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Laborschimpansen: Diese Affen lebten Jahrzehnte als Versuchstiere – jetzt suchen sie ihren Frieden

Die Schimpansen auf dem österreichischen Gut Aiderbichl dienten zuvor zwei Jahrzehnte der Forschung – bis sie überflüssig wurden. Nun versuchen 34 ehemalige Laboraffen, ins Leben zurückzufinden.

Von Silke Gronwald

Babbyboy, 37, war 15 Jahre Versuchsobjekt. Er hat Hirnschäden und bis heute Schwierigkeiten beim Klettern. Jeden Besucher begrüßt er neugierig an der Glasscheibe

Babbyboy, 37, war 15 Jahre Versuchsobjekt. Er hat Hirnschäden und bis heute Schwierigkeiten beim Klettern. Jeden Besucher begrüßt er neugierig an der Glasscheibe

An diesem nasskalten Wintermorgen hat sich nur Moritz hinausgewagt. Das 35-jährige Affenmännchen zieht sich schwerfällig den Kletterbaum hinauf, reckt die muskulösen Arme in die Höhe, reißt sein Maul mit den gewaltigen Eckzähnen auf und stößt einen schrillen Schrei aus, der bis weit über das gut 2000 Quadratmeter große Gelände zu hören ist. "Imponiergehabe, völlig natürliches Verhalten", sagt Bettina Gaupmann. Sie ist seine Pflegerin. Sie klingt stolz. "Es hat Jahre gedauert, bis er so weit war, bis er das gelernt hat, genauso wie seine Finger zu gebrauchen oder richtig zu klettern." Ein kleines Wunder.

Die ersten Jahrzehnte seines Lebens hauste Moritz in einem Käfig, der so eng war, dass er darin gerade einmal aufrecht stehen konnte. Isolationshaft auf fünf Quadratmetern. Der Boden war nicht mehr als ein Gitterrost, durch den der Kot fiel. Es gab weder Stroh noch Tageslicht. Menschen kannte Moritz nur in grauen Schutzanzügen, die Haare unter Kappen, Mund und Nase hinter Schutzmasken verborgen. Sein Fressen, die einzige Abwechslung am Tag, gaben sie ihm durch eine Klappe, wie man es aus Gefängnisfilmen kennt. Moritz war Eigentum der Pharmafirma Immuno, sein Daseinszweck der gesellschaftliche Nutzen – bis er für überflüssig erklärt wurde.

Was von der Forschung übrig blieb

Und dann? Was passiert mit ausgedienten Labortieren? Allein in Deutschland wurden im Jahr 2016 2,8 Millionen Versuche an Tieren vorgenommen – in der Medizin, in der Kosmetik- und der Pharmaindustrie. Mehr als 80 Prozent an Mäusen und Ratten, knapp elf Prozent an Fischen und 0,09 Prozent an Affen. Die genaue Anzahl: 2462 Javaner, Rhesus- und Klammeräffchen. Primaten werden vor allem in der Infektions- und Hirnforschung eingesetzt. Experimente an Menschenaffen sind aus ethischen Gründen seit 2010 in Europa streng verboten. In den USA hingegen sind sie unter harten Auflagen immer noch möglich. Grundsätzlich gilt für alle Tierversuche: Sie dürfen nur durchgeführt werden, wenn sie als für die Forschung "unerlässlich" klassifiziert werden. Und: je größer das Leid, desto wichtiger muss der wissenschaftliche Nutzen sein. Allein 665.000 Tiere kamen 2016 dabei ums Leben. "In der Regel sterben die Tiere während der Testreihen", sagt Alka Chandna, Wissenschaftlerin bei den Tierschutzaktivisten von Peta. Oder sie verschwinden einfach, werden vermutlich klammheimlich eingeschläfert. Auch die Javaner-Affen aus den Abgasversuchsanlagen des Volkswagen-Konzerns in den USA sind verschollen.

Es ist also ein außergewöhnlich seltenes Erlebnis, ehemalige Versuchstiere zu Gesicht zu bekommen, so wie hier auf Gut Aiderbichl im österreichischen Gänserndorf bei Wien, wo Moritz und 33 weitere Laborüberlebende eine Bleibe gefunden haben. Die Gnadenhof-Organisation betreibt 26 Einrichtungen in Deutschland, der Schweiz und Österreich. Die Schimpansen sollen hier, hinter hohen Betonmauern und dicken Panzerglasscheiben, ihren späten Frieden finden. Es ist der Versuch der Wiedergutmachung an einer Tierart, die dem Menschen ähnlicher ist als jede andere. Nur wenige Male im Jahr werden ausgewählte Besuchergruppen über das Gelände geführt. Der permanente Kontakt mit Fremden wäre für die Tiere zu anstrengend und belastend.

