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Bergsteiger-Drama am Lagginhorn: "Wir sehen uns spätestens im Himmel wieder"

Fünf Deutsche sind in den Schweizer Alpen in den Tod gestürzt. Die Freunde waren lebenslustig, gläubig - und liebten die Berge.

Von Malte Arnsperger

"Wer zweimal geboren wird, muss nur einmal sterben. Wer nur einmal geboren wird, muss zweimal sterben." Der junge Mann, der diese nachdenklichen Zeilen auf seinem Facebook-Profil veröffentlicht hat, ist auf tragische Weise ums Leben gekommen. Silas T. aus dem nordrhein-westfälischen Helpup ist eines der Opfer des Bergsteiger-Unglücks in den Schweizer Alpen, bei dem insgesamt fünf deutsche Alpinisten in den Tod stürzten.

Neben Silas T. starben bei dem Drama am Lagginhorn sein Kumpel Simon H. und dessen Vater Gunther aus dem rheinland-pfälzischen Waldlaubersheim, sowie ihr Freund Maxilimian S. und dessen Schwester Marie-Claire aus Berlin. Nur deren Vater Peter S. hatte kurz vor dem Gipfel erschöpft aufgegeben, hatte auf seine Kameraden gewartet und musste mitansehen, wie sie beim Abstieg vom Gipfel verunglückten und mehrere hundert Meter in die Tiefe fielen.

Die genauen Umstände des Unfalls sind noch ungewiss, noch ist unklar, weshalb die fünf an diesem als eher einfach eingeschätzten Berg abstürzten. Offenbar waren unter ihnen auch erfahrene Bergsteiger.

Lebenslustig und bibelgläubig

So wie Silas T.: Er war, das lässt ein Blick auf sein Facebook-Profil erahnen, ein lebenslustiger Abenteurer. Ein Foto zeigt den jungen Mann bei einem Luftsprung mit angewinkelten Beinen, auf weiteren Bildern ist er mit Freunden in einem riesigen - offensichtlich selbstgebauten - Iglu abgebildet. "Wie habt Ihr denn das Riesending hinbekommen?", fragt ein Facebook-Freund. Ein anderer schreibt: "un silas (sic), wie lebt man so als inuit :D". Die Berge und das Klettern haben es Silas T. wohl ganz besonders angetan. Ein ehemaliger Mitschüler erinnert sich in der "Neuen Westfälischen Zeitung" an die Kletterleidenschaft von Silas T. "Es war nicht das erste Mal, dass er so eine Tour gemacht hat", sagt er. Der Freund bezeichnet Silas T. trotz seiner 20 Jahre als erfahrenen Bergsteiger.

Aber Silas T. hatte auch eine andere Seite. Immer wieder postet er Bibel-Sprüche und schreibt: "Ein Besuch in der Kirche macht dich genauso wenig zu einem Christen, wie der Besuch bei McDonalds dich zu einem Hamburger macht." Als sein Lieblingsbuch bezeichnet er die Bibel, auf den Jugendgottesdienst in Wuppertal hat er einen "Gefällt- mir"-Button gesetzt. Und er glaubte fest an ein Leben nach dem Tod: "Ich bin bibelgläubiger Christ, und wünschte du wärst es auch!", schreibt Silas T. "Dann sehn wa uns nämlich spätestens im Himmel wieder :)"

Einer, der die Berge liebte

Den Glauben an Gott und die Leidenschaft für die Berge teilte Silas T. mit seinem Kumpel Maximilian S. Der 19-Jährige aus Berlin hat in diesem Jahr sein Abitur auf einer evangelischen Schule bestanden und er schreibt auf seinem Facebook-Profil: "Ich bin überzeugter Christ". Als derzeitigen Job hat er "Medikamente austragen" bei einer Apotheke angegeben. Wie sehr Maximilian die Natur und die Berge liebte, belegen seine Facebook-Fotos. Sie zeigen den muskulösen jungen Mann an einem Strand auf einer Mauer sitzend oder verträumt aufs Wasser blickend. Und immer wieder posiert Maximilian vor Gipfeln, beim Klettern, im Schnee. Er kannte ganz offensichtlich die Gegend rund um den Unglücksort, die sogenannte Weissmiesgruppe, zu der auch das Lagginhorn gehört. Auf einer Bergsteiger-Seite hat Maximilian im Jahr 2009 das Bild einer Gletscherspalte veröffentlicht und darunter geschrieben: "Gletscherszenarien am Weissmies".

Sein Vater Peter, der einzige Überlebende der Gruppe, ist Geschäftsführer einer Berliner Baufirma und begeisterter Alpinist. Auch er hat auf diversen Internetseiten Fotos aus den Bergen veröffentlicht. Einem Bericht der "Berliner Zeitung" zufolge wollte er mit seinen Kindern in den Bergen Geburtstag feiern. Doch aus der fröhlichen Alpen-Reise wurde ein Horror-Trip. Als seine Frau in Berlin davon erfuhr, habe sie in ihrer Wohnung so laut geschrien, dass die Nachbarn besorgt bei ihr geklingelt hätten, schreibt die "Berliner Zeitung". Auf Maximilians Facebook-Seite schreibt eine Freundin: "Ruhe in Frieden :(" Ein Freund antwortet: "Das wird er auf jedenfall. Frieden hat er."

Gerade erst in den Alpenverein eingetreten

Etwas Erholung erhoffte sich wohl auch Gunter H. in den Alpen. Der dreifache Familienvater war mit seinem Sohn Simon in die Berge gefahren und suchte dort Abstand zu seinem Berufsleben. Gunther H., Jahrgang 1968, hat Maschinenbau an der Fachhochschule in Bingen studiert und ist Diplom-Ingenieur. Er arbeitete bei verschiedenen Firmen in der IT-Branche und war jahrelang bei einem großen amerikanischen Unternehmen für das gesamte deutsche Softwaregeschäft zuständig. Seit 2010 ist er Partner einer Münchner Unternehmensberatung.

Und er war ein begeisterter Sportler. Im Internet gibt er an, dass er sich für "interessante und positive Leute" und "interkulturelle Treffen" interessiere, sowie fürs Laufen, Skifahren, Squash und Fitness. Sein Sohn Simon teilte die Outdoor-Leidenschaft seines Vaters. Auf seiner Facebook-Seite posiert der rothaarige junge Mann in Motorradkluft mit seiner Maschine vor einer hügeligen Landschaft. Aber auch die Fotos von Bergen und spektakulären Sonnenuntergängen lassen darauf schließen, dass sich Simon in der Natur zu Hause fühlte.

Zusammen mit seinem Vater war Simon H. am 19. Juni, wenige Tage vor dem Unfall, in den Deutschen Alpenverein eingetreten. Das Bergsteigen hatte es allen angetan.

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