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Heilige Verbrennungsstätten: Indiens König der Toten

Er gebietet über das heiligste Land in der heiligsten Stadt Indiens. Und doch bleibt der Millionär Jagdish Choudhury ein Ausgestoßener.

Von Thomas Bruckner

Die Vorfahren von Jagdish Choudhury hielten noch echte Tiger, heute stehen auf der Terrasse seines Hauses in Varanasi nur Statuen

Die Vorfahren von Jagdish Choudhury hielten noch echte Tiger, heute stehen auf der Terrasse seines Hauses in Varanasi nur Statuen

"Früher", sagt Jagdish Choudhury, "war das Leben simpel. Wir hielten Tiger, Alligatoren und Krokodile in unseren Häusern, und kein Gesetz konnte uns das verbieten. Die Menschen strebten nach ,'Moksha', der ewigen Glückseligkeit. Alles war eindeutig in früheren Tagen. Das waren gute Zeiten."

Die aber sind längst vorbei. Heute regeln weltliche Gesetze auch die indische Gesellschaft, und die machen vor Religionen nun mal keinen Halt. Sehr zum Leidwesen von Choudhury. Er ist der Herr über die heiligsten Verbrennungsstätten Indiens: das Manikarnika Ghat in Varanasi. Geerbt vom Vater, seit Jahrtausenden im Familienbesitz. Laut hinduistischem Glauben kann nur der in die ewige Glückseligkeit eintreten, der hier verbrannt wurde. Das Oberhaupt der Familie Choudhury bestimmt seit je die Höhe des Betrags, der für das Entzünden des Scheiterhaufens zu entrichten ist. Neuerdings jedoch muss Jagdish Choudhury seine Preise rechtfertigen. Die Kunden sind selbstbewusster geworden. Eine Gebührenordnung gibt es zwar nicht, aber so frei wie früher kann das 44-jährige Schwergewicht nicht mehr bestimmen.

Ärmste zahlen für Verbrennung umgerechnet zwei Euro

Choudhury sagt, er schaue sich die Menschen genau an, die mit ihren Toten zu ihm kommen. Kleidung, Sprache, Mimik und Gestik verraten fast immer den sozialen Stand einer Person. Zudem liefert Choudhurys übers gesamte Land verstreute Sippe hilfreiche Informationen, etwa 5000 Menschen allein im Bundesstaat Uttar Pradesh. Irgendwer kennt immer irgendwen, der über den Wohlstand der jeweiligen Trauerfamilie Bescheid weiß.

Die Ärmsten zahlen für eine Verbrennung 150 Rupien (zwei Euro). "Menschen, die nichts haben, müssen nichts bezahlen", gibt sich Choudhury gutmütig. Zu den Vorwürfen, dass insbesondere die Leichen der armen Klientel durch zu wenig Feuerholz oft nur halb verbrannt dem heiligen Ganges übergeben würden, äußert er sich nicht. Auch über die Reichtümer, die still und heimlich den Besitzer wechseln und so eine Verbrennung am besten Platz zur richtigen Zeit garantieren können, schweigt er. "Varanasi Style" heißt das.

Choudhury lediglich fünf Jahre in Schule

Choudhury wird ein enormer Reichtum nachgesagt. Er besitzt Ländereien und Immobilien, verstreut über ganz Indien. Gold, Silber, Edelsteine. "Mir bleibt nichts, ich muss alle meine Verwandten versorgen", sagt Choudhury. Er ist ein vorsichtiger Geschäftsmann.

In der Öffentlichkeit wird Choudhury "Dom Raja" genannt. "Raja" heißt König und "Dom" jene Bevölkerungsgruppe, die seit Urzeiten mit Leichenbestattungen zu tun hat. Allesamt: Unberührbare. Ausgestoßene. Auch Choudhury, ihr König. Lediglich fünf Jahre besuchte er die Schule. Noch nie war er außerhalb Indiens, Hobbys hat er keine. Er lebt mit Frau, seinen drei Kindern und rund 40 Verwandten in einem alten Haus, direkt am Ganges. Vergilbte Wände, schäbiger Boden, altes abgewetztes Mobiliar in dunklen Räumen. Im engen Vorhof stakst ein Ochse umher.

