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Bahnunglück: ICE rast mit 200 km/h in Schafherde

Südlich von Fulda ist ein mit 135 Passagieren besetzter ICE, der von Hamburg nach München unterwegs war, entgleist. Wie die Deutsche Bahn mitteilte, wurden dabei 19 Reisende verletzt. Inzwischen haben die Bergungsarbeiten an der Strecke begonnen - doch Bahnkunden müssen immer noch mit Verspätungen rechnen.

Nach dem schweren ICE-Unglück südlich von Fulda mit zahlreichen Verletzten begannen am Sonntag die Bergungs- und Reparaturarbeiten an der Strecke. In der Nacht zum Montag sollte mit der Bergung des Triebwagens begonnen werden. Beim Fernverkehr auf den Strecken Hamburg-Fulda und Fulda-München müsse in den nächsten Tagen mit Verspätungen von rund 30 Minuten pro Zug gerechnet werden, sagte ein Bahn-Sprecher in Frankfurt. Die Züge müssen umgeleitet werden. Auf diesen Strecken verkehre im Schnitt aber nur ein Zug pro Stunde in jede Richtung. Der Regionalverkehr und die Strecke Fulda-Frankfurt seien von den Behinderungen nicht betroffen.

An der Unfallstelle im Landrückentunnel sollten am Sonntagabend die Oberleitungen abgebaut worden, berichtete der Bahnsprecher. Im Laufe der Nacht zum Montag sollten zwei Spezialkräne von Süden in den zweigleisigen Tunnel einfahren. An der Unfallstelle würden die Kräne ausgefahren, um den Triebkopf anzuheben und auf das Gleis zu hieven. "Da muss man sehr vorsichtig ans Werk gehen", sagte der Bahnsprecher. Die Bahn rechnet damit, dass die Bergungs- und Reparaturarbeiten mehrere Tage dauern.

Mit mehr als 200 Stundenkilometern war der ICE am Samstagabend in einem Bahntunnel in eine Schafherde gerast und entgleist. Von den 135 Fahrgästen wurden nach Angaben von Bahn und Bundespolizei vier mittelschwer und 15 leicht verletzt. Die Menschen hätten Knochenbrüche, Prellungen und Schürfwunden erlitten. Das Unglück geschah kurz nach 21 Uhr im zweigleisigen Landrückentunnel, dem mit mehr als zehn Kilometern längsten Eisenbahntunnel Deutschlands. "Das Ausmaß der Schäden im Tunnel ist erheblich, die Schienen sind zum Teil total zerstört", sagte der Sprecher der Bundespolizei in Koblenz, Reza Ahmare. Zehn der zwölf Waggons sowie die beiden Triebköpfe seien entgleist. Die Bahn schätzte den Schaden auf "viele Millionen Euro".

Die Bundespolizei prüfe, ob bei dem ICE-Unglück auch die Stellung der Weichen eine Rolle gespielt hat, sagte Ahmare dem dpa- Audiodienst. Weitere Angaben dazu wollte er unter Verweis auf die laufenden Ermittlungen nicht machen. Der Landrückentunnel bleibt nach Angaben der Bahn nach dem Unfall in beide Richtungen noch für mehrere Tage gesperrt. Die Bahn rechnet für den Fernverkehr auf der ICE- Strecke Hamburg-München mit Verspätungen von bis zu 30 Minuten.

Unklar ist noch, wie die Schafherde in den Tunnel gelangen konnte. Die Bahn könne derartige Unglücke nicht verhindern, sagte Sprecher Torsten Sälinger in Frankfurt. "Wir haben 34.000 Eisenbahnkilometer in Deutschland, die komplette Überwachung ist technisch nicht möglich." Bahn-Sprecher Bernd Weiler sagte, das Streckennetz der Bahn sei ein ebenso offenes System wie Autobahnen oder Landstraßen. Bei der Unglücksstelle nahe Fulda sei "nicht allzu viel umzäunt". Nur in Waldgebieten mit viel Wildwechsel setze man hohe Zäune ein.

Auf dem Abschnitt ist Tempo 250 erlaubt. "Durch den langen Bremsweg kam der Zug erst nach etwa 1000 Metern zum Stehen", sagte Ahmare. 20 Schafe wurden nach Angaben der Bahn getötet. Nach Ahmares Worten konnte mittlerweile der Besitzer der Tiere ermittelt werden.

"Ich dachte ich ersticke"

"In der Röhre war ein unglaublicher Qualm und Staub, ich dachte, ich ersticke", sagte die 47-Jährige unmittelbar nach dem Unglück. "Ich bin noch immer grau von Kopf bis Fuß wie am 11. September in New York." Etwa 50 Meter vor dem Ausgang traf die Münchnerin auf die Schafe. "Erst sah man nur eine Fleischmasse, später erkannte ich tote Schafe, halbtote Schafe, ein paar haben auch noch gelebt und mich angesehen." Obwohl ihr nichts passiert ist, sitzt bei der 47-Jährigen der Schreck noch tief: "Ich bin froh, das ich lebe".

Ein Sprecher der Bahn in Berlin sagte: "Eine Herde von 20 Schafen wirkt wie eine Wand aus Tieren". Das sei etwas ganz anderes, als wenn ein Hase, ein Wildschwein oder Ähnliches auf den Gleisen stehe. Die Zuginsassen wurden nach dem Unglück in nördlicher Richtung in Sicherheit gebracht. Am Tunnelausgang warteten bereits Sanitäter, Feuerwehr und Rettungskräfte. Danach wurden die Passagiere mit Bussen zum Bahnhof in Fulda oder in das Gemeindezentrum eines nahe gelegenen Ortes gebracht.

DPA / DPA