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Nach dem Einsturz in Genua: Stabil oder gefährlich? So werden in Deutschland Brücken geprüft

Todesfalle Brücke - der Einsturz einer Autobahnbrücke in Genua lässt auch hierzulande die Frage aufkommen: Wie stabil sind solche Bauwerke in Deutschland? Bei uns ist die Prüfung von Brücken streng geregelt: So laufen die Kontrollen ab.

​​​​​​​Bauarbeiter bringen an der Rader Hochbrücke der Autobahn A7 Stahlträger an

Bauarbeiter bringen an der Rader Hochbrücke der Autobahn A7 Stahlträger an. Nach dem Einsturz der Autobahnbrücke in Genua in Italien haben die Behörden für den Norden Entwarnung gegeben. Die Bauwerke gelten als sicher.

DPA

Eine eingestürzte Brücke, Schutt und Chaos - die Bilder aus Genua gingen um die Welt. "Das berührt einen natürlich. Es sind schließlich viele Menschen zu Tode gekommen", sagt Holger Wohlfeil. Mindestens 38 Menschen kamen bei dem Einsturz in Norditalien am Dienstag zu Tode. Der 50-Jährige ist Bauwerksprüfingenieur beim Hamburger Landesbetrieb Straßen, Brücken und Gewässer (LSBG) und somit verantwortlich für die Sicherheit der mehr als 1400 Brücken der Hansestadt. Einen Tag nach der Katastrophe in Genua steht am Mittwoch im Hamburger Hafen die Prüfung der Busan-Brücke an. In den 1930er Jahren für den Fahrzeugverkehr erbaut, dürfen die von vernieteten Stahlbögen getragene 36 Meter lange Brücke in der Hafencity heute nur noch Fußgänger und Fahrradfahrer nutzen.

"Die Verantwortung ist schon sehr groß: Man soll alle Brücken in Hamburg im Auge behalten", sagt Wohlfeil und betont: "Wir sind uns unserer Verantwortung bewusst und werden das gewissenhaft umsetzen." Schließlich gebe es in Deutschland ein festgelegtes Prüfprogramm. "Das regelt die DIN 1076. Die schreibt ganz klar vor: Eine Hauptprüfung an jeder Brücke ist alle sechs Jahre durchzuführen. Dazwischen soll eine einfache Prüfung stattfinden, die dann in aller Regel nach drei Jahren passiert."

Bei den großen Kontrollen alle sechs Jahre werde eine Brücke Zentimeter für Zentimeter überprüft - "handnah", wie es in der Vorschrift heißt, sagt er. "Das muss man sich so vorstellen, dass man jedes Bauteil der Brücke zumindest mit der Hand erreichen könnte, um dann Schäden auch sehen und feststellen zu können."

Zu schaffen machten den Hamburger Brücken vor allem Umwelteinflüsse. "Wir sind hier am Wasser und zum Teil auch ein Salzwassergebiet. Das ist gerade bei Stahlbrücken ein großes Problem, weil natürlich Korrosion stattfindet. Auf den Straßenbrücken werden im Winter Salze gestreut. Das greift natürlich jedes Bauwerk zusätzlich an."

Millionen für Erhalt der Brücken allein in Hamburg

Der Unterhalt der Hamburger Brücken kostet auch deshalb viel Geld. Rund neun Millionen Euro steckt der Landesbetrieb jährlich in ihren Erhalt. Hinzu kommen insgesamt fünf bis sechs Millionen Euro von der Hafenbehörde und der Hamburger Hochbahn. Und da sich einige der Brücken im Bundeseigentum befinden - etwa die Autobahnbrücken südlich des Elbtunnels - zahlt auch der Bund noch einmal rund neun Millionen Euro an Unterhaltungsmitteln.

Mit Wohlfeil ist seine Kollegin Nadine Lehmitz zur Busan-Brücke gekommen. Sie sei entsetzt gewesen, als sie die Nachrichten aus Genua hörte, erzählt die 38-Jährige. "Wenn man über die Jahre hinweg als Bauwerksprüfer Brückenbauwerke prüft, geht man davon aus, dass man immer den aktuellen Sachstand hat und auch immer dafür Sorge tragen kann, dass jeglicher Verkehr - Fußgänger oder Autofahrer - darüber fahren kann, ohne dass so etwas passiert." Sie warnt vor übereilten Analysen. "So schlimm das auch alles ist und so sehr jetzt alle nach der Ursache schreien, sind Spekulationen das Schlimmste. Da sind Zeit und Ruhe gefragt."

Welcher Schaden an einer Brücke kann gefährlich werden?

Sie spricht von Respekt vor der ihr und ihren zehn Kollegen von der Bauwerksprüfabteilung gestellten Aufgabe. "Wenn ich jetzt hier vor dieser Brücke stehe, dann schaue ich mir alle Schäden an, die vorhanden sind. Aber das ist natürlich immer nur eine Momentaufnahme. Da muss man durch Erfahrung glänzen. Denn wir wissen, wie sich welcher Schaden eventuell auswirken könnte. Aber nichtsdestotrotz können wir nicht hellsehen."