Das Schicksal seiner Vorfahren

Jagdish Choudhury ist als Herrscher über den Tod einer der mächtigsten Männer in Varanasi. Und doch würde sich nie eine angesehene Persönlichkeit mit ihm zeigen, nie eine Partei um seine Unterstützung bitten. Obwohl die indische Verfassung das Kastenwesen bereits 1948 außer Kraft gesetzt hat, durchzieht es bis heute die indische Gesellschaft. "Die Menschen werden offener, doch es muss noch viel Wasser den Ganges hinunterfließen, bis man mich akzeptiert", sagt Choudhury.

"Man lädt sich nicht den Tod ins Haus" , lautet ein gängiger Spruch in der Stadt zu ihm und seiner Familie. Das Schicksal des Ausgestoßenen teilt Choudhury mit all seinen Vorfahren. Einfluss und Ansehen hatte der "Dom Raja" von jeher nur an den Verbrennungsstellen und bei den eigenen Leuten, den Doms. Doch auch die streng hierarchisch strukturierte Gemeinschaft der Doms bekommt langsam Risse. Jahr für Jahr stellen nahe Verwandte höhere Ansprüche, fordern mehr Geld von ihrem König. Zuletzt war dadurch sogar der reibungslose Verlauf der Verbrennungen gefährdet.

Choudhury bleibt mächtigste Mann im System

Erst vor kurzem und nach intensiven familieninternen Verhandlungen beendeten sie den jahrelangen Streit. Von nun an lenken sieben ebenbürtige Familienmitglieder die Geschäfte. Jeden Wochentag übernimmt eine andere Fraktion die Vormachtstellung am Ghat, ist verantwortlich für das Einteilen der Arbeiter, den Holzvorrat vor Ort, das Hüten der Feuer – und streicht den Tagesgewinn ein.

Jagdish Choudhury bleibt jedoch der mächtigste Mann im System und ist wie bisher bei jedem Geschäft gewinnbeteiligt. Diesbezüglich hat die Tradition alle Wehen der Moderne überdauert. Doch nicht nur die Familie macht ihm Sorgen. Choudhury merkt auch die Veränderungen in der indischen Gesellschaft. Die Spiritualität schwächelt. Für Außenstehende ist das schwer nachvollziehbar: Die Tempel sind weiter zahlreich und prächtig, die Schreine geschmückt mit frischen Blumen und durchzogen vom Duft des Weihrauchs. Kein Taxi ohne Göttersticker, kein Tag ohne Gebet und Glockenläuten.

"Angehörige reißen Verstorbenen Goldzähne aus Mund"

Und trotzdem, Choudhury erkennt es an den Opfergaben. "Mittlerweile reißen viele Angehörige ihren Verstorbenen die Goldzähne aus den Mundhöhlen anstatt ihnen wie früher Goldgaben für die letzte Reise beizulegen", sagt Choudhury. Zwar treten diese Opfergaben noch immer wie selbstverständlich in seinen Besitz, längst aber nicht mehr so zahlreich.

Auch er selbst kann sich diesem Wandel nicht verschließen, auch er ändert sich. Seine zwei Töchter besuchen nach wie vor keine Schule, aber bei seinem Sohn setzt der Raja auf Bildung. Unerhört in den Reihen der Doms. Gerüchten zufolge hat sich das Oberhaupt sogar einen Universitätsplatz für seinen Stammhalter sichern lassen. Vor kurzem wurde ein ehemals angesehener Professor eingeäschert - am Manikarnika Ghat. Noch lassen sich hier Dinge wunderbar einfach regeln.