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Hai-Attacke in Kalifornien: Die Gefahr schwimmt immer mit

Am Manhattan Beach wurde ein Schwimmer von einem Weißen Hai attackiert und schwer verletzt. stern-Autor Frank Siering schwimmt dort oft mit seiner Tochter - und hat ein mulmiges Gefühl.

Von Frank Siering, Los Angeles

Seit mehr als 15 Jahren lebe ich mit meiner Familie in Südkalifornien. Fast jeden Sonntag fahre ich von Santa Monica ins 20 Minuten entfernte Manhattan Beach, um dort mit meiner Tochter und mit Freunden die 3,5 Kilometer lange Strecke zwischen dem Hermosa- und dem Manhattan Beach Pier zu schwimmen.

Ein toller Workout, ein irres Erlebnis. Meist quietschen die Delfine unter uns. Ab und zu sehen wir etwas weiter draußen eine Haiflosse. Das gehört dazu. Jeder Schwimmer, jeder Surfer weiß und respektiert das. Besonders im Sommer kommen die jungen Weißen Haie in die warme Bucht von Manhattan Beach und patroullieren den Küstenstreifen.

Ich war geschockt, als mir ein Kumpel am Samstagmorgen eine SMS schickte und mir sagte, dass ein Schwimmer von einem Hai attackiert worden sei. Das Video, das mittlerweile via TMZ.com im Netz herumschwirrt, zeigt den Hai, die gellenden Schreie des Opfers im Wasser sind deutlich zu hören. Es trieb mir einen Kloss in den Hals. Passierte es doch genau auf der Strecke, knapp 100 Meter vom Strand und der Brandung entfernt, die ich mit meiner Tochter jeden Sonntag abschwimme.

Sofort hab ich mich ans Telefon gehängt, über Social Media meine Schwimmfreunde alarmiert. Wie konnte so etwas passieren? – Lifeguards, mit denen wir gut befreundet sind und die den Strand rund um die Uhr bewachen, berichteten, dass die letzte Haiattacke in Manhattan Beach mehr als 30 Jahre zurückliegt.

Bei unseren Schwimmausflügen umkurven wir am Ende des Workouts den Manhattan Beach Pier. Kurz danach machen wir eine scharfe Rechtsdrehung und schwimmen Richtung Strand – immer in der Hoffnung, eine schöne Welle zu erhaschen, die uns bis an den Strand spült. Ein echtes Glücksgefühl!

Autor Frank Siering mit seiner Tochter Isabella

Autor Frank Siering mit seiner Tochter Isabella

Auf dem Pier stehen Angler. Deshalb ist es ratsam, den Pier nicht zu nah zu umschwimmen. Angelschnur oder gar Haken sind eher unangenehm unter der Haut.

Wie es aussieht, haben einige dieser Fischer vom Pier ein sogenanntes "Chumming", also ein illegales Anfüttern mit Blut, altem Fleisch und Eingeweiden, gemacht. Das ist illegal und strafbar. Die Haie, neben Weißen gibt es noch die weitaus aggressiveren Makkos im Wasser, werden angelockt. Ein Junghai von rund zwei Metern Länge hat angebissen. Der Angler kämpfte 40 Minuten mit dem Tier, das verständlicherweise immer wilder wurde. Es ist nicht das erste Mal. Schon in den letzten zwölf Monaten hatten Angler Haie am Haken.

Welches Lebewesen würde nicht so reagieren?

Das Unglück wollte es, dass Langstreckenschwimmer Steven Robles diesmal genau in diesen Kampf hineinschwamm. Der Angler kappte die Leine, das Tier, gereizt bis zur Weißglut, schnappte nach Freiheit und schnappte nach dem Oberkörper von Robles.

Gott sei Dank wurde der Schwimmerfreund nicht lebensgefährlich verletzt. Und Gott sei Dank wird er wohl schon bald wieder mit anderen Schwimmern ins Wasser steigen können.

Die weltweiten Berichte nach der Hai-Attacke haben einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen bei mir und vielen anderen Schwimmern, die bislang friedlich und in Symbiose mit Haien, Delfinen, Seelöwen und anderen Meeresbewohnern unsere Runden im sommerlich warmen Pazifik gezogen haben.

Welches Lebewesen würde nicht so reagieren wie der Hai, der im Todeskampf mit einem Haken im Rachen um sich schlug, aus dem Wasser schnellte und mit aller Kraft versuchte, sein Leben zu retten? – Ich bewege mich im Element des Hais. Ich vertraue dem Element meine Tochter an. Jede Woche. Noch nie ist etwas passiert.

Die Spielwiese der Haie

Einmal im Jahr, in diesem Jahr ist es der 3. August, steigen mehr als 1500 Schwimmer gleichzeitig in die Fluten, um beim "Pier to Pier"-Rennen die 3,5 Kilometer zu überwinden. Ich habe meine Große gefragt, ob sie auch diesmal, immerhin gewann sie im vergangenen Jahr das Rennen in ihrer Altersklasse und kam als vierte Frau aus den Fluten, am 3. August am Wettbewerb teilnehmen möchte.

Die Antwort von Isabella kam ohne Zögern: "Wieso erst am 3. August. Wir schwimmen doch nächsten Sonntag wieder , oder?" – Weiße Haie leben im Pazifik. Es ist ihre Spielwiese. Wir werden toleriert. Und solange wir uns an die Regeln halten, werden Isabella und ich und wohl auch viele andere Schwimmer nächsten Sonntag kurz nach Sonnenaufgang erneut ins Meer springen.