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Trauerfeier in L'Aquila: Italien weint um Erdbebenopfer

Gedenkfeier für die Opfer des Erdbebens in den Abruzzen: 205 Särge sind auf dem Paradeplatz einer Polizeiakademie in L'Aquila aufgebahrt worden. Als Verwandte, Freunde und auch Katastrophenhelfer von den Toten Abschied nahmen, kam es zu emotionalen Szenen.

Von Sandro Mattioli, L'Aquila

Es ist ein Karfreitagsgottesdienst, den die Menschen in L'Aquila nie vergessen werden: 205 Särge stehen vor der Bühne, die im Innenraum der Kommandozentrale des Katastrophenschutzes und der Finanzpolizei von L'Aquila aufgebaut ist. Hier finden viele Geschichten ein Ende, die noch lange nicht zu ende sein sollten. Hier ist die Schwester aufgebahrt, die sich über fünf Kinder warf. Sie selber starb bei dem Erdbeben in der Nacht zum vergangenen Montag, doch die fünf Kinder überlebten allesamt. Das weite Gewand der Schwester hielt den todbringenden Staub von ihnen ab. Hier sind Familien im Tode vereint. Vier kleine weiße Kindersärge stehen auf den dunklen Särgen ihrer Eltern, das jüngste Kind war nur fünf Monate alt geworden. Manche Verwandten haben den jungen Gestorbenen ihr Lieblingsspielzeug mitgegeben. Auf einem der weißen Särge steht ein kleines Motorrad.

Für die Angehörigen ist dieser Gottesdienst die letzte Gelegenheit, ihren Lieben nah zu sein. Mitarbeiter und Freiwillige des italienischen Katastrophenschutzes stützen sie auf dem Weg zum gemeinsamen Abendmahl. Am Ende der Zeremonie werden die Särge von Menschen, die das Erdbeben als Helfer hautnah erlebten, von dannen getragen. Die Särge werden zu den Wagen gebracht, die sie zu ihrem letzten Ort bringen. Ein langer Konvoi mit 150 Särgen führt zum Friedhof von L'Aquila, die übrigen Toten werden in ihre Heimatdörfer gebracht.

Der Bischof von L'Aquila, Giuseppe Molinari, kannte viele der Opfer persönlich. "Oft habe ich schöne und wichtige Momente in ihrem Leben mit ihnen verbacht", sagt Molinari in seiner Rede und nennt die Namen einiger Opfer, "Aber der Glaube sagt uns, dass sie nicht fern von uns sind, und nicht einmal die Tragödie dieses Erdbebens kann sie aus unserem Herzen tilgen." Er habe mit dem Vater zweier junger Opfer gesprochen. "Der Vater sagte mir, es ist der Moment des großen Glaubens. Ein Glaube, der stärker ist als der Schmerz, der Verlust, die Angst und die Verzweiflung."

Papst Benedikt lässt über seinen persönlichen Sekretär Georg Gänswein ausrichten, dass er großen Anteil an dem Leid der Betroffenen nehme. "Ich bin Euch spirituell nah, gebt der Angst nicht nach", seien die Worte des Papstes. "Der Schmerz der vom Erdbeben Erschütterten ist grenzenlos, und ihnen nahe ist ein Gott, der in Stille verharrt - nicht weil er abwesend ist, sondern weil er auf diese Art das Leid der Menschen teilt", lässt der Pontifex verlesen. Darauf aufbauend könne man neu beginnen, nach den Trümmern müsse man Zukunft und Hoffnung schaffen.

Auch ein Imam spricht ein Gebet

Zu dem Staatsbegräbnis sind auch die höchsten Vertreter des italienischen Staates angereist, darunter der Präsident Giorgio Napolitano und Premier Silvio Berlusconi. Rund 5000 Menschen sind gekommen, um den Opfern ihr letztes Geleit zu geben, darunter etwa 1600 Verwandte. Viele stehen in enger Umarmung beieinander und trösten sich gegenseitig. Gegen Ende des katholischen Gottesdienst spricht ein islamischer Imam ein Gebet, denn unter den Opfern sind auch Muslime. Ihre Leichname wurden jedoch nicht auf dem Platz aufgebahrt. Mohamed Nour Dachan, der Präsident der islamischen Gemeinschaften in Italien, spricht sein Gebet im "Namen des einzigen Gottes". Das Leben wie der Tod sei ein Teil des großen göttlichen Plans, sagte Mohamed. "Wir finden uns hier, um den Schmerz zu teilen." Und auch in Israel wird heute der Opfer des Erdbebens gedacht. Ein Student aus Cabul in Galiläa wurde beerdigt. Er studierte in L'Aquila und wohnte in dem Studentenwohnheim, dessen Trümmer ihn unter sich begruben.

Nach der Messe wurde bekannt, dass Rettungskräfte zwei weitere Leichen unter den Trümmern gefunden haben. Es handelt sich um zwei Frauen, die in der Nacht zum Montag starben. Es sind noch immer acht Menschen, die unter den Trümmern vermutet werden, außerdem befinden sich mehrere Opfer in Krankenhäusern in einer kritischen Verfassung.