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Ludwigshafen: Löste eine Zigarette den Brand aus?

Die Ermittlungen zum tödlichen Brand in Ludwigshafen deuten auf eine "fahrlässige Handlung" hin: Eine glühende Zigarette zum Beispiel könnte das Inferno verursacht haben. Die beiden Mädchen, die einen Brandstifter gesehen haben wollen, wurden inzwischen psychologisch begutachtet. Ihre Aussagen gelten als "nicht stabil".

Von Özlem Gezer und Christian Parth

Die Erwartungen der Journalisten an diesem verregneten Nachmittag sind groß. Oberstaatsanwalt Lothar Liebig hat wieder einmal zu einer Pressekonferenz ins Polizeipräsidium Ludwigshafen geladen, um mitzuteilen, was die Ermittler in Sachen Hausbrand Ludwigshafen, bei dem am 3. Februar neun Menschen ums Leben gekommen waren, herausgefunden haben. Zum ersten Mal mit dabei ist auch der Chef der vierköpfigen türkischen Ermittlungsgruppe. Mehmet Tüzel soll am Ende der Veranstaltung auch ein paar Sätze an die Presse richten dürfen. Lothar Liebig leitet die Anwesenheit des türkischen Polizisten jedoch mit dem Hinweis ein, dass Tüzel nach seinem Statement keine weiteren Fragen beantworten werde.

Liebig stellt zunächst klar, dass eine technische Ursache für das Feuer nicht in Frage kommt. Der Brand sei im Keller entstanden, ein Schwelbrand, ausgelöst durch einen unbekannten Gegenstand, den ein bislang Unbekannter vermutlich fahrlässig dorthin geworfen habe. Mit großer Spannung wird jedoch das Ergebnis des psychologischen Gutachtens erwartet, das sich mit den Aussagen zweier Mädchen beschäftigt. Der Psychologe kam zu dem Ergebnis, dass es sich dabei um "keine stabilen Aussagen handelt".

Mädchen "stark traumatisiert"

Die beiden Mädchen, acht und neun Jahre alt, hatten am Tag nach dem Brand von einem Mann berichtet, schwarz gekleidet, der im Treppenhaus des Gebäudes am Danziger Platz 39 mit Papier, Stöckchen und Feuerzeug hantiert und einen Kinderwagen in Brand gesetzt haben soll. Diese Aussagen hätten die Mädchen beim Gespräch mit dem Psychologen relativiert. Sie sagten jetzt, dass es den Mann zwar gegeben habe, doch beim Zündeln hätten sie ihn nicht beobachtet. Diese Version hatten sie auch wenige Tage nach dem Feuer bereits dem stern erzählt. Der Grund für die erste Version ihrer Geschichte sei leicht nachvollziehbar, sagte Staatsanwalt Liebig. "Die Mädchen brauchten nach dieser verheerenden Katastrophe für sich eine Erklärung." Sie hätten eine plausible Antwort auf die Frage finden wollen, "warum ist das passiert?" Daher sei der Mann ins Spiel gekommen. Allerdings warnte Liebig davor, nun vorschnelle Schlüsse zu ziehen. Es gebe keine Anhaltspunkte dafür, dass die beiden Mädchen selbst gezündelt haben könnten und der Mann in schwarz nur eine Schutzbehauptung sei. Gezielt danach befragt worden seien sie jedoch nicht, da die beiden noch immer "stark traumatisiert" seien und eine solche Art der Befragung sich derzeit verbiete.

Allerdings geht Liebig davon aus, dass der Verursacher des Feuers sich in dem Haus gut ausgekannt haben müsse. Der Brand ist im Keller entstanden, unter einer Treppe in einer kleinen verwinkelten Ecke, rund 15 Meter vom Hauseingang entfernt. Es sei unwahrscheinlich, dass sich ein Fremder dorthin verirrt oder sogar gezielt diesen Ort aufgesucht haben könnte. Brandgutachter kamen zu dem Ergebnis, dass es zunächst einen Schwelbrand gab, verursacht durch einen kleinen Gegenstand, etwa einer Zigarette. Es habe mindestens 15 Minuten, vielleicht aber auch bis zu drei Stunden gedauert, bis die erste offene Flamme entstand. Danach habe sich das Feuer rasch bis zur Kellertür empor gefressen und sei dann begünstigt durch die warmen Gase schnell durch das hölzerne Treppenhaus nach oben geschossen. Aufgrund dieser Umstände sei davon auszugehen, dass die Ursache des Feuers eine fahrlässige Handlung gewesen sei.

Brandstiftung nicht gänzlich ausgeschlossen

Dennoch will Liebig auch die Möglichkeit der Brandstiftung nicht gänzlich ausschließen, obwohl der Ort und die Art der Brandentstehung und die Tatsache, dass kein Brandbeschleuniger nachgewiesen werden konnte, dagegen sprächen. Dies betont dann auch der türkische Ermittler in seinen wenigen Sätzen. Nachdem er sich bei den deutschen Behörden für die Zusammenarbeit und bei der türkischen Bevölkerung Ludwighafens für ihr "besonnenes Verhalten" bedankt hatte, sagte Mehmet Tüzel abschließend: "Eine Brandstiftung kann nicht ausgeschlossen werden."

Einigen türkischen Journalisten werden diese Aussagen vermutlich genügen, um ihre wochenlange Berichterstattung über Brandstiftung und tendenzielle Fremdenfeindlichkeit in Deutschland fortzuführen. Noch heute titelte die türkische Tageszeitung "Zaman" unter dem Bild des brennenden Hauses am Danziger Platz: "Deutschlands Feuerakte ist mit Brandstiftungen gefüllt". Im Artikel ist schließlich zu lesen, dass in Deutschland am Tag durchschnittlich ein Mensch an den Folgen eines Brandes ums Leben komme. Auf Seite vier geht es weiter: "Das Feuer trifft wieder die Ausländer". Es geht um Brände in Neustadt, Stuttgart und Köln.

"Das Feuer soll zu Ende gehen"

Ähnlich hält es auch die Tageszeitung "Hürriyet". Als Thema des Tages bekommt der Leser der Dienstagsausgabe serviert: "Das Feuer soll endlich zu Ende gehen." Auch hier brennt auf der Titelseite ein Haus. Auf den hinteren Seiten analysieren die Journalisten die 22 Brände, die es seit der Katastrophe von Ludwigshafen gegeben hat, inklusive Statistik. Zumindest in einem Artikel werden die Redakteure etwas versöhnlicher. Die rechtsgerichtete Politik in Bayern, Hessen und Sachsen sei gescheitert, steht unten auf der Titelseite. Bebildert ist das Stück mit einem Wahlplakat von Josef Schmid, der bei den Kommunalwahlen am vergangenen Wochenende als Oberbürgermeister-Kandidat für die CSU ins Rennen gegangen war und kläglich verlor. Sein Slogan war: "Was zählt ist München. Sicherheit. Keine Nachsicht mit Gewalttätern".