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Techniker sah Abruzzen-Erdbeben voraus: "Ich hätte Alarm schlagen sollen"

Giampaolo Giuliani hat ein Erdbeben-Frühwarnsystem mitentwickelt. Und er hat damit die verheerende Katastrophe in den Abruzzen vorausgesehen. Doch weil er zuvor bereits wegen angeblichen Fehlalarms angezeigt worden war, sagt Giuliani im stern.de-Interview, habe er seine Familie gerettet, anstatt die anderen Bewohner zu alarmieren.

Herr Giuliani, wussten Sie wenige Stunden vor dem Erdbeben, dass etwas passieren würde?

Ja. Es war aber zu spät, um den Bürgermeister von L'Aquila anzurufen. Ich habe vorher mit ihm telefoniert, so gegen 21 Uhr, als zu erkennen war, dass sich etwas aufstaut. Zu dem Zeitpunkt konnte ich aber noch nicht sagen, dass es ein so starkes Erdbeben geben würde. Das wusste ich erst gegen 23 Uhr, denn die Daten kommen alle zwei Stunden an. Vorher ging ich von einem Erdbeben der Stärke vier aus. Ich wartete also auf die Daten von 23 Uhr, um zu sehen, ob die Werte steigen oder fallen. Sie kamen dann um Mitternacht an. Es zeigte sich, dass es konstant schlimmer wird.

Was haben Sie dann getan?

Ich habe die Situation schnell mit dem Seismograph überprüft und festgestellt, dass tatsächlich ein desaströses Ereignis bevorsteht. Dann habe ich versucht, meine Familie in Sicherheit zu bringen. Um halb vier in der Nacht kam es.

Haben Sie denn nicht versucht, den Bürgermeister anzurufen?

Nein, er hatte mir ja schon nach 23 Uhr nicht mehr geantwortet. Und ich hatte ihm bereits um 21 Uhr abends gesagt, dass es ein Erdbeben geben könnte.

Können Sie das verstehen? Warum hat er sie ignoriert?

Weil ich am Sonntag zuvor die Anzeige des Bürgermeisters von Sulmona (Anmerkung der Redaktion: eine Stadt in den Abruzzen) bekommen habe. Deswegen hatte wohl auch der Bürgermeister von L'Aquila Angst. Unser Verhältnis ist jedoch einwandfrei, er steht auf unserer Seite.

Da hat er einen verhängnisvollen Fehler gemacht.

Ja, das hat er, ich aber auch. Ich hätte die Anzeige gegen mich einfach ignorieren und trotzdem einen Alarm ausrufen sollen.

Glauben Sie, dass es Leute gibt, der Bürgermeister etwa oder Wissenschaftler, die wissen, dass ihr System funktioniert, die jetzt aber nicht die Verantwortung für das, was geschehen ist, übernehmen wollen?

Solche Leute gibt es. Viele sind bereit, mir zu helfen, sie haben aber Angst, mich öffentlich zu unterstützen. Ein Teil von Italien ist mit mir. Ich hoffe, dass dies die Möglichkeit eröffnet, Begleitung zu bekommen, dass dies ermöglicht, die Daten zu überprüfen, und dass deutlich wird, dass unser System funktioniert. Ich hoffe, dass in naher Zukunft in den Gegenden, die besonders erdbebengefährdet sind, Netze mit unserem Überwachungssystem aufgebaut werden, und so künftig Menschenleben gerettet werden. Wir stellen der Wissenschaft unsere Daten gerne für die Analyse zur Verfügung.

Wer hat die Anlage und die fünf Messstationen denn bisher finanziert?

Meine Familie und Freunde von mir. Insgesamt liegen die Ausgaben bei 600.000 Euro. Mit weiteren 800.000 Euro könnten wir ganz Abruzzen und große Teile der umliegenden Regionen Italiens überwachen.

Warum gibt Ihnen denn für so ein wichtiges System niemand eine Million Euro?

Es wäre wenig Geld, wenn man den Nutzen sieht. Aber die, die uns eine Million Euro geben könnten, wollen das nicht.

Lesen Sie im zweiten Teil des Interviews, wie Giuliani seine Messmethode verteidigt und was er zu der Kritik von anderen Forschern sagt.

Es geht am Ende also darum, dass Sie kein Wissenschaftler sind.

Ich bin ein einfacher Techniker. Eine Entdeckung von solcher Bedeutung könnte die Wissenschaftler diskreditieren, die ein solches System eigentlich entwickeln sollten und viel bessere Möglichkeiten haben. Wieso haben die, die für so etwas bezahlt werden, es nicht entwickelt? Das ist sicher ein Grund. Es gibt aber auch noch andere Motive, über die ich aber nicht sprechen möchte.

Und wie geht es Ihnen jetzt?

Besser. Mich befragen derzeit viele Journalisten, was mich stark ablenkt. So kann ich manchmal diese furchtbare Tragödie vergessen, die hier passiert ist. Zudem habe ich das Drama auch am eigenen Leib erleben müssen: Das Haus meiner Tochter ist zerstört, das meiner Mutter nicht mehr bewohnbar. Das System werde ich aber in jedem Fall weiterentwickeln. Wenn die Erdstöße vorbei sind, fahren wir es wieder hoch. Das Erdbeben hat nämlich auch einige Messstationen beschädigt.

