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Höchster Stand seit 1966: "Apokalyptische Zerstörung": Hochwasser sorgt für Ausnahmezustand in Venedig

Seit mehr als 50 Jahren stand das Wasser in Venedig nicht mehr so hoch. Stühle und Tische trieben durch die Straßen, Boote wurden losgerissen, Gondeln gingen unter. Die Behörden sprechen von einer "Apokalypse".

Höchster Stand seit 1966: Hochwasser in Venedig auf Rekordstand – Wassermengen sorgen für Ausnahmezustand

Das gab es seit mehr als 50 Jahren nicht mehr: 1,87 Meter über dem Meeresspiegel stand das Wasser in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch in Venedig. Der Markusplatz und die meisten Straßen waren komplett überflutet, in den Kanälen der Stadt stieg das Wasser unaufhörlich an. Boote und Gondeln trieben herrenlos durch die Stadt, einige gingen unter.

Um kurz vor Mitternacht waren die Fluten – angetrieben durch starken Wind – auf die rekordverdächtige Marke angestiegen. Das sei der höchste Wert seit der verheerenden Überschwemmung im Jahr 1966, als 194 Zentimeter erreicht wurden, teilte die Gemeinde mit. In der vergangenen Nacht sank der Wasserstand wieder, am Mittwoch sollte er wieder auf 160 Zentimeter steigen.

Bürgermeister: Hochwasser in Venedig ist Folge des Klimawandels

Bürgermeister Luigi Brugnaro sprach von einer "Katastrophe" und kündigte an, er werde den Notstand ausrufen. "Wir sehen uns mit einem Hochwasser konfrontiert, das mehr als außergewöhnlich ist", schrieb Brugnaro auf Twitter. Es seien alle verfügbaren Kräfte mobilisiert worden, um die Kontrolle über die Situation zu behalten.

Anfangs legte die Stadt noch Stege durch Venedig, damit die Touristen trotz des Hochwassers von A nach B kamen

Anfangs legte die Stadt noch Stege durch Venedig, damit die Touristen trotz des Hochwassers von A nach B kamen

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Gleichzeitig bat Brugnaro die Regierung in Rom um Hilfe, die Kosten seien sehr hoch. Das, was Venedig derzeit erlebe seien "die Effekte des Klimawandels". Schulen in Venedig und auf den umliegenden Inseln blieben vorerst geschlossen. 

Nach Medienberichten sind während des schweren Hochwassers womöglich mindestens zwei Menschen ums Leben gekommen. Auf der südlich der Stadt gelegenen Insel Pellestrina sei ein 78-jähriger Mann am späten Dienstagabend von einem elektrischen Schlag getroffen worden, als er versuchte, die Entwässerungspumpe in seinem überfluteten Haus wieder in Gang zu setzen, meldete die Nachrichtenagentur Ansa. Ein weiterer Bewohner der Insel sei tot in seinem Haus gefunden worden. Eine natürliche Todesursache könne in dem Fall allerdings nicht gänzlich ausgeschlossen werden.

Markusplatz unter Wasser, herrenlose Boote in den Kanälen

Bilder und Videoaufnahmen zeigen, wie der berühmte Markusplatz, Wahrzeichen der Unesco-Welterbestadt, komplett überflutet wurde. Touristen und Einheimische wateten zunächst noch in Gummistiefeln über den Platz, am Abend fuhr nur noch die Polizei mit Booten. Auch in den Markusdom am Rande des Platzes drang Wasser ein. Es habe unter anderem Schäden am Mauerwerk angerichtet, berichteten italienische Medien. Am Morgen hieß es, dass die gesamte Krypta unter Wasser gestanden habe.

Gondeln und Boote wurden aus ihren Vertäuungen gerissen und trieben unkontrolliert durch die Kanäle, einige blieben an Brücken oder Hausecken hängen. Drei "Vaporetti", wie die Motorschiffe im öffentlichen Nahverkehr genannt werden, sanken.

Mauern wurden von den Fluten umgedrückt oder weggewaschen. Tische und Stühle wurden vom Wasser mitgerissen und durch die ganze Stadt gespült. "Wir haben es mit apokalyptischen Zerstörungen zu tun", sagte der Präsident der Region Venezien, Luca Zaia, laut Ansa. Für Mittwoch ist kaum Wetterbesserung in Sicht, es soll erst einmal weiterregnen – möglicherweise sogar mehrere Tage.

Die Stadt wird wegen seiner Lage in der Lagune immer wieder von Hochwasser heimgesucht, die Lage verschärft sich aber zunehmend. Die Stadt will seit langem ein Flutschutzsystem installieren, da der Anstieg des Meeresspiegels immer häufiger zu Überflutungen führt.

Venedig unter Wasser: Passanten waten in der Nähe der Rialto-Brücke durch die Fluten

Venedig unter Wasser: Passanten waten in der Nähe der Rialto-Brücke durch die Fluten

DPA

Extremes Wetter auch in anderen Teilen Italiens

Auch in anderen Teilen Italiens gibt es gerade extreme Wetterphänomene. In den Alpen haben heftige Schneefälle für schwere Verkehrsstörungen gesorgt. In Südtirol habe es in der Nacht auf Mittwoch 40 bis 50 Zentimeter geschneit, meldete Ansa. Zahlreiche Straßen und die Eisenbahnlinie im Pustertal seien von umgestürzten Bäumen blockiert worden. Neben dem Pustertal seien das Eggental und das Grödner Tal am stärksten betroffen. In Bozen wurden Keller unter Wasser gesetzt. Mehrere Alpenpässe wurden zusätzlich zu den im Winter ohnehin gesperrten Pässen gesperrt. Auf der Brennerautobahn bildeten sich zwischen Brixen und dem Brenner längere Lastwagenstaus.

Im Süden hat es unter anderem Matera getroffen, die europäische Kulturhauptstadt 2019. Wie Ansa meldet, sollen sich die Straßen der hügeligen Stadt in der Region Basilikata teilweise in reißende Sturzbäche verwandelt haben. In Porto Cesareo am Stiefelabsatz (Apulien) wurde der Hafen durch Wind und heftige Regenfälle verwüstet. Die Äolischen Inseln nördlich von Sizilien sind laut Ansa seit drei Tagen von der Außenwelt abgeschnitten. Boote und Fähren könnten sie aufgrund der rauen See nicht mehr ansteuern, hieß es.

Quellen: Bürgermeister Brugnaro auf Twitter, Nachrichtenagenturen DPA, AFP, Ansa

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