Indonesien Stinkender Schlammstrom vertreibt Tausende


In Indonesien sind Tausende Menschen auf der Flucht vor einem stinkenden Schlammstrom. Bereits seit August begräbt die Schlickmasse Dörfer unter sich, Hilfe erhalten die Menschen kaum.

Eine heiße und stinkende Schlamm- und Schlickmasse hat auf der indonesischen Insel Java schon vier Dörfer verschluckt und mehr als 12.000 Menschen in die Flucht getrieben. Das gräuliche Gemisch quillt seit Wochen aus einer zehn Meter breiten Erdspalte hervor. Mehr als 50.000 Kubikmeter zähen Schlamms wälzen sich jeden Tag auf das einst grüne Land am Nordostzipfel der Insel. Tausende von Häusern, Felder und Straßen sind schon begraben worden. Auch die Eisenbahnverbindung nach Surabaya, der zweitgrößten indonesischen Stadt, ist in Gefahr.

Als Verursacher gilt die Firma Lapindo Brantas, einer der größten Konzerne Indonesiens. Sie bohrte im Mai in der Nähe von Sidoarjo nach Gas. Dabei entstand vermutlich in tausenden Metern Tiefe ein Erdriss. Richtige Verantwortung hat die Firma noch nicht übernommen, obwohl sie den Vertriebenen mit kleinen Summen über die größte Not hinweg hilft. Brisant: Die Firma gehört mehrheitlich der Familie des Sozialministers, Aburizal Bakrie. Greenpeace kippte dem Minister Ende September aus Protest 700 Kilogramm Schlamm vor die Bürotür in der Hauptstadt Jakarta.

Häuser versinken unter Schlamm

Der Kampf gegen die Schlammmassen ist fast aussichtslos. Die Behörden haben Dämme und Deiche gebaut. In der Ortschaft Porong Atas griffen die Einwohner selbst zu Schaufel und Spitzhacke, um Gräben zu ziehen und Erdwälle aufzuschütten. Doch hält jede Barriere der Schlammwalze nur für kurze Zeit stand. Die Menschen verzweifeln.

Bauer Poiman hat in Porong Atas Zuflucht gefunden, mit seiner Frau und ein paar Habseligkeiten. Sein eigenes Haus ist längst unter der Schlammflut versunken. "Wir sind Flüchtlinge", sagte er einem BBC-Reporter. "Wenn es hier auch nicht sicher ist, ziehen wir weiter, ich weiß bloß nicht, wohin."

In Kedungbendo schauen die Leute ängstlich auf eine eilig gebaute drei Meter hohe Wand, hinter der sich der Schlamm schon auftürmt. Sri Harini erschauert bei dem Schwefelgestank und klagt über Ausschlag und Kopfschmerzen. "Ich wollte, wir könnten weg, aber wir haben dieses Haus erst im vergangenen Jahr gekauft", klagte sie der Singapurer Zeitung "Straits Times". Zahlreiche Kleinfirmen, die Lederwaren und Uhren herstellten, haben im Porong-Distrikt schon dicht gemacht, weil ihre Produktionsstätten im Schlamm versanken.

Das "Schlamm-Desaster-Team"

Luftbilder zeigen das verheerende Ausmaß der Umweltkatastrophe. In der unwirklichen Mondlandschaft ist kein Lebenszeichen mehr zu entdecken. Hier und da ragen noch ein paar abgestorbene Baumäste aus der Schlammwüste, auch mal ein Dach, das bis zum First versunken ist.

Die Behörden haben erst im August das "Schlamm-Desaster-Team" ins Leben gerufen, das nun um eine Lösung ringt. Das Gebiet wurde erstmal zur Katastrophen-Zone erklärt, ungeeignet zum Wohnen. Als nächstes sollen Pumpen installiert werden, um den Schlamm in den Porong-Fluß zu leiten. 1500 Kubikmeter können damit pro Stunde aufgesaugt werden. Das Gemisch soll einen Kilometer durch eine Pipeline in den Fluss gepresst werden. "Wir rechnen dadurch nicht mit Umweltproblemen", sagte der Sprecher des Teams, Rudi Novrianto.

Die Umweltgruppe Greenpeace ist da nicht so sicher und hat Proben genommen, sagt Nur Hidayati, Sprecherin von Greenpeace in Südostasien. Sie fürchtet irreparablen Schaden für das Ökosystem und Kontamination des Grundwassers. Die Umweltschützer forderten die Regierung auf, die Firma unverzüglich zur Rechenschaft zu ziehen.

Dabei ist völlig unklar, ob der Schlammstrom überhaupt gestoppt werden kann. Noch hat kein Geologe das Phänomen erklären oder einen Plan vorlegen können, um den Riss in der Erde zu stopfen.


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