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Ludwigshafen: Anschlag nicht ausgeschlossen

Nach dem verheerenden Brand in Ludwigshafen schließen Ermittler einen Anschlag nicht mehr aus. In der Ruine des vorwiegend von Türken bewohnten Hauses wurden Hass-Parolen mit SS-Runen entdeckt. Türken reagierten mit Gewaltausbrüchen gegen Feuerwehrleute. Islamische Organisationen kritisieren Bundespolitiker.

Nach dem verheerenden Brand in einem Ludwigshafener Wohnhaus mit neun Todesopfern schließen Ermittler einen Brandanschlag nicht aus. Zwei türkische Mädchen hätten den Ermittlern berichtet, einen mit Feuer hantierenden Mann am Brandort gesehen zu haben, bestätigte die Staatsanwaltschaft. Außerdem sei an dem von türkischen Familien bewohnten Haus zweimal das Wort "Hass" mit SS-Runen auf die Wand geschmiert worden. Türkische Medien spekulierten unterdessen über einen möglichen fremdenfeindlichen Brandanschlag. Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan wird am Donnerstag am Brandort erwartet.

"Wir können derzeit keinerlei Brandursache ausschließen", sagte der Leiter der Staatsanwaltschaft Frankenthal, Lothar Liebig. Bei der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe wird der Brand als "Beobachtungsvorgang" eingestuft. Es gebe aber noch keinen Hinweis darauf, dass die Bundesbehörde zuständig sein könnte, sagte eine Sprecherin. Liebig erklärte, die Polizei gehe davon aus, dass der neonazistische Schriftzug vor dem Brand angebracht worden sein muss.

Erdogan besucht Ludwigshafen

Erstmals konnten am Mittwoch Experten das fast völlig zerstörte Gebäude betreten. Außerdem suchten Spürhunde das Gebäude ab. Das habe aber bislang "keine wesentlichen Erkenntnisse gebracht", sagte Liebig. An den Ermittlungen in Ludwigshafen sind auf Wunsch der türkischen Regierung auch vier türkische Experten beteiligt. Erdogan wird während einer Deutschland-Reise nach Ludwigshafen kommen und nach Angaben eines Polizeisprechers gemeinsam mit dem rheinland- pfälzischen Ministerpräsidenten Kurt Beck (SPD) den Unglücksort besuchen.

Unterdessen sieht sich die Feuerwehr wachsenden Anfeindungen ausgesetzt, nachdem türkische Medien den Rettern vorgeworfen hatten, zu spät am Brandort gewesen zu sein. Nach Angaben der Stadt waren zwei Minuten nach dem Alarm die ersten Feuerwehrkräfte dort. Nach Angaben der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung, Maria Böhmer, ist ein Feuerwehrmann von türkischen Jugendlichen geschlagen worden. Zu der Attacke gegen den Helfer, der an dem Einsatz am Sonntag beteiligt gewesen sein soll, sei es in der Nacht zum Mittwoch in Ludwigshafen gekommen. Die Feuerwehr habe bei der Polizei Antrag auf Personenschutz gestellt. Ludwigshafens Polizeipräsident Wolfgang Fromm sagte: "Es geht nicht an, dass hier Leute beleidigt, dass sie bedroht und dass sie bespuckt werden."

Merkel zeigte sich tief betroffen

Böhmer versicherte am Brandort: "Wir setzen alles daran, dass es zu einer zügigen Aufklärung der Ursache des Brandes kommt." Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sei tief betroffen. Böhmer appellierte an die türkischen Medien, fair zu berichten. Sie legte im Namen Merkels einen Kranz nieder. Auch der türkische Staatsminister für die im Ausland lebenden Türken, Mustafa Said Yazicioglu, besuchte die Unglücksstelle.

Yazicioglu rief seine Landsleute in Deutschland zur Besonnenheit auf. Die deutschen Ermittler täten alles, um die Brandursache zu klären, sagte er türkischen Fernsehsendern. "Auch die Deutschen sind wegen der Ereignisse aufgebracht", ergänzte Yazicioglu.

Türkische Zeitungen: Es gab fremdenfeindliche Drohungen

In der Türkei berichtete die konservative Zeitung "Zaman" unter Berufung auf Angehörige der Brandopfer von fremdenfeindlichen Drohungen gegen die Bewohner des Hauses. Diese seien eingegangen, nachdem im Erdgeschoss ein türkisches Kaffeehaus eröffnet worden sei. Auf dasselbe Wohngebäude war schon im August 2006 ein Brandanschlag verübt worden. Die Täter wurden nie gefasst.

Islamische Organisationen in Deutschland kritisierten unterdessen Äußerungen Becks zu dem Brand. "Wir halten die Äußerungen von Herrn Beck für sehr verfrüht, weil es viele verschiedene Anhaltspunkte und Vermutungen gibt", sagte Burhan Kesici, Generalsekretär des Islamrates, dem "Münchner Merkur" (Donnerstag). Beck hatte am Montag erklärt, es gebe keinerlei Hinweise auf einen fremdenfeindlichen Anschlag.

Das Kleinkind, dass am Sonntag aus dem dritten Stock des brennenden Hauses geworfen worden war, wurde am Mittwoch laut "Spiegel online" aus dem Krankenhaus entlassen.

DPA / DPA