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Nach Einsturz in Bangladesch: Polizei fasst flüchtigen Fabrikbesitzer

Als das Rana-Plaza-Gebäude wie ein Kartenhaus in sich zusammenfiel, sah der Eigentümer nur noch einen Ausweg: Flucht. Am Sonntag ging Sohel Rana der Polizei ins Netz - kurz vor der indischen Grenze.

Fast 100 Stunden nach dem Einsturz eines achtstöckigen Gebäudes in Bangladeschs Hauptstadt Dhaka haben Behörden den flüchtigen Eigentümer des Hochhauses festgenommen. Sohel Rana sei beim Versuch, das Land Richtung Indien zu verlassen, verhaftet worden, sagte der Landesminister für regionale Entwicklung, Jahangir Kabir Nanak, am Sonntag. Sohel Rana wird vorgeworfen, beim Bau minderwertiges Material verwendet zu haben. Der Polizei zufolge soll er nun per Helikopter in die Hauptstadt geflogen werden. Die Nachricht von der Festnahme des Mannes löste auf den Straßen der in der Menge wütende Schreie aus: "Hängt Rana, hängt den Mörder", riefen die Menschen.

Zu einer weiteren, noch eingeschlossenen Überlebenden, konnten die Rettungskräfte am Sonntag Kontakt herstellen. "Wir können ihre Laute hören", sagte ein Feuerwehrmann. Rettungskräfte versuchen zur Stunde, mit Schneide- und Bohrwerkzeugen, zu der Frau vorzudringen. Zwei Ärzte hielten sich in der Nähe für den Fall bereit, dass der Frau Gliedmaßen amputiert werden müssen. Der Kontakt zu drei weiteren Verschütteten ist indes abgebrochen. Sie seien nicht mehr bei vollem Bewusstsein.

Am vierten Tag nach dem Unglück schwinden die Hoffnungen, weitere Überlebende unter den Überresten des Gebäudes zu finden. Die Zahl der Toten stieg am Sonntag auf 375. Fast 2500 Menschen wurden seit Mittwoch lebend geborgen - zuletzt wurden in der Nacht zum Sonntag vier Menschen aus dem früheren vierten Stock des "Rana Plaza" geholt, wie der "Daily Star" online berichtete. Die Behörden veröffentlichten zudem eine Liste mit fast 600 Namen von Vermissten.

Textilarbeiter tragen Proteste auf die Straße

Am Samstag waren bereits vier Personen verhaftet worden. Dabei handelt es sich um den Besitzer sowie den Geschäftsführer der größten Fabrik in dem Gebäude. Deren Fertigungsräume lagen in den oberen Stockwerken, die nach Polizeiangaben illegal angebaut wurden. Zudem wurden zwei Ingenieure - Bau-Kontrolleure der Regierung - festgenommen. Ihnen wird vorgeworfen, das Gebäude trotz Warnungen wegen Einsturzgefahr nicht abgesperrt zu haben. Ein weiterer Fabrikbesitzer habe sich nach den Festnahmen selber gestellt.

Rund 4000 Textilfabriken blieben am Wochenende wegen Protesten tausender Arbeiter geschlossen. Die Demonstranten forderten die Festnahme aller Verantwortlichen sowie sichere Arbeitsstandards. Sie blockierten Straßen, zerstörten Autos und beschädigten einige Unternehmen in Industrievierteln der Hauptstadt. Die Polizei setzte in und um Dhaka Tränengas und Gummigeschosse ein, um die Ansammlungen aufzulösen. Mindestens 20 Arbeiter wurden dabei verletzt.

Die Textilindustrie ist der wichtigste Wirtschaftszweig des Niedriglohnlandes, sie macht 79 Prozent der Exporteinnahmen aus. Das eingestürzte Gebäude hatte mehrere Textilfabriken und Läden beherbergt. Zu den Kunden der Fabriken gehören mehrere Handelsketten in Europa und Nordamerika, darunter Mango aus Spanien und Primark aus Großbritannien. Laut dem Geschäftsführer Wolf-Rüdiger Baumann vom Gesamtverband Textil + Mode arbeiten solche Ketten mit Agenten, die die Aufträge weitergeben - und zwar an "irgendwelche Zulieferbetriebe, die in der Tat zum Teil unter Bedingungen arbeiten, die einen erschauern lassen". In dem Haus ließ auch die Firma Ether-Tex nähen, die früher unter anderem für C&A und Kik produzierte. Der IG BAU-Bundesvorsitzende Dietmar Schäfers sagte, die Arbeitgeber gingen aus Selbstsucht und Profitgier im Wortsinne über Leichen.

jwi/Reuters/AFP/DPA / DPA / Reuters