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Ominöser Schatz: Was wurde eigentlich aus dem Nazi-Goldzug in Polen?

Im Sommer sorgten zwei Schatzsucher in Polen mit der Nachricht für Aufsehen, einen Panzerzug aus dem Zweiten Weltkrieg entdeckt zu haben. Schnell wurde über einen Nazi-Schatz spekuliert, doch Beweise blieben aus. Nun scheint wieder Bewegung in die Sache zu kommen.

Von Alexander Meyer-Thoene

Alter Tunnel der unterirdischen Anlage "Riese" in Polen

Dieser alte Tunnel der unterirdischen Anlage "Riese" in Polen, liegt in der Nähe des angeblichen Fundortes des Nazi-Zuges

Wochenlang ließ die Geschichte eines angeblich entdeckten Nazi-Zuges in der polnischen Stadt Walbrzych in Niederschlesien die Herzen von Historikern und Schatzsuchern höher schlagen. Anfängliche Skepsis wich schnell hoffnungsvollem Optimismus. Konnte es wirklich sein, dass ein Relikt aus einer längst vergangenen Zeit so viele Jahre später wieder auftaucht?

Auch in den Medien wurde wegen des großen öffentlichen Interesses viel über die Geschichte berichtet - wahrscheinlich auch deshalb, weil der angebliche Sensationsfund wie aus einem Hollywood-Drehbuch anmutet. Wenn die Nazis schon einen Zug so aufwendig verstecken, muss dieser ja auch etwas Besonders enthalten, lautete der Tenor. Schnell wurde aus dem "gepanzerten  Zug" der mysteriöse Goldzug. Befindet sich in ihm vielleicht sogar das seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs verschollene Bernsteinzimmer?

Zehn Prozent Finderlohn beansprucht

Im August hatten sich ein Deutscher und ein Pole erstmals zu Wort gemeldet. Über ihren Anwalt behaupteten sie, einen sagenumwobenen gepanzerten Zug aus der Nazi-Zeit entdeckt zu haben. Dafür hätten sie ein Georadar des Typs KS700 verwendet. Der Zug soll eine Länge von 120 bis 150 Meter haben und sich in zirka 50 Metern Tiefe befinden. Das Vorgehen der Entdecker, sich über einen Anwalt zu äußern - und gleich zu Beginn zehn Prozent Finderlohn zu beanspruchen - ließ tatsächlich auf einen Fund historischen Ausmaßes hoffen. Als sich dann auch noch der stellvertretende Kulturminister Polens, Piotr Zuchowksi, zu Wort meldete und behauptete, er sei "zu 99 Prozent sicher", dass der Zug existiere, war die internationale Neugier endgültig geweckt. 

Was auf die große Nachricht vom Triumph der Schatzsucher folgte, war ein Ansturm auf die Stadt Walbrzych (Waldenburg), die mit ihren 120.000 Einwohnern so einen Trubel bislang noch nicht erlebt hatte. Hobby-Schatzsucher, Historiker und Journalisten suchten nach der Wahrheit in Sachen Goldzug. Wie ein Korrespondent des stern vor zwei Monaten berichtete, wurden Flugblätter verteilt, die die Stadt in Niederschlesien als "eine der geheimnisvollsten Städte der Welt" anpriesen. Ein Ort, "der darauf wartet, entdeckt zu werden". Und das taten die aus aller Welt angereisten Goldzug-Enthusiasten auch.

Gerüchte halten sich hartnäckig

Legenden über geraubte Nazi-Schätze, die in Stollen und Tunneln der Bergbauregion um Walbrzych vor Kriegsende versteckt wurden, existieren schon länger. Der Nazi-Komplex "Riese" wurde im Zweiten Weltkrieg angelegt, um möglicherweise als unterirdische Waffenfabrik zu dienen. Der genaue Zweck der Anlage ist bis heute umstritten. In der Vergangenheit wurden mehrfach Suchaktionen in der Region unternommen. Doch selbst nachdem viele Zeitzeugen befragt worden waren, wurde nie ein Nazi-Zug entdeckt. Die Gerüchte halten sich dennoch hartnäckig.

Doch in den letzten Wochen wurde es ruhiger, um den Goldzug in Polen. Genau so schnell wie die Sensationsmeldung die Stadt Walbrzych auf den internationalen Schirm brachte, wurde es still um den  angeblichen Nazi-Schatz. Wie geht es nun weiter mit der Suche?

