HOME

Aberglaube: Doppeltes Leid: Auf Madagaskar werden Zwillinge in einen Sack gesteckt und ertränkt

An der Ostküste von Madagaskar herrscht ein Aberglaube, der furchtbare Folgen hat: Zwillinge müssen vor ihrer eigenen Familie in Sicherheit gebracht werden. Weil sie Unglück bringen sollen.

Von Ondra Menzel

Sylviane und Sylvain, 12, sind sehr musikalisch

Sylviane und Sylvain, 12, sind sehr musikalisch. Sylvain ist der erste Sänger im Chor des Heims. Sie wissen, warum sie in "Fanatenane" wohnen, wollen aber nicht darüber sprechen

stern

Links und rechts des schmalen Weges wachsen Palmen und wilde Sträucher. Es ist warm, 30 Grad etwa. Es fühlt sich an wie im Niemandsland. Die Zwillinge von Mananjary leben hier, fernab ihrer Familien, hinter einem blauen Tor mit bunten Bildern.

Dieses Heim mit dem Namen "Fanatenane – Hoffnung" hat mit großer Wahrscheinlichkeit ihr Leben gerettet. Denn an der Ostküste Madagaskars gelten Zwillingskinder als Unglücksbringer. In der Gegend um die idyllische Küstenstadt Mananjary leben zwei Stämme, die Eltern zwingen, beide oder einen der Zwillinge zu verstoßen. Oder sie gar direkt nach der Geburt zu töten.

Als der Franzose Gérard Bouffet von diesem Aberglauben hörte, gründete er vor 23 Jahren "Fanatenane". Zwillingskinder können seitdem am blauen Tor abgegeben werden. Das Heim war lange ein Dorn im Auge der Anwohner. Marie-Claude Marolleau ist die Nichte des Gründers. Sie empfängt uns in der kleinen Küche für Mitarbeiter und erzählt: "Das Heim wurde seit der Eröffnung dreimal zerstört. Nun ist seit fünf Jahren nichts mehr passiert. Die Leute merken, dass Zwillinge auch ganz normale Menschen sind. Genau das war immer unser Ziel."

"Für meinen Stamm sind Zwillinge schlimmer als Tiere"

Auf dem Anwesen gibt es Krankenhaus, Krabbelgruppe, Kindergarten, Gemüse- und Obstgärten, Hühner und Fischteich und ein kleines Gästehaus. Eltern dürfen – und sollen – ihre Kinder besuchen. Doch viele Kinder werden anonym abgegeben, oder die Eltern verschwinden einfach. Heimleiter Mike Fara versucht alles, um in einem solchen Fall Angehörige zu finden. Der Kontakt zur Familie soll nicht abbrechen.

Hellgelbe Bungalows und grüner Rasen prägen das Gelände von "Fanatenane"

Hellgelbe Bungalows und grüner Rasen prägen das Gelände von "Fanatenane"

stern

Fara ist selbst Zwilling. "Für die Menschen in meinem Stamm sind Zwillinge schlimmer als Tiere. Familien, die ihre Kinder behalten wollen, werden vom Stamm verstoßen. So wird dafür gesorgt, dass der Aberglaube wahr wird: Zwillinge bringen ihren Eltern und Nachkommen Unglück."

Fara hatte großes Glück. Sein Onkel habe ihn und seinen Bruder bei sich aufgenommen. Sie seien dann in einer anderen Stadt groß geworden. "Der Aberglaube ist schrecklich. Zwillinge werden in einen Sack getan und ertränkt. Wenn nach dem ersten ein zweites Kind geboren wird, werden beide einfach mit der Nase ins Kissen gedrückt, bis sie aufhören zu atmen." Eine weitverbreitete Methode sei auch gewesen, die Kinder vor die Tür eines Zebu-Stalles zu legen und die Rinder dann laufen zu lassen. "So was passiert aber zum Glück kaum noch. Die Eltern kommen jetzt zu uns. Sie wollen ihre Kinder nicht töten", sagt Fara.