Bauwerksprüfer sei deshalb ein Beruf auf Lebenszeit. "Es gibt so viel Materie, die Sie erst in der Praxis lernen können. Und deshalb ist es auch jedes Mal, wenn ich eine Prüfung mache, mit sehr viel Ehrfurcht verbunden. Und es macht mir manchmal auch ein bisschen Angst. Und das ist gut so, denn dann prüft man sorgfältiger."

Insgesamt gibt es in Deutschland rund 39.500 Brücken an Autobahnen und Bundesstraßen, sie alle werden nach Angaben des Bundesverkehrsministeriums mit regelmäßigen Kontrollen auf ihre Sicherheit überprüft. In einer Art "Brücken-Tüv" machten Ingenieure jährliche Besichtigungen und – genau wie das Beispiel Hamburg zeigt -  alle drei Jahre eine Prüfung und alle sechs Jahre eine größere Hauptprüfung. Diese Pflicht gelte auch für Autobahnabschnitte, die von privaten Investoren betrieben werden, erläuterte das Ministerium am Mittwoch.

Wut auf den Betreiber der Brücke in Genua

In Genua in Italien war am Dienstag während eines schweren Unwetters eine Brücke der Autobahn 10 in mehr als 40 Metern Höhe auf einem etwa 100 Meter langen Stück eingestürzt, mehr als 40 Menschen starben. Italienische Regierungsmitglieder machten einen Tag nach der Katastrophe auch den privaten Autobahnbetreiber dafür verantwortlich.

In Deutschland sei der Zustand von 87 Prozent der Brücken als "gut" bis "ausreichend" eingestuft, bei 11 Prozent als "nicht ausreichend" und bei 2 Prozent als "ungenügend", erläuterte das Ministerium. Dabei bedeute die Note "ungenügend" keine Einsturzgefahr. Dies könne aber etwa bedeuten, dass Stäbe eines Geländers fehlen oder Beton auf der Fahrbahn abgeplatzt ist. Bei manchen Brücken gibt es auch Tempolimits oder Sperrungen für schwere Lastwagen.

Aus dem Bundeshaushalt sollen in diesem Jahr 1,4 Milliarden Euro in die Brückenerhaltung gehen. Für 2020 sind 1,5 Milliarden Euro und für 2022 rund 1,6 Milliarden Euro vorgesehen. Der Bund hat 2015 auch ein "Sonderprogramm Brückenmodernisierung" gestartet, das größere Vorhaben von mehr als fünf Millionen Euro bündelt.

Ist also in Deutschland alles in Ordnung? Manche Experten verneinen das. "Unsere Brücken verrotten gefährlich, ein Einsturzrisiko kann inzwischen nicht mehr ausgeschlossen werden", sagte der Architekt Richard Dietrich den Zeitungen des Redaktionsnetzwerk Deutschland vom Mittwoch. Der Bauingenieur Manfred Curbach betonte im Deutschlandfunk dagegen, Brücken würden hierzulande "ständig überwacht".

Dietrich machte vor allem den dominierenden Werkstoff Beton für Probleme verantwortlich. Schäden an Brücken würden dadurch erst spät sichtbar. "Wenn der Beton Risse hat, durch die Feuchtigkeit eindringt, löst sich irgendwann der Zement auf, dadurch rostet die freigelegte Stahlbewehrung", sagte er. "Spätestens dann leidet die Stabilität." Dietrich plädierte für die Rückkehr zu Stahlbrücken.

Vorwurf gegen Betonindustrie in Deutschland

Diese seien deutlich langlebiger und weniger anfällig für Schäden. "Aber die Betonindustrie ist ein gut funktionierendes Kartell in Deutschland, das sich sogar an den Universitäten durchgesetzt hat", kritisierte der Bauingenieur. "Dort lernen die angehenden Ingenieure, nur noch mit diesem Werkstoff zu bauen". Dies wieder umzukehren, brauche Zeit und ein Umdenken bei vielen, die daran nicht sonderlich interessiert seien, sagte Dietrich den Zeitungen.

Curbach sagte, etwa jede zehnte Brücke in Deutschland sei in einem Zustand, in dem "wir uns mehr um sie kümmern müssen". Er betonte zugleich, in Deutschland gebe es ein "ausgeklügeltes Sicherheits- und Überwachungssystem". Falls es bei einer Brücke Probleme gebe, würden Gegenmaßnahmen ergriffen - etwa Verkehrsreduzierungen, Reparaturen oder Neubauten. Bei alten Brücken werde nachgerechnet, ob sie die zusätzlichen Lasten zunehmenden Schwerverkehrs vertrügen.

Generell sei er "ein bisschen vorsichtig" mit dem Begriff "marode", betonte der Universitätsprofessor für Massivbau im Gespräch mit dem Sender. Jedes Bauwerk und jedes Material altere. Genau deshalb würden Brücken in Deutschland und anderen Ländern eben auch fortlaufend überwacht.

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anb / DPA / AFP