zurückkehren, aber ihre Einnahmen als Straßenhändlerin reichen nicht mal, um genug Essen für sich selbst zu kaufen. Ihre Kraft reicht nicht für ihre drei Mädchen hier, wie soll sie für die drei Mädchen dort reichen?

Ihren Töchtern geht es nicht gut.

"Ich weiß, was ihnen zugestoßen ist", sagt sie barsch. "Es ist die Schuld des Vaters. Er hätte sie nicht mitnehmen sollen."

Er sagt, sie nagten damals am Hungertuch.

"Geht es ihnen jetzt etwa besser?", entgegnet sie. "Er hat sie damals nach Argentinien geschleppt. Er trägt die Verantwortung. Ich habe damit nichts zu tun."

Will sie ihre Töchter wirklich nicht mal besuchen? Ein Busticket kostet 350.000 Guaraní, 50 Euro.

"Ich gehe nicht. Ich habe meinen Stolz. Die Mädchen wissen, wo sie mich finden. Hier sind sie wenigstens sicher."

Dunkle Augenränder

Das Gespräch geht nicht weiter, der Besuch ist verstörend. Wir gehen. Dem Fotografen ruft eine andere Frau bei der Verabschiedung hinterher: Willst du meine Jüngste nicht mitnehmen?

Ende Januar 2019 besuchen wir die drei Schwestern und ihren Vater Luís ein vorerst letztes Mal. Es ist ein heißer Tag im argentinischen Hochsommer. Das Treffen soll trotz Bedrohungen durch die Mafia in ihrer Hütte in Cuartel V stattfinden.

Die Mafia weiß längst, dass Ermittlungen laufen. Sie weiß auch, dass Reporter berichten. Sie weiß aber vor allem, dass niemand gegen sie aussagen will. Weder Lucía. Noch Belén. Auch Rosa nicht.

Sonderermittler Colombo greift nicht ein. Er überlässt die Arbeit der lokalen Staatsanwaltschaft. Er lässt ausrichten: Der Fall wird weiter untersucht.

Luís und seine drei Töchter sitzen vor der Hütte und trinken Tereré. Die Mädchen machen sich die Nägel und die Haare, sie albern herum, die Stimmung ist gelöst. So scheint es.

Luís geht nicht mehr aus dem Haus. Er bewacht rund um die Uhr Belén. Sie lebt nun als Gefangene. Es ist gleichzeitig ihr Entzug. "Es gab Schüsse vor dem Haus um drei Uhr früh", sagt Luís. Er sieht das als Warnung, nicht mit der Polizei oder Journalisten zu sprechen.

"Wir müssen hier weg", sagt er. "Aber wohin? Wir haben kein Geld."

Sie müssten, das fühlt er, auf die nächste Flucht. Auf die Flucht vor der Armut in Paraguay folgt die Flucht vor Menschenhandel und nun die Flucht vor Morddrohungen.

Was hast du im Leben vor, fragen wir Lucía, die ihren Freund dabeihat, einen Paraguayer, 18 Jahre, Tagelöhner. Zum ersten Mal nach Monaten sehen wir ein zartes Lächeln unter ihren dunklen Augenrändern.

"Ich möchte Ärztin werden", sagt sie, aber es klingt wie ein so entfernter Traum wie Rennfahrerin. Noch immer nimmt sie Antidepressiva.

Und Rosa, die neben dem Jobben wieder zur Schule geht?

"Psychologin", sagt sie bestimmt. "Um meinen Schwestern zu helfen", und es klingt nicht wie ein so entfernter Traum.

Und Belén, die apathisch dabeisitzt, willenlos, dünn wie ein Stab?

"Weiß nicht", sagt sie.

Zurück nach Paraguay zur Mutter?

Sie schütteln den Kopf. Das kommt für keine infrage.

Geschwisterliebe

Die drei Schwestern verschwinden in der kleinen Küche, um sich die Haare zu machen und über Jungs zu reden. Sie umarmen sich. Sie lachen sogar. Sie nennen sich gegenseitig "hermosa", wunderschön, "divina", göttlich, und schreiben auf Facebook: "Liebe dich, Schwesterchen."

Ihre Geschichte ist eine von Zerstörung, von Rohheit, aber auch von Halt und Geschwisterliebe.

Die Mädchen zu trennen wäre fatal. Auf Vater, Mutter und den Staat ist kein Verlass. Sie haben nur sich. Sie sind die einzigen Menschen, die sich gegenseitig vertrauen.

Am liebsten wollen sie zusammenziehen. Meira möchte ein Heim für Mädchen wie sie schaffen, wo sie in Sicherheit vor der Mafia leben können. Allein, das Geld fehlt.

Für einen kurzen trügerischen Moment herrscht an diesem Sommertag 2019 der Eindruck eines Happy Ends. Zeit, die Geschichte zu beenden, bevor sie wieder aus den Fugen gerät.

Der härteste Job der Welt: Die Toilettenreiniger der Slums von Nairobi