HOME

Ortstermin in Polen: Nazi-Zug? Plötzlich ist Walbrzych der geheimnisvollste Ort der Welt

Seitdem in Walbrzych ein Nazi-Schatzzug geortet worden sein soll, ist der Ort weltberühmt. Ob der Zug existiert oder nicht - allein die Gerüchte sind Gold wert.

Von Tilman Müller, Walbrzych

Fotografen vor Gleisen in Walbrzych

Alles, was in der Nähe von Walbrzych mit Zügen zu tun hat, wird einfach so wegfotografiert

Ihrer Mission fehlt es zwar an Fakten, aber die PR-Leute aus der polnischen Stadt Walbrzych machen das Beste daraus. Eilends ließen sie in den vergangenen Tagen reichlich T-Shirts herstellen, auf denen ein goldschimmernder Zug abgebildet ist, der aus den Katakomben einer imposanten Schloss-Anlage rast. Dazu vollmundige Info-Blätter. Walbrzych, heißt es da, sei "eine der geheimnisvollsten Städte der Welt", ein Ort, "der darauf wartet, entdeckt zu werden".

Viele Spuren, wenig Erfolg

Das niederschlesische Walbrzych, 120.000 Einwohner, hieß einst Waldenburg und ist berühmt für sein illustres Schloss Fürstenstein, das heute den Namen Zamek Ksiaz trägt. Es ist Polens drittgrößtes Schloss. Seit 1945 wird in den Felsengängen unterhalb des Schlosses sowie in den umliegenden Bergwerks-Stollen ein angeblich mit Pretiosen beladener Panzerzug gesucht, den flüchtende Nazi-Soldaten in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs in einem gesprengten Tunnel zurückgelassen haben sollen. 1960 durchkämmte das polnische Militär drei Wochen lang das Gebiet und fand nichts.

Journalisten im Stollen

Aus Helsinki, Amsterdam, London, ja selbst vom chinesischen Fernsehen sind Journalisten angereist, um in den alten Stollen der Nazi-Anlage Riese auf irgendwas zu stoßen, was auf den Schatzzug hindeutet

 

Um 1995 begannen erneut größere Suchaktionen. "Damals befragte ich unendlich viele Zeitzeugen", sagt die Journalistin Joanna Lamperska, die mehrere Bücher zum Thema geschrieben hat und lange Jahre in Wroclaw, dem früheren Breslau, Chefredakteurin einer "Schatzsucher"-Zeitschrift war. "Wir haben in den letzten 20 Jahren viele Spuren verfolgt, aber leider immer wieder ohne Erfolg." Doch nun behaupten zwei Männer - ein Pole namens Piotr Koper aus Walbrzych sowie der Deutsche Andreas Richter, sie wüssten ganz genau, wo der ominöse Nazi-Zug verborgen sei. Mithilfe eines Georadar-Geräts des Typs KS700 wollen sie den Zug geortet haben und verlangen im Falle seiner Bergung zehn Prozent Finderlohn.

Von den Ereignissen überrollt

Die Nachricht von Polens "Goldzug" ging um die Welt. Eine überraschende Nachricht. Auch für die Lokalpolitiker in Walbrzych, die aus der Hauptstadt Warschau in Kenntnis gesetzt wurden. Dort verkündete Vize-Kulturminister Piotr Zuchowski vor einer Woche auf einer etwas plötzlich  anberaumten Pressekonferenz, "zu 99 Prozent" sei gesichert, dass die Georadar-Aufnahme die Umrisse eines etwa 100 Meter langen Zuges sichtbar mache.

Gleis im Stollen in Walbrzych

Alt und seit Jahren stillgelegt - hier könnte der legendäre Nazi-Zug irgendwo sein. Vielleicht.

"Wir fühlen uns von den Ereignissen etwas überrollt", sagt Krzysztof Urbanski, 37. Der Direktor von Schloss Ksiaz steht mit Bergmanns-Helm in einem unterirdischen Schacht des Gebäudes, umringt von Journalisten aus London, Amsterdam, Helsinki und Budapest. Auch eine Reporterin eines chinesischen TV-Senders ist da. Hier unten im dunklen Gewirr feuchter Korridore sollte unter Regie der NS-Organisation Todt einst ein neuer "Führerbunker" entstehen, und irgendwo hier unten könnte hinter den Gemäuern der verzweifelt gesuchte Schatzzug modern. Aber wo genau, das weiß keiner in Walbrzych. "Wir haben weder jemals die Radar-Aufnahme noch einen der beiden Männer gesehen", sagt Urbanski. Nachfragen im Warschauer Ministerium, wo genau die Suche nach dem Zug beginnen könnte, bleiben unbeantwortet. Seit bereits einer Woche hält sich Kultus-Vize Zuchowski bedeckt und lässt erklären, das sei Sache der lokalen Behörden.

Schatzsucher mit Modellzug

Tadeusz Slowikowski sucht schon seit vielen Jahren nach dem Zug - zu Hause hat er ein Modell stehen


Vom Schloss-Parkplatz fahren Busse mit den vielen ausländischen Besuchern zur Bahnlinie, die Wroclaw mit Walbrzych verbindet. Dort, irgendwo zwischen Kilometer 61 und 65, heißt es, könnte der Zug auch unter der Erde liegen. Seit Jahrzehnten schon suchen dort einheimische Hobby-Buddler jeden Meter auf verdächtige Bodenabsackungen ab, stets ohne greifbares Resultat. "Wissen Sie", sagt Expertin Lamparska, "die Menschen hier in der Gegend sind gewiefte Schatzsucher, denn viele Deutsche, die hier nach 1945 weggehen mussten, haben vor der Flucht Teile ihrer Habe vergraben. Erst vor kurzem hat eine meiner Freundinnen in ihrem Garten, verknüllt in einem Einmachglas, ein altes Seidenkleid gefunden." Und wie stehen ihrer Meinung nach die Chancen bei der Suche nach dem goldenen Zug? "Da bin ich eher skeptisch", sagt die erfahrene Journalistin mit entspannter Mine.

Das Beste, was der Stadt passieren kann

Urbanski, der junge Chef im uralten Fürstenberger Burgschloss, sieht alles etwas optimistischer. "Walbrzych ist jetzt in der Welt zehntausendmal bekannter als noch vor ein paar Wochen", sagt er, "bestimmt werden wir dieses Jahr unsere Besucherzahlen mindestens verdoppeln." Und wenn nun noch tatsächlich der Zug ausgegraben wird, meint er, wäre dies das Beste, das der eher ärmlichen einstigen Zechen-Stadt passieren könne. Urbanski glaubt fest an den Fund. Zumal in den nächsten Tagen die polnische Armee einrücken und neue Probebohrungen anstellen wird.

Tilman Müller mit Joanna Lamperska

stern-Reporter Tilman Müller lässt sich von Expertin Joanna Lamperska die Lage vor Ort erklären

Was aber, wenn dies wieder nichts bringt? "Ach", sagt der umtriebige Pole, der in den USA ein Management-Studium absolviert hat, "vielleicht bekommen wir Besuch aus Hollywood und es wird ein toller Film über den Goldzug gemacht, auch das könnte unsere Stadt richtig berühmt machen."