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Hochwasser im Rheinland: "So viel Tourismus wie in Venedig"

In Koblenz, wo Rhein und Mosel zusammenfließen, ist die Lage bei Hochwasser meist besonders kritisch. Bei der Jahrhundertflut 1993 versank ein Großteil der Stadt im Wasser. Dieses Mal scheint es glimpflich auszugehen.

Die Kneipe "Im Hefje" bleibt am Montag in Koblenz geschlossen. Alle Rollläden sind runter. Bis auf die Kreuzung vor der Eingangstür schwappen Wellen die Uferstraße hinauf. Und die Wasserstände von Rhein und Mosel steigen und steigen. "Wenn es jetzt noch regnen tät' ... oh je, oh je", sagt ein älterer Mann. Vor der bis zu einem Meter unter Wasser stehenden Straße im Stadtteil Neuendorf haben sich Menschen versammelt, um die Lage zu begutachten. Nur über Stege und Boote können die Anwohner ihre Häuser erreichen. Gummistiefel und Anglerhosen gehören hier zur Standardausrüstung. Gegen Montagnachmittag wurde der Scheitel des Hochwassers in Koblenz erwartet.

"Noch läuft das Wasser in den Gully", sagt der Besitzer einer nahen Pizzeria. "Wenn der voll ist, dann kommt es auch zu mir." Er hat in seinem Restaurant vorsichtshalber alles auf Böcke gestellt. Der Italiener vertraut den Vorhersagen nicht mehr, seit ihm mal das Wasser meterhoch in der Gaststätte stand. Auch in anderen Koblenzer Stadtteilen wie Güls und Lay waren am Sonntag Straßen überflutet und etliche Keller vollgelaufen. 5000 Menschen waren laut Feuerwehr davon zunächst betroffen.

Am Montagvormittag lag der Wasserstand am Rhein-Pegel bei 7,47 Metern. Nach einer Prognose sollte der Scheitel etwa 7,60 Meter erreichen. "Es sieht danach aus, dass Koblenz noch mal mit einem blauen Auge davon kommt", sagte Ehler Fell vom Meldezentrum in Mainz. Beim "Jahrhunderthochwasser" 1993 waren rund 9,50 Meter gemessen worden.

Die Fluten sorgen bei den Neuendorfern diesmal kaum für Aufregung. "Die Leute, die hier wohnen, kennen das Hochwasser. Die räumen alles raus und warten ab", sagt ein knorriger Rheinländer. Das Wasser lockt auch viele Auswärtige an. "Gestern war so viel Tourismus wie in Venedig", meint der Besitzer einer Pizzeria. "Das war schöner wie Karneval", sagt ein anderer.

Das Deutsche Eck am Zusammenfluss von Rhein und Mosel ist größtenteils überspült. Hier sind am Montagmorgen zunächst nur wenige Schaulustige unterwegs. Peter Rielau ist für einen Termin in der Stadt, er weiß: "Gegen Wasser kannst du nichts machen." Auch an seinem Wohnort in Cochem war die Mosel über die Ufer getreten.

"Das ist schon grauselig", sagt Hedi Hälhe mit Blick auf die zu einem reißenden Strom angewachsene Mosel. So viel Wasser habe sie nicht erwartet. Der Bundesgartenschau (Buga), die im April in Koblenz eröffnet wird, sei das nicht zu wünschen gewesen. "Für die Pflanzen finde ich es wirklich schade. Das tut mir in der Seele weh", sagt sie. Betroffen waren zunächst Rasenflächen, Stauden und Baustellen der Buga an den Uferpromenaden. Das Ausstellungsgelände ist weitgehend hinter hohen Mauern geschützt.

In Neuendorf ist der Ufer-Campingplatz vom Fluss verschluckt, nun steht das Wasser meterhoch in einer Schrebergartensiedlung. Wohnwagen und Hütten versinken in der braunen Flussbrühe. Nur wenige Zentimeter fehlen noch, dann läuft das Wasser bis vor die Türen weiterer Häuser.

Mit Gummistiefeln und Rucksack kommt Nicole aus der Uferstraße an der Hafen-Kneipe. Sie zieht für ein paar Tage zu ihren Eltern, Nachbarn tragen ihre beiden Hunde durch die Fluten. "Das ist hier ein bisschen actionreich", sagt die junge Frau. "Ich will nicht jedes Mal die Feuerwehr bemühen, wenn ich in meine Wohnung will. Die haben bestimmt Wichtigeres zu tun." Dann verabschiedet sie sich von ihren Nachbarn und verspricht: "Zum Aufräumen komm ich wieder."

Tobias Goerke, dpa / DPA