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Katastrophales Hochwasser: Flut bei 1,87 Meter, apokalyptische Zerstörungen - "Venedig wurde in die Knie gezwungen"

Das Wasser geht langsam zurück, doch die Situation in Venedig bleibt weiter angespannt. Nach den verheerenden Überschwemmungen begutachten die Bewohner nun die Schäden – und machen ihrer Wut Luft: Warum hat die Lagunenstadt immer noch keinen Flutschutz?

Menschen waten über einen überfluteten Platz in Venedig

Menschen waten über einen überfluteten Platz in Venedig – wo der Asphalt aufhört und das Meer anfängt, ist mancherorts kaum noch zu erkennen

DPA

Untergangsszenarien gibt es für Venedig seit jeher. Doch jetzt sind die Bewohner der Unesco-Welterbestadt sehr eindrücklich daran erinnert worden, wie fragil ihre geliebte Stadt ist.

Bis zu 1,87 Meter über dem Meeresspiegel stand das Wasser in der Nacht zu Mittwoch in der Lagunenstadt – der zweithöchste Wert seit Beginn der Aufzeichnungen. Der Markusplatz wurde komplett überflutet, auch in den gleichnamigen Dom drang das Wasser ein. Boote, Fähren und Gondeln wurden losgerissen und trieben unkontrolliert durch die Gassen und Kanäle der Stadt. Hotels und Geschäfte standen unter Wasser, Mauern wurden von den Fluten weggewaschen oder umgedrückt. Auch das Mobiliar vieler Gastwirte wurde von dannen gespült. Der Regionspräsident sprach von "apokalyptischen Zerstörungen".

Eigentlich sollte Venedig längst ein Flutschutzsystem haben – es wird aber nicht fertig

Während Touristen am Mittwoch und Donnerstag Selfies von den Wassermassen machten, waren die Bewohner geschockt. "So was habe ich noch nicht gesehen. Es ist eine Katastrophe. Es ist wie ein Krieg. Wir haben es gewusst", sagte der Venezianer Ezio Toffolutti der Deutschen Presse-Agentur. Läden und Supermärkte seien alle im Erdgeschoss, die habe es deshalb schlimm erwischt. Gefährlich seien die elektrischen Leitungen. "Eine schreckliche Zeit."

Auch Bürgermeister Brugnaro ist wütend. Wütend und besorgt, dass die Stadt den Wassermassen bald nicht mehr gewachsen sein wird. "Venedig wurde in die Knie gezwungen. Der Markusdom hat schwere Schäden abbekommen, genauso wie die ganze Stadt und die Inseln", sagte er. "Hier geht es nicht nur darum, die Schäden zu beziffern, hier geht es um die Zukunft der Stadt." Viele Menschen würden wegziehen, weil die Lebensumstände immer schwieriger würden. In seinen Augen ist der Klimawandel Schuld an dem verheerenden Hochwasser.

Einwohner Toffolutti sieht es anders. Für ihn ist auch das Milliarden-Flutschutzsystem "Mose" für die Katastrophe mitverantwortlich. "Mose", kurz für Modulo Sperimentale Elettromeccanico, soll die Stadt mit ausfahrbaren Barrieren vor Hochwasser schützen – ist jedoch noch nicht fertig. Der Bau, der 2003 begonnen wurde und bislang schon rund sechs Milliarden Euro verschlungen haben soll, verzögert sich seit Jahren wegen Korruptionsskandalen und Kritik von Umweltschützern. Medien nennen das Projekt "die große Unvollendete". Toffolutti sagt, es sei "dumm". Denn: "Jeder, der die Lagune kennt, weiß, dass man die Lagune nicht mir Beton zumachen kann."

Video: Hunderte Millionen Euro Hochwasserschäden in Venedig

Ähnlich sieht das auch Petra Reski, eine deutsche Journalistin, die seit 30 Jahren in Venedig lebt. Sie sagte der dpa: "Dieses Hochwasser ist von Menschen gemacht. Das größte Problem ist, dass das Wasser sehr schnell reinkommt, aber nicht abfließt. Wegen des 'Hochwasserschutzes' kommt das Wasser schneller rein und fließt schlechter ab." Viele Venezianer werfen Politikern außerdem vor, die Stadt an Tourismus- und Kreuzfahrtunternehmen verkauft zu haben und sich nicht wirklich um den Schutz zu kümmern. 

Bürgermeister Brugnaro dringt dennoch weiter darauf, das skandalgeplagte Flutschutz-Vorhaben fertigzustellen. Er ist der Meinung, dass Katastrophen wie das jetzige Hochwasser mit "Mose" vermieden werden können. Regierungschef Conte erklärte dazu, der Bau sei zu "92 bis 93 Prozent" fertig. "Venedig ist ein Kulturerbe Italiens und der Menschheit. Es ist notwendig, dass eine Serie von historischen Problemen gelöst wird."

Darum ist die Lage in Venedig so brenzlig

Wissenschaftler warnen seit langem vor den Folgen der Erderwärmung für die Welterbestadt, die in einer Lagune an der Adria liegt. Schmelzen Eis und Gletscher, so erhöht sich der Meeresspiegel. Je mehr der Meeresspiegel steigt, desto höher ist das Risiko von Überflutungen. Auch sackt der Boden in Venedig ab. Ein Großteil der Gebäude wurde auf Pfählen gebaut. Ebbe und Flut und Wellenbewegungen durch Schiffe nagen an den Bauten. Kritiker machen zudem das Ausbaggern von Fahrrinnen für große Schiffe für das Absacken verantwortlich. 

"Was wir definitv wissen: Ereignisse wie jetzt in Venedig werden durch die Klimaerwärmung verstärkt", sagte Anders Levermann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung der dpa. "Wenn sich Ozeane erwärmen, verdunstet mehr Wasser in die Atmosphäre und das muss wieder raus. Dadurch entsteht mehr Niederschlag für den ganzen Globus. Gleichzeitig häufen sich Starkregenereignisse."

Durch den CO2-Ausstoß werde Venedig künftig unter dem Meeresspiegel liegen. "Deshalb ist es entscheidend, was wir jetzt und in der Zukunft dagegen unternehmen."

Sie nimmt es mit Galgenhumor: Eine Frau sitzt auf einem Stuhl im Hochwasser auf dem Markusplatz

Sie nimmt es mit Galgenhumor: Eine Frau sitzt auf einem Stuhl im Hochwasser auf dem Markusplatz

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Es drohen weiter schwere Regenfälle

Die Gefahr für Venedig ist indes noch nicht gänzlich gebannt: Der italienische Zivilschutz warnte vor neuen Unwettern mit starkem Wind in der gesamten Region Venetien. Der Wasserstand sollte allerdings bei weitem nicht das Rekord-Niveau wie in der Nacht zu Mittwoch erreichen. Die Fluten waren, getrieben durch heftige Winde,  auf 1,87 Meter über dem Meeresspiegel gestiegen – das ist der höchste Wert seit einer verheerenden Flut im Jahr 1966. Für Donnerstag werden 1,30 Meter erwartet. 

Schulen und Kindergärten sollten auch am Donnerstag geschlossen bleiben, der Schiffsverkehr war extrem eingeschränkt. Die Oper La Fenice sagte Aufführungen ab. Die Kunst-Biennale erklärte dagegen, wieder zu öffnen, nachdem das Gelände am Mittwoch gesperrt war und die Kunstwerke auf Schäden überprüft wurden.  

mik / DPA