HOME

Erdbeben schreckt die US-Ostküste auf: "Ich dachte, es ist ein Terroranschlag"

Um kurz vor 14 Uhr bebt es. Der Himmel ist knallblau wie am 11. September 2001. Und daran dachten viele Amerikaner auch zuerst: ein neuer Terroranschlag? Dann setzt die Erleichterung ein.

Das Ganze dauerte zwar nur etwa 30 Sekunden. Aber für Millionen Menschen an der amerikanischen Ostküste schien das eine kleine Ewigkeit. Plötzlich bebte die Erde, begleitet von einem dumpfen Grummeln. "Erstmal habe ich es gar nicht richtig erfasst. Dann dachte ich, hier im Keller ist eine Bombe explodiert - ein neuer Terroranschlag", schilderte Rob Stewart in Washington. Er arbeitet im Heimatschutzministerium und hatte, wie Hunderte seiner Arbeitskollegen, nur einen Gedanken: Raus hier, ins Freie, in die Sicherheit.

Erdstöße der Stärke 5,8 - darüber können viele Menschen an der bebenerprobten Westküste fast nur müde lächeln. Aber im Osten des Landes ist so etwas sehr rar. Ein Weißes Haus, das wackelt? "So etwas habe ich noch nie erlebt, und ich bin 80", sagt Errin Boulder. Sie hielt in einem Sessel daheim ein Nickerchen, als der Fußboden plötzlich schwankte. Auch sie dachte zunächst nur an eines - eine neue Terrorattacke. Und so ging es auch Abertausenden in New York, an diesem spätsommerlichen Tag mit knallblauem Himmel, ein Wetter ähnlich wie damals, am 11. September 2001.

"Wenn die Decke im Büro hin und her schwankt, wenn Tassen und Kugelschreiber vom Schreibtisch fallen, ist das beängstigend genug", schrieb die "Washington Post" am Mittwoch. "Aber in einer Stadt, die die Narben des Terrorismus trägt, denkt man zuerst eher an einen bösartigen Anschlag als an eine Naturkatastrophe."

Vor allem an der Ostküste. Mehr als 100 Jahre ist es her, dass es in der Region ein ähnlich starkes Beben gab wie am Dienstag nahe dem Dorf Mineral in Virginia. Zu spüren waren die Erdstöße von North Carolina im Süden bis zum kanadischen Toronto. In Washington legten sie sogar die Regierungsgeschäfte weitgehend lahm. Vom Pentagon bis zum Hauptquartier der Bundespolizei FBI: praktisch keine Behörde, die nicht evakuiert worden wäre.

Das Beben kam kurz vor 14 Uhr Ortszeit, die meisten Menschen hatten da bereits ihre Lunchpause hinter sich und waren zurück am Arbeitsplatz. Wenige Minuten später ein geändertes Bild. Zehntausende Menschen füllen die Bürgersteige im Zentrum Washingtons, fast jeder mit einem Handy, fast jeder versucht, irgendjemanden zu erreichen. Vergeblich: Das Netz ist hoffnungslos überlastet, bricht zusammen. Ampeln sind ausgefallen, blinken nur, hier und da hört man Polizeisirenen.

Tausende fliehen auch aus Bürogebäuden im New Yorker Stadtteil Manhattan. Eine Pressekonferenz mit Staatsanwalt Cyrus Vance zum spektakulären Rechtsfall um Dominique Strauss-Kahn, dem früheren Chef des Internationalen Währungsfonds, wird abgeblasen, weil der Boden schwankt, auch die in Scharen erschienenen Reporter suchen vorsichtshalber das Weite. Etwas später tritt Bürgermeister Michael Bloomberg vor die Fernsehkameras und beruhigt: Es ist alles in Ordnung, in New York stehen noch alle Gebäude, es gibt sogar praktisch keine Schäden in der Stadt.

Zu diesem Zeitpunkt ist es auch längst den Menschen in Washington, Baltimore oder auch Philadelphia klar: Es hätte wohl viel schlimmer kommen können. Nach den ersten Minuten der Überraschung und auch Angst kehrt denn auch rasch Gelassenheit ein, am Ende war das Beben für die meisten "eine merkwürdige Unterbrechung (des Alltags), bevor das Leben wieder schnell zur Normalität zurückkehrte", schrieb die "New York Times".

Freilich nicht ganz so rasch im Großraum Washington, in dem viele Berufstätige auf die U-Bahn angewiesen sind. Sie fuhr nach dem Beben zunächst überhaupt nicht, dann eher in einem Schneckentempo, während in den Tunneln nach möglichen Schäden gesucht wurde. Vier Stunden dauerte es am Dienstagabend, bis sich die Bahnsteige auf das normale Maß ausgedünnt hatten. Erhebliche Verzögerungen gab es auch im Flugverkehr, aber in der Nacht zum Mittwoch wurde es bereits allmählich besser.

Für die Zigtausenden Regierungsmitarbeiter in Washington hieß es am Mittwoch wieder Antreten, und auch im Pentagon zog wieder der Alltag ein - trotz eines Wasserrohrbruchs in diesem größten Behördengebäude der Welt. Aber für Touristen, die in diesen Tagen in die Bundeshauptstadt kommen, wird es ein bisschen anders sein als sonst für Besucher: Die National Cathedral, ein Wahrzeichen der Stadt, bleibt wegen Schäden zumindest vorerst geschlossen, und auch das Washington Monument auf der Mall, der Museumszeile im Herzen der Stadt, ist auf unbestimmte Zeit gesperrt. Bei der Inspektion per Hubschrauber wurden Risse an der Spitze der Säule entdeckt. Aber damit, so Gertraud Zangl in "downtown" Washington, "lässt sich gut leben".

Gabriele Chwallek, DPA / DPA