Für den Historiker Ingo Loose vom Institut für Zeitgeschichte München  ist die Mär vom Goldzug in Polen von vornherein reine Spekulation gewesen: Der Umstand, dass sich die angeblichen Finder des Zuges seit Wochen kaum noch öffentlich geäußert haben, lasse zusätzliche Zweifel an dem Fund aufkommen. Zumindest sei Zuchowksi mit seiner Aussage, "er sei zu 99 Prozent sicher", dass in der Gegend Walbrzych ein gepanzerter Nazi-Zug existiere, "weit vorgeprescht". Auch die Georadar-Bilder, die die Schatzsucher einigen Experten präsentiert hatten, konnten schnell als Fälschungen entlarvt werden. "Selbst wenn es den Zug geben sollte, muss da kein Gold drin sein. Wenn, dann glaube ich es erst, wenn ich selbst neben dem Zug stehe", sagte Loose dem stern.

Militär lichtet Unterholz und sucht nach Minen

Wie der Pressesprecher der Operationszentrums des polnischen Verteidigungsministeriums, Jacek Matuszak, dem stern bestätigte, ist eine Militäraktion in der Region, in der der Zug vermutet wird, bereits abgeschlossen. Der Sprecher betonte, dass es sich bei dem Einsatz nicht um eine Suchaktion nach dem sagenumwobenen Goldzug handelte, sondern vielmehr darum ging, die Region nach möglichen Gefahrenquellen zu durchsuchen. Es sollte gewährleistet werden, dass mögliche Kampfmittel aus dem Zweiten Weltkrieg bei zukünftigen Suchaktionen keine Gefahr darstellen.

Soldat sucht in Polen nach Minen

Polnische Soldaten haben die Stelle um den angeblichen Fundort des Nazi-Zuges nach Gefahrenquellen durchsucht

Das Militär habe nach Minen gesucht und an der angeblichen Fundstelle das dichte Unterholz gelichtet. Von Ingenieuren sei der Boden zudem eine Woche lang mit Spezialgeräten bis zu einem Meter Tiefe untersucht worden. Laut Matuszak "wurden keine Gefahrenquellen entdeckt". Für das Militär sei der Vorgang damit zunächst abgeschlossen.

Das polnische Kulturministerium wollte sich zu etwaigen weiteren Suchbemühungen nicht äußern. Laut Informationszentrum laufen von Seiten des Ministeriums "derzeit mit absoluter Sicherheit keine Untersuchungen in dieser Sache." Die Verantwortung für weitere Nachforschungen liege demnach wieder im Kompetenzbereich der örtlichen Behörden.

Suchaktion geht in die nächste Runde

Beim Büro des Bürgermeisters von Walbrzych wollte man sich in der Angelegenheit ebenfalls nicht äußern. Dem stern schildert Krzysztof Urbanski, Mitglied des Stadt-Komitees, das über das Vorgehen in Sachen Goldzug berät, die zukünftigen Pläne Walbrzychs: Zunächst habe der Bürgermeister ein Komitee gegründet - in dem auch Urbanski Mitglied sei -, um die Pläne verschiedener Schatzjäger-Teams zu evaluieren. Mindestens zwei Gruppen hätten sich um die Erlaubnis für weitere Grabungen in der Region beworben. Eine Gruppe bestehe laut Urbanski aus den Schatzsuchern Koper und Richter sowie weiteren Mitgliedern. Das zweite Team bestehe aus mehreren Mitgliedern aus Wissenschaft und Medien.

Piotr Koper und Andreas Richter

Piotr Koper (l.) und Andreas Richter bei einer Pressekonferenz

Zunächst sollen in der Region um den angeblichen Fundort weitere Untersuchungen stattfinden. Hierfür soll die Gegend mit speziellen Kameras und erneut mit Bodenradar untersucht werden. Danach sollen die Schatzsucher ihre bisherigen Erkenntnisse, sowie Pläne für zukünftige Grabungsarbeiten präsentieren. Dann solle entschieden werden, welche Gruppe die alleinige Erlaubnis für Grabungen erhalte. Doch laut Urbanski sei besonders ein ganzheitliches Konzept wichtig, um den Zuschlag zu bekommen - denkbar wäre etwa, dass die Jagd auch in einer Dokumentation verfilmt wird.

Das sei besonders im Interesse der Stadt, um diese auch international bekannter zu machen. Auf die Frage ob Urbanski an den Goldzug glaube, sagte er dem stern: "Ich weiß es nicht - aber aus touristischer Sicht ist das Ganze sehr gut." Ob sich die Geschichte am Ende als PR-Aktion oder als historische Entdeckung erweist, lässt sich derzeit nicht mit Gewissheit sagen. Ende November wird mit ersten Ergebnissen gerechnet, bis dahin muss man sich wohl noch gedulden.