Ihnen wird vorgeworfen, vor rund zwei Wochen einen falschen Erdbebenalarm ausgegeben zu haben. Stimmt das?

Nein, so war es nicht. Am Sonntag, den 29. März, hatte es um neun Uhr morgens ein Erdbeben in Sulmona gegeben. Ich habe auf Wunsch meines Bürgermeisters seinen Kollegen dort angerufen. Der Bürgermeister von Sulmona wollte wissen, ob es ein weiteres Beben geben werde. Ich habe ihm gesagt, ich müsse erst noch die Daten einer Station abrufen, die nicht mehr an das Internet angeschlossen war, und würde ihn zurückrufen. Wir müssen diese Daten sehr sorgfältig ausarbeiten, was etwa zwei bis drei Stunden dauert, denn es sind komplexe Daten. Um 15.30 habe ich ihn angerufen und ihm gesagt, dass es bis Mitternacht keine weiteren Stöße geben werde. Für die Zeit danach, sagte ich, bräuchte ich noch die Daten des Abends. Ich versprach ihm, die Situation zu überwachen und ihn bei Veränderungen oder anormalen Ereignissen anzurufen. Ich sagte auch, er solle die Bevölkerung auffordern, in die Häuser zurückzukehren.

Sie haben also keinen falschen Alarm ausgegeben?

Nein, ich habe ihn nach diesem Gespräch nicht mehr kontaktiert. Am nächsten Morgen bekam ich dennoch mitgeteilt, dass er mich angezeigt habe, weil ich Alarm geschlagen habe. Er habe erklärt, ich hätte gesagt, es werde ein stärkeres Erdbeben geben als das am Morgen. Das stimmt aber nicht. Dafür habe ich auch Zeugen.

Aber warum sollte er das tun?

Jemand muss ihn um diesen Gefallen gebeten haben. Warum, weiß ich aber nicht.

Sie glauben also weiter an ihr System?

Sicher. Mein System hat bisher nie versagt.

Warum haben Sie denn zu diesem System nie eine wissenschaftliche Studie veröffentlicht?

Es gibt von verschiedenen Industrien Interesse an dem System, sowohl von italienischen wie auch von ausländischen. Deshalb wurde ich gebeten, nichts über unsere Entwicklung zu publizieren. Das System ist auch mit einem italienischen Patent geschützt. Ich hatte gehofft, dass jemand uns Input geben würde, unser System weiter zu entwickeln, schließlich hat ein Industrieunternehmen bessere Möglichkeiten. Wir haben jedoch in der Vergangenheit schon häufiger bei wissenschaftlichen Konferenzen unsere Daten vorgestellt, unsere Methode und die Ergebnisse unserer Forschung. Bei allen Präsentationen haben wir die Wertschätzung der anwesenden Forscher erhalten.

Jetzt bekommen sie aber auch Widerspruch von anderen Forschern.

Richtig. Sie sagen, es sei aus Menschensicht unmöglich, Erdbeben vorherzusagen. Diese Begriffe gibt es in meinem Vokabular aber nicht. Das Problem ist: Unsere Analysen werden von einem Computersystem gemacht, das niemand kennt. Es arbeitet aber sehr zuverlässig. Wir haben eine Fehlerquote von zwei bis drei Prozent, was die Berechnung des Epizentrums anbelangt.

Sie bleiben also dabei, dass man Erdbeben vorhersagen kann.

Sicher. Die Daten, die wir in zehn Jahren experimenteller Forschung gesammelt haben, bestätigen uns. Ich wurde zwar oft gedemütigt, als Depp bezeichnet, auch als Lügner. Doch ich werde auch von vielen Leuten aufgefordert, weiterzumachen. Ich habe zahlreiche Anrufe bekommen von Leuten, die die von uns im Internet veröffentlichten Daten gelesen haben und vor dem Erdbeben aus L'Aquila weggegangen sind.

Sie messen die Emission des radioaktiven Gases Radon. Forscher führen aber gegen sie ins Feld, dass vor einem Erdbeben die Radon-Emissionen auch zurückgehen können. Stimmt das?

Ja, das hängt aber davon ab, wo die Messtation ist und welche Entfernung sie zum Epizentrum hat. Das ist in unserem System berücksichtigt. Um ein Erdbeben vorherzusagen, brauchen wir mindestens drei Stationen. Sie müssen in einem bestimmten Winkel zueinander sein, damit wir das Zentrum des Erdbebens voraussagen können, seine Stärke und die Verzögerung zwischen dem Alarm, den unser System gibt und der Verzögerung, bis das Erdbeben beginnt. Wenn das Messsystem aus drei Stationen besteht, kann die am weitesten entfernte einen Rückgang des Radon-Ausstoßes aufzeigen.

Interview: Sandro Mattioli