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Libanon in der Krise Schüsse und schwere Feuergefechte in Beirut – mindestens sechs Tote

Libanon, Beirut: Personen gehen hinter einem Auto in Deckung
Libanon, Beirut: Personen gehen hinter einem Auto in Deckung und versorgen einen verletzten Mann, während einer anderer davon läuft
© Hassan Ammar/AP / DPA
Nur äußerst zäh kamen die Untersuchungen zur gewaltigen Explosion von Beirut bisher voran. Jetzt verwandelt sich der Streit darüber in einen bewaffneten Kampf auf offener Straße. Die Feuergefechte erinnern einige an die Stimmung im Bürgerkrieg vor 40 Jahren.

Der Streit um die schleppende Aufarbeitung zur Explosion von Beirut ist in der libanesischen Hauptstadt auf tödliche Weise eskaliert. Bei einem Protest kam es dort am Donnerstag zu Schüssen und teils schweren Feuergefechten auf offener Straße. Mindestens sechs Menschen wurden Innenminister Bassam Maulawi zufolge getötet, 30 weitere laut Rotem Kreuz verletzt. Auf Videos waren Verwundete zu sehen sowie bewaffnete Männer bei Schusswechseln in Wohnvierteln. Die Armee erklärte, auf jegliche Schützen das Feuer zu eröffnen.

Die Gewalt begann laut einem Augenzeugen, als Unbekannte aus einem Gebäude in Nähe des Justizpalastes Schüsse abgaben. Dort war ein Protest gegen Ermittlungsrichter Tarek Bitar geplant, der die Untersuchung zur gewaltigen Explosion im Hafen von Beirut im August 2020 leitet. Dabei wurden mehr als 190 Menschen getötet und rund 6000 verletzt. Wer genau für die plötzliche Gewalt am Donnerstag verantwortlich war, blieb zunächst unklar.

Lage in Beirut eskaliert – gewaltsame Zusammenstöße

Die Stimmung in Beirut ist sehr angespannt. Auf einem Video waren Scharen von Menschen zu sehen, die bei Schüssen über eine Kreuzung rennen und Schutz suchen. Sicherheitskräfte waren in großer Zahl im Einsatz und sperrten Straßen ab. Anwohner wurden aufgefordert, die Gegend zu meiden. Eltern flüchteten teils mit ihren Kindern auf dem Arm oder holten ihre Kinder in Panik von der Schule ab.

Die schiitische Amal-Bewegung, die enge Kontakte zur Iran-treuen Hisbollah pflegt, hatte zum Protest vor dem Justizpalast aufgerufen. Sie fordert, dass Ermittlungsrichter Bitar der Fall entzogen wird. Am Donnerstag wies ein Kassationsgericht einen Antrag zweier schiitischer Ex-Minister zurück, Bitar abzusetzen – kurz darauf brach die Gewalt auf der Straße aus. Wegen des Antrags lagen die Ermittlungen seit Dienstag auf Eis. Die beiden Ex-Minister Ali Hassan Khalil und Ghasi Saitar haben Verbindungen zu Hisbollah und Amal.

Schon vor einigen Wochen hatten Ex-Minister gegen Bitar geklagt und ihm bei der Untersuchung mangelnde Neutralität vorgeworfen. Seinem Vorgänger war der Fall vor einem halben Jahr nach Beschwerden von beschuldigten Ex-Ministern entzogen worden. Bitar kann seine Arbeit zumindest nach dem neuen Gerichtsbeschluss vom Donnerstag vorerst fortsetzen. Bitar hatte gegen Khalil einen Haftbefehl erlassen, nachdem dieser zu einer Befragung nicht erschienen war.

Einige fühlten sich an die Straßengefechte des Bürgerkriegs erinnert. Damals, von 1975 bis 1990, führten unter anderem christliche und muslimische Milizen im Libanon gegeneinander einen Bürgerkrieg. Die Gewalt am Donnerstag spielte sich auch in Nähe einer früheren Demarkationslinie zwischen schiitischen und christlichen Vierteln ab. Hisbollah und Amal erklärten, Scharfschützen hätten von Dächern aus das Feuer eröffnet, um das Land "absichtlich in Kämpfe" zu ziehen.

fs DPA

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