Aber woher kommt dieser Aberglaube? Einige sehen den Ursprung in einer historischen Anekdote – aus dem Jahr 1947. Während der Revolte Madagaskars gegen die Franzosen soll eine Stammeskönigin vor Kämpfen geflohen sein, aber einen ihrer Zwillinge zurückgelassen haben. Dann soll sie Soldaten geschickt haben, um das Kind zu holen. Keiner der Männer, so erzählt es die Legende, kehrte wieder. Seither gelten Zwillinge als Ursache schrecklichen Unglücks.

"Wir haben Papa einmal von Weitem gesehen"

In einem Dorf des Stammes der Antambahoaka empfängt Chef Lukas Pasiku vor seiner Hütte. Er hat sich bereit erklärt, über das Tabu zu sprechen, das eigentlich sonst nicht erwähnt werden soll. Auch er finde es traurig, dass Eltern ihre Kinder abgeben müssten: "Aber das ist Tradition, und die darf keiner brechen." In seiner Hütte stimmen ihm viele Frauen lauthals zu. "Ja, das Tabu herrscht hier. Wir können nichts dagegen tun", ruft eine stämmige Frau um die 40. Eine Frau mit Baby auf dem Arm nickt. Warum es dieses Tabu gibt? Er wisse es nicht, sagt Pakisu.

Marie-Rose (l.) und Marie-Elisa, 8

Marie-Rose (l.) und Marie-Elisa, 8, haben Glück: Ihre Mutter Mauricia (u.) besucht sie zwei bis dreimal im Jahr für ein paar Tage

stern

In der Nachbarschaft des Kinderheims sind die Zwillinge inzwischen so weit akzeptiert, dass sie in die Dorfschule gehen können. Zu Hause müssen viele ihrer Geschwister dagegen auf dem Feld arbeiten. Die Zwillingsmädchen Angelique und Adeline antworten auf die Frage, ob sie gern hier leben: "Ja, aber wir wären lieber bei unseren Eltern. Wir haben Papa einmal von Weitem gesehen."

Das Gästehäuschen für die Verwandten liegt etwas versteckt am Rande des Heimes, damit Kinder und Eltern sich abseits des Alltags treffen können – und auch, um die Kinder, die nie Besuch bekommen, zu schützen. Nur wenige Eltern nutzen das Angebot. "Was den Kindern am meisten fehlt, ist die Nähe und Wärme, die Mütter und Väter ihnen geben. Das schaffen wir nicht", sagt Heimleiter Fara. Er versucht sein Möglichstes. Die Kinder nennen ihn allesamt Papa.

Keine Umarmung der Zwillingstöchter

Mauricia sitzt auf einer Bank am Tor und wartet auf ihre Töchter, die mit dem Schul-Tuk-Tuk zurück ins Heim gebracht werden. Mit stummer Miene harrt sie dort aus, seit etwa drei Stunden.

Mauricia muss bis zum Heim eine lange Anfahrt auf sich nehmen. Geduldig wartet sie auf ihre Töchter.

Mauricia muss bis zum Heim eine lange Anfahrt auf sich nehmen. Geduldig wartet sie auf ihre Töchter.

stern

"Ich bin mit dem Boot gekommen. Ich wohne weit weg", sagt sie. "Es ist ein weiter Weg, und ich bin angeschlagen." Wie heißen ihre Kinder? "Marie-Elisa und Marie-Rose, ich habe ihnen die Namen selbst gegeben." Die zwei sind ihre Jüngsten. Hat sie nach den beiden keine Kinder mehr bekommen, aus Angst, es könnten wieder Zwillinge werden? "Ja" , sagt sie.

Als das Tuk-Tuk hält, steigen Mauricias zweieiige Zwillingstöchter aus und gehen schüchtern auf sie zu. Es gibt keine Umarmung, sie setzen sich links und rechts auf die Bank neben ihre Mutter. Erst sagen sie nichts, lehnen sich einfach nur etwas an sie. Dann beginnen sie, leise miteinander zu sprechen.

Das Kinderheim "Fanatenane" auf Madagaskar lebt von Spenden. Wir leiten Ihre Hilfe weiter. Bitte spenden Sie an: Stiftung stern, Stichwort "Zwillinge", IBAN DE90 2007 0000 0469 9500 01, BIC DEUTDEHH; www.stiftungstern.de