Moritz ist ein sogenannter Wildfang aus Westafrika, vermutliches Herkunftsland Sierra Leone. Wie die meisten Affen hier wurde er im Alter von wenigen Monaten von Wilderern seinen Eltern entrissen. Um an die Jungen zu kommen, mussten die Jäger meist die ganze Sippe aus acht, neun erwachsenen Tieren erschießen, denn Affenbabys klammern sich bis zum Alter von drei Jahren am Bauch ihrer Mutter fest, und die wehrhaften Schimpansen verteidigen ihren Nachwuchs bis aufs Blut. Doch das Geld wog schwerer als der Skrupel, die Babys wurden in Transportboxen gesteckt und direkt in Versuchslabore rund um den Globus geschickt, so auch zur österreichischen Immuno AG.

Die Pharmafirma verdiente in den 80er und 90er Jahren ihr Geld vor allem mit dem Handel von Blutplasma und Impfstoffen. Mit den Schimpansen hofften die Forscher, ein Medikament zur Bekämpfung der Immunschwächekrankheit Aids zu finden. Einige der Affen wurden deshalb absichtlich mit HIV und Hepatitis infiziert, die gesunden Tiere dienten als Kontrollgruppe. Ständig wurden die Affen betäubt, Blut- und Gewebeproben entnommen. "Was sonst noch mit den Tieren in dieser Zeit passiert ist, wissen wir nicht", sagt Pflegerin Gaupmann. Einige zeigen sich bis heute schwer traumatisiert. Sie leiden unter Zitterattacken, Essstörungen und verletzen sich häufig selbst.

"In Depressionen versunken"

Teilweise experimentierten die Forscher 20 Jahre lang mit den Tieren, sie gaben ihnen Namen, doch um eine artgerechte Haltung kümmerten sie sich nicht. Die legendäre Verhaltensforscherin Jane Goodall, die in den 80er Jahren Affenversuchsanstalten weltweit besuchte, schrieb einmal in der "New York Times": "Nie werde ich die Augen der tief in Depression versunkenen Schimpansen vergessen." Auch bei der Immuno AG war sie zu Gast.

Tatsächlich haben die Experimente weder dem Unternehmen noch der Erkenntnis Erfolg gebracht, denn bei Schimpansen bricht HIV nicht aus. Zudem gerieten die Versuche an Primaten immer stärker in die Kritik. Die große genetische Ähnlichkeit von mehr als 98 Prozent, welche die Tiere für die Wissenschaft so verlockend macht, galt zunehmend als ethisch fragwürdig. Darf man Lebewesen, denen die geistige Fähigkeit eines Kleinkinds zugesprochen wird, die ein eigenes Ich-Bewusstsein haben, so leiden lassen? 1997 beschloss der US-Pharmakonzern Baxter, der die österreichische Immuno AG übernommen hatte, die Affenversuche einzustellen.

Moritz ist wieder im Affenhaus verschwunden und ruht sich bei seiner Gruppe aus – bei der zuckerkranken Schuscha, die jeden Tag ihre Insulinspritze braucht; bei David, der meist abseits der anderen hockt; bei Lingoa, die auf einem Auge blind ist; und bei Xsara, der Jüngsten, die 1999 im Labor geboren wurde, zu einer Zeit, als es für die Wissenschaftler wegen des Washingtoner Artenschutzabkommens zunehmend riskanter wurde, illegal gefangene Schimpansen zu importieren.

Es ist eine Versammlung Schwerversehrter, die da auf einem toten Baumstamm sitzt. Sie kraulen und lausen sich, schmiegen sich aneinander und spenden sich Wärme. Jetzt blicken sie durch die dicken Scheiben neugierig die Besucher an. Schuscha zieht Grimassen, David trommelt gegen das Glas. Direkte Berührungen zwischen Mensch und Tier sind verboten – selbst für die Pfleger. "Jedes der Männchen ist bis zu siebenmal stärker als wir", sagt Gaupmann, "da kann selbst eine herzlich gemeinte Umarmung lebensbedrohlich werden."

