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Kinder in Japans Katastrophengebiet Das große Leid der Kleinsten


Sie sind obdachlos, haben Hunger - und manche von ihnen sind zu Waisen geworden: Die Lage von geschätzt 100.000 Kindern in Japans Katastrophengebiet ist besonders tragisch.

Knapp eine Woche ist es her, dass ein Tsunami die Nordostküste Japans überrollte. Ganze Orte wurden zerstört, die Landschaft gleicht einer Trümmerwüste. Und das Leid für die verbliebenen Menschen im Katastrophengebiet wird eher schlimmer - und die drohende Katastrophe im AKW Fukushima ist dafür nicht der Hauptgrund. Besonders Alten und Kindern geht es schlecht, den Leuten im Nordosten mangelt es am Allernötigsten.

Beispielsweise in Otsuchi. Dort fehlt es vor allem an Lebensmitteln. Eine kleine Schale Miso-Suppe mit Reis ist ein Luxus, manchmal muss eine Scheibe Brot für eine dreiköpfige Familie als Mahlzeit reichen. Mathematiklehrerin Naoshi Moriya, eine der vielen Freiwilligen in der Region, sieht mit Bangen in die Zukunft: "Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Essensreserven zur Neige gehen." So wie den Menschen in Otsuchi geht es vielen, die an der Nordostküste leben. 850.000 Haushalte sind noch immer ohne Strom, 1,5 Millionen haben kein fließendes Wasser. Zwar würden Verletzte mit dem Helikopter evakuiert, es gäbe jedoch viele ältere Menschen, von denen einige dehydriert sind, berichtet Mikiko Dotsu von Ärzte ohne Grenzen. "Die chronischen Krankheiten einiger älterer Menschen bereiten uns Sorge."

Die strahlende Gefahr

Wie die Alten leiden auch die Kleinen. Sie sind einer besonderen Gefahr ausgesetzt: Experten fürchten besonders große Gesundheitsgefahren durch die radioaktive Strahlung. Der Organismus der Kinder nehme radioaktive Substanzen intensiver auf, sagt Professsor Jörg Mahlstedt, Vorstandsvorsitzender des Berufsverbands Deutscher Nuklearmediziner. So ist das Risiko von Schilddrüsenkrebs höher, wie schon die Erfahrungen aus der Katastrophe von Tschernobyl zeigten.

Nach Schätzungen sind mehrere zehntausend, wahrscheinlich rund 100.000 Kinder obdachlos. Viele wurden von ihren Eltern getrennt. Wie viele irgendwo alleine gestrandet sind, ist noch immer nicht klar. "Vor allem die jüngeren Kinder zittern bei jedem Nachbeben vor Angst und verkriechen sich weinend", berichtet Caelina Maurer, die ein Heim der Malteser in der schwerbeschädigten Küstenprovinz Iwate leitet. Die Kinder stehen unter Schock, frieren bei Minusgraden in der Nacht, sind total entkräftet.

Nichts als ein Stück Pappe

"Es gibt immer noch Kinder, die nicht wissen, ob ihre Eltern die Katastrophe überlebt haben", sagt Silvia Holten vom Kinderhilfswerk World Vision. Die obdachlosen Mädchen und Jungen hätten oft nichts anderes als ein Stück Pappe, müssten die eiskalten Nächte im Freien verbringen und bräuchten schnellstens Hilfe.

In speziellen Zentren sollen psychologische Betreuung und das Spielen mit anderen Kindern etwas Gleichgewicht zurückbringen. "Viele Kinder haben traumatische Erlebnisse hinter sich. Sie mussten mitansehen, wie Häuser einstürzten oder die Flutwelle ganze Straßenzüge zerstörte", berichtet World Vision. "Die Welt der Kinder gerät völlig aus den Fugen. Was die Kinder jetzt gar nicht aushalten könnten, wären demoralisierte Erwachsene", meint Klaus Neumann vom Berufsverband Deutscher Psychologen. "Aber da haben uns die Japaner ja offenbar in Sachen Ruhe und Struktur etwas voraus." Diese Erfahrung hat auch Japan-Kenner Pierre Littbarski gemacht. "Ich habe Kontakte zu Japanern, die in den Krisengebieten wohnen oder wohnten, und die gehen trotzdem zur Arbeit. Da gibt es das Denken nicht: 'Jetzt fahr ich sechs Wochen irgendwo hin, wo ich in Sicherheit bin'", schildert der Fußball-Trainer, der jahrelang in Japan gelebt hat. Seine japanische Frau hält sich derzeit 300 Kilometer südlich des AKW Fukushima in Yokohama auf.

Ab und an kommt es auch inmitten von Chaos und Zerstörung zu rührenden Szenen menschlicher Anteilnahme. Zwei Soldaten gehen die Schutthaufen durch und sammeln private Andenken wie Fotos ein, damit die Erinnerungen von Überlebenden nicht verloren gehen. "Die gehören jemandem", sagt einer der beiden. "Vielleicht meldet sich ja einer."

ben/DPA/Reuters DPA Reuters

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