Erdrutsch in Nachterstedt "Ich will hier nur noch weg"


Ein Ort unter Schock: Zwei Tage nach dem verheerenden Erdrutsch in Nachterstedt sind die Hoffnungen endgültig begraben worden, die drei Verschütteten lebend zu bergen. Doch die Katastrophe hat nicht nur drei Todesopfer gefordert, 40 Nachterstedter wurden aus ihrem bisher behüteten Leben gerissen. Sie stehen vor dem Nichts.

Nach dem Unglück von Nachterstedt steht der kleine Ort im Harzvorland auch am Montag noch unter Schock. Das Aufgebot an Journalisten hat sich etwas gelichtet, aber von Normalität ist keine Spur. Überall halten sich Rettungskräfte von Feuerwehr, Polizei, DRK, THW, Bergwacht und Hundestaffeln auf. Im Rathaus hat der Katastrophenstab sein provisorisches Domizil aufgeschlagen, auf dem Hof erhalten Rettungskräfte Kaffee und etwas zu essen. Vor dem Rathaus hängt die Deutschlandflagge auf Halbmast. Absperrbänder und Polizei sorgen dafür, dass niemand näher als bis auf 100 Meter an die Stelle herankommt, wo am frühen Samstagmorgen ein Doppelhaus und die Hälfte eines weiteren Doppelhauses 100 Meter in die Tiefe des angrenzenden Tagebaurestlochs gestürzt sind und von Schlammmassen begraben wurden.

Niemand glaubt mehr daran, die drei Vermissten noch lebend zu finden. Nach der Nacht haben die Bergbauexperten neue Risse in der Böschung entdeckt, die zu weiteren großflächigen Abbrüchen führen können. Es besteht akute Lebensgefahr an der Unglücksstelle. Und am Nachmittag kommt die traurige Nachricht: Die Suche nach den Vermissten wird eingestellt. Es bestehe keine Hoffnung mehr, dass die beiden Männer und die Frau noch lebend geborgen werden könnten, teilte der Katastrophenstab mit.

Zugleich warnten die Behörden vor weiteren Abbrüchen, nachdem in der Nacht neue Risse an der Unglücksstelle in dem ehemaligen Bergbaugebiet entdeckt worden waren. Der Katastrophenstab hatte zuvor fieberhaft nach Wegen gesucht, um sich der Unglücksstelle zu nähern. Für die Rettungskräfte war dies zu gefährlich gewesen, und auch Suchhunde oder ein Roboter konnten wegen des Schlamms nicht eingesetzt werden. Auch die Bundeswehr hatte ihre Unterstützung zugesagt - vergebens. Ein Zugang mit schwerem Gerät sei ebenso unmöglich wie der Einsatz von Pioniertauchern, erklärte Oberst Friedemann Wolf. Bis zum Mittag konnten die abgestürzten Häuser selbst mit Wärmebildkameras und Nachtsichtgeräten nicht in den Schlammmassen geortet werden - zwei Millionen Kubikmeter Erde, eine Fläche von sechs Fußballfeldern, sind in die Tiefe gestürzt.

Die Suche nach den Ursachen für das Unglück läuft: In Nachterstedt wurde über 100 Jahre lang Kohle abgebaut. Zunächst unter Tage, später im Tagebau. Wo die Erde weggebaggert wurde, entsteht derzeit der Concordiasee, der noch bis 2027 geflutet werden soll. Die Häuser wurden in den 30er Jahren auf der Kippenseite errichtet, dort, wo die Bagger den Abraum abgeworfen haben. Heute würde dort niemand mehr eine Baugenehmigung erhalten, weil der Untergrund nachträglich stabilisiert und gegründet werden müsste. Unter dem Gebiet mit der Siedlung wurde vor über 100 Jahren Kohle unter Tage abgebaut. Da zur damaligen Zeit die Stollen und Hohlräume noch nicht in Karten dokumentiert wurden, tauchen für die Experten immer wieder überraschend Hohlräume auf. Ein solcher, so eine der Thesen, könnte für das Unglück verantwortlich sein. Doch Genaues wird man erst in einigen Wochen wissen, wenn Messungen an der Unglücksstelle durchgeführt werden konnten.

39 Menschen müssen sich auf unbestimmte Zeit ein neues Zuhause suchen. Sie mussten am frühen Samstagmorgen von einer Minute auf die andere ihre Häuser verlassen, oft nur mit dem, was sie am Leibe trugen. Am Sonntagabend kam dann für die meisten von ihnen die erlösende Nachricht, dass sie für eine halbe Stunde in ihre Häuser zurückkehren dürfen, um das Nötigste zu holen. In Koffern, Bettbezügen, Müllsäcken holten sie, was sie in der Kürze der Zeit zusammenpacken und tragen konnten. Rettungskräfte begleiteten sie, ein Hubschrauber der Bundespolizei mit einer Rettungswinde flog zur Sicherheit mit, denn es war ein riskantes Unterfangen. Niemand konnte einen weiteren Abbruch ausschließen. Hinterm Absperrband warteten Verwandte angespannt, dass ihre Väter und Männer heil wieder zurückkehren.

"Ich kann nie wieder ruhig dort schlafen"

"Ich habe vor allem persönliche Dinge geholt", sagt Christian Hahndorf sichtbar bewegt. "Bilder, DVDs von der Familie, Unterlagen." Lothar Gareis hatte seine Sachen in einem Schlauchboot verstaut, das er auf Rädern aus der Sperrzone zog. "Da passt am meisten rein. Ich habe mir vorher einen Zettel gemacht, habe das Wichtigste mitgenommen. Danach das weniger Wichtige. Ich habe zwei Aquarien mit teuren Fischen, die musste ich dalassen", erzählt der Rentner. Angst habe er nicht gehabt beim Betreten. Und er hofft, dass er wieder in sein Haus zurückkehren kann. Das aber wollen die Wenigsten der Betroffenen.

"Ich kann nie wieder ruhig dort schlafen", sagt Christian Hahnfeld. "Ich habe lange im Tagebau gearbeitet, habe Böschungsarbeiten gemacht, verdichtet. Ich weiß, was da abgeht." Die meisten wollen wegziehen. "Man wird doch immer daran erinnert, was geschehen ist", sagt eine Rentnerin, die nun nicht mehr weiß, wie es weitergehen soll. "Die Familien, die abgestürzt sind, sind gute Freunde von uns. Sie sind jetzt da unten begraben, niemand weiß, ob sie überhaupt je geborgen werden können. Ich will hier nur noch weg."

Annette Schneider-Solis, AP AP

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