Bergsteigerdrama Wie der Nanga Parbat wieder Schicksal spielt


Günther Messner war 1970 von der Besteigung des 8125 Meter hohen Nanga Parbats im Himalaya nicht zurückgekehrt. Rund 35 Jahre nach der Expedition will sein Bruder Reinhold nun die Überreste des Verschollenen gefunden haben.

Nanga Parbat, "Schicksalsberg" der deutschsprachigen Bergsteiger - auch für Reinhold Messner ist er das, obwohl er den 8125 Meter hohen Bergriesen im Himalaya mehr als einmal bezwungen hat. Vor 35 Jahren kam dort sein jüngerer Bruder Günther nach dem gemeinsamen Gipfelsieg um. Die genauen Umstände sind bis heute unklar. Um den Hergang des Unglücks entbrannte ein heftiger Streit zwischen dem Südtiroler Extrem-Bergsteiger und seinen Ex-Kameraden, der sich durch mehrere Instanzen zog. "Der Beweis wird die Leiche meines Bruders sein, wenn sie dort gefunden wird, wo ich es sage", hatte Messner mehrmals angekündigt. Jetzt hat der Berg den Leichnam offenbar frei gegeben: Günther sei tatsächlich gefunden worden, berichtet Messner, der sich gerade in der Region aufhält.

Schuhe und Jacke wiedererkannt

Bergsteiger entdeckten den Leichnam demnach bereits vor Wochen nahe des Diamir-Basislagers in 4600 Metern Höhe, sagte Messner-Sprecher Naeem Khan in Islamabad. Messner habe die eigens für die Expedition angefertigten Schuhe sowie die Jacke des Bruders wiedererkannt, der auf der Expedition seinen 24. Geburtstag gefeiert hatte.

Sicher ist, dass Günther dem alleine zum Gipfel aufgebrochenen Reinhold am 27. Juni 1970 spontan nachstieg. Er holt ihn ein und erreicht mit dem Bruder den Gipfel. Nach sechs Tagen trifft Reinhold Messner schwer gezeichnet und mit Erfrierungen an den Füßen wieder mit den Expeditionsteilnehmern zusammen. Günther ist verschollen.

Drei Jahrzehnte lang war an die Todesumstände von Günther Messner nicht gerührt worden. Doch dann kocht bei einer Buchvorstellung in München unerwartet Altes hoch. Messner behauptet, seine Ex-Kameraden hätten ihn und seinen Bruder nicht gesucht, als beide nicht vom Gipfel zurückkamen. Andere Expeditionsteilnehmer fühlen sich von den Angriffen in ihrer Ehre verletzt. Hans Saler und Max von Kienlin veröffentlichen ihre These, Messner habe seinen Bruder über den normalen Weg ins Lager zurückgeschickt, um selbst die Überschreitung des 8125 Meter hohen Nanga Parbat zu wagen und so Weltruhm zu erlangen.

Messner, der am 17. September 61 Jahre alt wird, hat dies stets als Rufmordkampagne zurückgewiesen. Er sei zusammen mit dem Bruder auf der so genannten Diamir-Seite über eine bis dahin unbekannte Route abgestiegen. Über den Aufstiegsweg durch die so genannte Rupalwand abzusteigen, habe den geschwächten Bruder zu sehr geschreckt. Der Abstieg über die unbekannte Diamir-Seite sei "völlig irrsinnig" gewesen, unterstreicht der Bergführer und Expeditionsteilnehmer von damals, Jürgen Winkler. "Es gab kein einziges Argument, auf diese Seite zu gehen."

Vermutlich von einer Eislawine erfasst

Messners Bericht zufolge wurde Günther nach zwei Tagen und Nächten des gemeinsamen Abstiegs im unteren Wandteil vermutlich von einer Eislawine erfasst, als er selbst gerade den weiteren Weg ins Tal erkundete. Der nun entdeckte Leichnam soll nach den Worten von Messner-Sprecher Naeem Khan allerdings Jahrzehnte in 7000 Metern Höhe gelegen haben und erst dann vom Gletscher bis zum dem Basis-Lager bergab getragen worden sein. "Die ganze Angelegenheit ist meines Erachtens ziemlich suspekt", meint Ulrike Völkmann, Lektorin von Messners Ex-Kameraden Hans Saler. "Wie dem auch sei, die Brüder könnten sich auch in diesem Fall in der Gipfelregion getrennt haben."

Bereits im Januar 2004 hatte Messner das Wadenbein einer Gletscherleiche als Indiz dafür vorgelegt, dass er Günther nicht im Stich gelassen hatte. Der auf seiner Abstiegroute in etwa 4300 Metern Höhe gefundene Knochen sei nach Gen-Tests der Universität Innsbruck mit hoher Wahrscheinlichkeit dem Bruder zuzuordnen. "Nicht ich bin der Fälscher und der Lügner - die Lügner sind entlarvt", sagte Messner damals. Der Knochen hatte bereits drei Jahre lang bei Messner zu Hause gelegen. Er habe zunächst geglaubt, er gehöre einem anderen verschollenen Bergsteiger. Sein anderer Bruder Hubert, ein Kinderarzt, habe den Knochen für zu groß gehalten, um ihn Günther zuzuordnen.

Dass nun der Leichnam auf der Diamir-Seite gefunden wurde, beweise nicht, dass die beiden zusammen abgestiegen seien, sagt der frühere Messner-Freund von Kienlin. "Wenn es denn tatsächlich Günther sein sollte, so beweist dies nicht, wo und wie er gestorben ist und wie lange Reinhold mit ihm zusammen war." Er hoffe, "dass die Identität tatsächlich eindeutig und objektiv festgestellt werden kann". Was mit dem Leichnam nun geschehen soll, ist jedoch noch nicht genau bekannt.

Sabine Dobel/DPA DPA

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