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Flugzeugunglück in São Paulo: Der Herzschlag-Airport von São Paulo

Eine extrem kurze Landebahn in einer der dicht besiedelsten Städte der Welt: Der Inlandsflughafen Congonhas ist Brasiliens wichtigstes Luftdrehkreuz - und nach westlichen Sicherheitsmaßstäben höchst bedenklich.

Von Andreas Spaeth

TAM-Pilot Eduardo Amparo rumpelt mit seinem Airbus A319 zur Startbahn in São Paulo-Congonhas. "Vorfeld und Piste sind so uneben, dass wir hier viel mehr Reifen verschleißen als anderswo", ärgert sich Amparo. Schon der Rollweg zur Startbahn ist ein Abenteuer auf dem Flughafen Congonhas, der TAM-Airbus holpert über unebene Bodenplatten wie auf einer schlecht gewarteten Autobahn. Die linke Tragfläche ragt bereits über die seitliche Landebahnbegrenzung hinaus, unter dem Flügelende breiten sich schon Dächer der angrenzenden Gebäude aus und das Großstadtleben geht auf der benachbarten Straße ungerührt weiter.

Das Rollfeld mitten in der Stadt

Jeder Zentimeter Boden ist kostbar in einer der am dichtest besiedelten Großstädte der Welt. "Das schöne ist aber, dass die Leute vom Flughafen aus zu Fuß ins Büro gehen können", sagt Eduardo Amparo. Über Risse und kleine Löcher im Beton schaukelt die A319 dann über die Runway und hebt ab. Der Steigflug führt über das bis zum Horizont reichende Häusermeer des Molochs, erst zehn Minuten nach dem Start erscheinen unter dem Airbus die ersten grünen Felder.

Congonhas wirkt aus der Luft wie ein Flugzeugträger ohne Wasser ringsherum. Der Flughafen mit den beiden Parallelbahnen und dem notorisch zu kleinen Terminal erhebt sich wie eine Trutzburg als Plateau mit mächtigen Mauern aus dem endlosen Siedlungsbrei einer der größten Städte der Welt mit 20 Millionen Menschen in der Region. Heute würde niemand mehr an einer solchen Stelle einen Flughafen errichten, aber eine andere stadtnahe Fläche steht auch nicht zur Verfügung.

Der wichtigste Flughafen - eine Absurdität

Brasiliens wichtigster Flughafen, auf dem gestern Abend das schlimmste Unglück der Luftfahrtgeschichte des Landes geschah, ist in seiner bedrängten Lage eigentlich eine völlige Absurdität. Als er 1919 eröffnet wurde, ahnte noch niemand wie schnell sich die Stadt ausbreiten würde. Bis 1985 war Congonhas sogar der Hauptflughafen des Molochs, damals siedelte der internationale Verkehr zum 35 Kilometer außerhalb neu errichteten Guarulhos Airport um.

Trotzdem fertigt Congonhas heute so viele Passagiere ab wie kein anderer in dem riesigen Land am Amazonas - über 18 Millionen waren es im vergangenen Jahr. Am dichtesten beflogen ist die Kurzstrecke ins 360 Kilometer entfernte Rio, bis zu 180 Flüge gibt es pro Tag in beiden Richtungen. Und das mit einer einzigen Haupt-Piste, die gerade mal 1.940 Meter lang ist. Das ist so kurz, dass hier keine größeren Flugzeuge landen und starten dürfen als die gestern verunglückte A320.

Und selbst die geraten voll besetzt und beladen in Congonhas an die absolute Grenze des Machbaren, und das schon bei normalen Wetterverhältnissen und nicht erst bei starkem Regen wie zur Unglückszeit. Trotzdem gab es hier - beinahe erstaunlich - bisher erst einen nennenswerten Unfall: Der Absturz einer Fokker 100 der in Congonhas beheimateten und derzeit größten brasilianischen Fluggesellschaft TAM am 31. Oktober 1996. Direkt nach dem Start zum Flug nach Rio fuhr am Triebwerk Nr. 2 ungewollt die Schubumkehr aus, die Piloten verloren die Gewalt über die Maschine und stürzten nördlich des Flughafens in ein dicht bewohntes Gebiet ab, die Überreste der durch das Flugzeug gerissenen Schneise sieht man noch heute. Damals starben alle 94 Insassen sowie 22 Menschen am Boden.

Fehlende Sicherheitsmaßnahmen

Congonhas verfügt in seinem überschaubaren, sehr schnell überfüllten Terminal nicht über die anderswo üblichen Fluggastbrücken, die Passagiere spazieren stattdessen zu Fuß über das Vorfeld oder werden per Bus zum Flugzeug gefahren. Außerdem fehlen die auf Flughäfen sonst vorgeschriebenen Frei- und Überrollflächen am Rande und an den Enden der Pisten, die eben gerade verhindern sollen dass ein Flugzeug, das nicht rechtzeitig bremsen kann, gleich nach Verlassen der Bahn in Gebäude rast.

Die zur Unglückszeit offenbar frisch asphaltierte Piste bot dem bei starkem Regen aufsetzenden TAM-Airbus gestern nicht genug Bodenhaftung beim Bremsen, angeblich fehlten auch noch die zur Verhinderung von Aquaplaning in den Belag gefrästen Rillen, eine fatale Verkettung unglücklicher Umstände. Dabei ist es die Pflicht von Flughafenbetreibern, regelmäßig mit einem Spezialfahrzeug die sogenannte Traktion, die Bodenhaftung, auf ihren Pisten zu messen und bei Unterschreitung der Mindestwerte die Bahn zu sperren. Doch der Druck auf den staatlichen Betreiber Infraero, den Betrieb in Congonhas aufrecht zu erhalten, ist riesig, schließlich hängt die Funktion des gesamten Luftverkehrs in Brasilien wesentlich vom Funktionieren des Knotenpunkts Congonhas ab.

Der Luftverkehr in Brasilien boomt. Doch die Pleite und der mühsame Neustart der einstigen nationalen Fluggesellschaft Varig und die Krise in der immer noch militärisch dominierten Flugsicherung des Landes nach dem Flugzeugzusammenstoß über dem Amazonas-Gebiet vor einem Jahr hat das System mehrfach an Rand des Zusammenbruchs gebracht. Am wenigsten Spielraum gibt es in São Paulo: "Wir können die Anzahl der Flüge kaum noch steigern, denn Congonhas ist absolut voll und kann nicht erweitert werden", bedauert TAM-Sprecher Paulo Pompilio. "Das ist schade, denn für alle Airlines ist vor allem die Strecken São Paulo - Rio die absolute Cash Cow und so profitabel wie keine andere", so Pompilio noch vor kurzem.