Seit mehr als zwölf Jahren begleitet die Pflegerin die Tiere auf ihrem Weg zurück ins Leben. Ein Prozess, der bis heute andauert und viel Fingerspitzengefühl verlangt. Ganz sanft und langsam mussten Gaupmann und ihre Kollegen die Tiere wieder an ihresgleichen gewöhnen. Zunächst saßen sich die Affen in zwei Käfighälften gegenüber, getrennt durch ein Gitter, ein erstes Kennenlernen ohne körperlichen Kontakt. Später wurde die Zwischentür einen Spaltbreit offen gelassen. Nicht weit genug, um durchzuschlüpfen, aber so weit, dass es für eine erste Begrüßung reichte. Und erst nach etwa 300 Rendezvous trauten sich die Pfleger, die Tiere zusammen in einen Raum zu lassen. Sobald sich ein Pärchen erfolgreich gefunden hatte, kam der nächste Affe hinzu – so wuchs die Horde allmählich an. Die Pflegerinnen hielten sich möglichst zurück. Die Tiere sollten die Affensprache lernen, sie sollten miteinander kommunizieren und nicht mit den Menschen.

Einige Schimpansen bleiben immer Eremiten

Schaut man Moritz und seinen Kameraden zu, wie sie toben und kreischen, Nester aus Holzwolle bauen und geschickt mit Stöcken hantieren, merkt man ihnen kaum mehr an, dass sie einst ihre natürlichen Verhaltensmuster entweder komplett vergessen oder nie erlernt hatten. Die Fähigkeit, kleine Dinge wie Nüsse oder Steinchen aufzusammeln, war bei den meisten total verkümmert, jeder Finger vom wenigen Gebrauch steif und ungelenk. Zum Training verstecken die Pfleger Rosinen in löchrigen Baumstämmen, die überall in den Käfigen herum liegen. Früher mussten sich die Affen endlos mühen, um die Früchte herauszupauken. Inzwischen brauchen sie nicht mehr als ein paar Sekunden.

Doch trotz aller Bemühung und Hingabe der Menschen auf dem Gnadenhof – einige Tiere haben die Wiedereingliederung bis heute nicht geschafft. Für ein friedliches Miteinander sind sie zu aggressiv, zu gestört. Peter und Thomas etwa müssen weiter ihr Eremitendasein fristen. Ihr Lebenslauf in Kurzform liest sich so: "Thomas, geboren 9. 4. 1984 in einem Forschungslabor in den Niederlanden. Dienst in Österreich als Versuchsaffe von 1984 bis 1997. Wurde mit Hepatitis C infiziert."

"Peter, geboren (vermutlich) 1983 in Sierra Leone, Dienst als Laboraffe in Österreich von 1986 bis 1997; nicht gruppierbar wegen heftiger Beißattacken." Beide können ihre Emotionen nicht kontrollieren. Ein ausgerissener Finger und ein abgebissenes Ohr sind die Bilanz der Versuche, die beiden in eine Gruppe zu integrieren. Aber anders als früher haben sie jetzt wenigstens Auslauf und Blickkontakt zum Rest der Horde.

Auch heute noch zahlt die Firma Baxter einen Großteil der Versorgungskosten und zeigt sich damit verantwortungsbewusster als viele andere Unternehmen, die Tiere für ihre Zwecke nutzten. 50 Euro kostet der Unterhalt pro Affe und Tag – bei 34 Affen also gut eine halbe Million Euro pro Jahr. Darüber hinaus hat der Konzern die Baukosten von drei Millionen Euro für die neuen Außengehege mitfinanziert. Jane Goodall, die im Jahr 2011 zur Einweihung eingeladen war, sprach von einem "Paradies für die Tiere".

"Mahnmal für die Rechte der Tiere"

Das Gut Aiderbichl sieht sich als "Mahnmal für die Rechte der Tiere". Die gemeinnützige Organisation will auf das Schicksal der ehemaligen Versuchstiere aufmerksam machen, das so leicht in Vergessenheit gerät. Doch die Zukunft für die Affen ist alles andere als sicher. Ende 2019 läuft die über viele Jahre garantierte Unterstützung des Baxter-Konzerns aus. Dann müssen die Unterhaltskosten für die Schimpansen allein durch Spendengelder aufgebracht werden. Aufgeben aber wollen Gaupmann und ihre Kollegen auf keinen Fall. Im Gegenteil: "Wir würden auch gern die zehn Javaner-Affen aus den VW-Versuchen bei uns aufnehmen, wir haben schon Nachforschungen angestellt, aber keiner weiß, wo die Tiere abgeblieben sind."

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