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Fabrikeinsturz in Bangladesch: Retter finden Überlebende unter Trümmern

Mit riesigen Kränen heben die Bergungskräfte Trümmerteile des eingestürzten Fabrikgebäudes in Bangladesch an. Sie finden immer mehr Tote - aber vier Tage nach der Katastrophe auch noch Überlebende.

Fast 100 Stunden nach dem Einsturz eines achtstöckigen Gebäudes in Bangladesch haben Retter Medienberichten zufolge weitere Überlebende geborgen. Vier Menschen seien in der Nacht zu Sonntag aus dem früheren vierten Stock des "Rana Plaza" geholt worden, berichtete der "Daily Star" in seiner Onlineausgabe. Einige weitere Überlebende wurden demnach geortet. Doch die schwachen Hilferufe, die noch am frühen Morgen zu hören waren, seien mittlerweile verstummt.

Daher sei gemeinsam mit der Armee entschieden worden, nun auch Kräne einzusetzen, um die Trümmerteile abzuräumen. "Es gibt an diesem Punkt keine andere Alternative mehr, als schweres Gerät zu verwenden", hatte Einsatzchef Syed Hassan Suhrawardy gesagt. Dies werde sehr "vorsichtig" geschehen, versicherte der nationale Feuerwehrchef Ahmed Ali. "Unsere Hoffnung ist, dass wir vielleicht doch noch einige Überlebende unter den Trümmern finden."

Zugleich stieg die Zahl der Opfer weiter an. Helfer zogen bis zum Sonntag 363 Leichen aus dem Trümmerberg in einem Vorort der Hauptstadt Dhaka. Das eingestürzte und teilweise illegal errichtete Gebäude hatte mehrere Textilfabriken und Läden beherbergt. Fast 2500 Menschen wurden seit Mittwoch lebend geborgen. Zum Zeitpunkt des Einsturzes sollen mindestens 3000 Menschen in fünf Fabriken in dem Gebäude gearbeitet haben. Ministerpräsidentin Sheikh Hasina versprach bei einem Besuch im Krankenhaus am Sonntag, die Regierung werde die Kosten für die Behandlung der Verletzten übernehmen.

Auf den Straßen entlädt sich die Wut

Unterdessen demonstrieren tausende Textilarbeiter in dem Land für bessere Arbeitsbedingungen und die Festnahme der Verantwortlichen für die Katastrophe. Rund 4000 Textilfabriken stellten deshalb ihre Produktion ein. Die Demonstranten blockierten Straßen, zerstörten Autos und beschädigten einige Unternehmen im Industrieviertel der Hauptstadt. Die Polizei setzte in und um Dhaka Tränengas und Gummigeschosse ein, um die Ansammlungen aufzulösen. Mindestens 20 Arbeiter wurden dabei verletzt.

Bangladeschs Verband der Textilproduzenten und -exporteure forderte von den Verantwortlichen der Textilfirmen, die in dem eingestürzten Gebäude produzierten, sich den Behörden zu stellen. Drei von ihnen wurden bereits festgenommen. Wie der stellvertretende Polizeichef der Hauptstadt Dhaka, Shyaml Mukherjee, bekanntgab, handele es sich sich um Bazlus Samad, Chef der Firmen New Wave Buttons und New Wave Style, Mahmudur Rahaman Tapash, einen leitenden Angestellten "einer der beiden Firmen", sowie Aminul Islam, Chef zweier anderer Fabriken. Samad und Tapash wurden demnach am Samstag kurz nach Mitternacht, Islam am Samstagabend festgenommen. Zudem seien zwei Ingenieure in Gewahrsam, die das eingestürzte Gebäude abgenommen hätten. Der Besitzer des Gebäudes befindet sich weiterhin auf der Flucht.

Bangladesch ist der zweitwichtigste Textilproduzent weltweit, die Branche ist für das Land von enormer wirtschaftlicher Bedeutung. Viele westliche Firmen lassen kostengünstig Kleidung in Bangladesch herstellen. Die Industrie beschäftigt ihre Arbeiter dort zu Dumping-Löhnen. Auch einige der Fabriken in dem eingestürzten Gebäude arbeiteten für internationale Modemarken, etwa die britische Billigkette Primark und den spanischen Konzern Mango.

jwi/DPA/AFP / DPA