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Zuflucht im "Superdome": "Schlimmer kann's nicht werden"

Für die Armen und Gebrechlichen in New Orleans ist das Footballstadion die letzte Zufluchtsstätte vor "Katrina". Tausende Menschen sind vor dem gigantischen Hurrikan in den "Superdome" geflüchtet. "Katrinas" zerstörerische Kraft bekommen aber auch sie zu spüren.

Erste Ausläufer des Wirbelsturms reißen am Montag zwei Löcher ins Dach, nach einem Stromausfall funktioniert nur noch die Notbeleuchtung. Schätzungsweise 9.000 Menschen haben sich am Sonntag in das Stadion begeben. Für viele ist die Prozedur, bis sie endlich einen Platz zugewiesen zu bekommen, schon schrecklich. "Ein Albtraum", sagt Mary Francis Brooks.

"Der Sturm kann kaum schlimmer werden." Durch die beiden Löcher im Dach regnet es herein, die orkanartigen Böen treiben den Regen durch Fahrstühle und Treppenschächte. In einigen Rängen ist der Boden feucht und glitschig. Die meisten nehmen die Nässe gelassen: "Das ist nicht schlimm. Nass werden ist nicht wie sterben", sagt der 43-Jährige Harald Johnson. Der Superdome ist der massivste der zehn Schutzräume der 480.000-Einwohner-Stadt in Louisiana. 100.000 Menschen fehlen den Behörden zufolge Mittel oder Kraft, sich nach der am Sonntag angeordneten Zwangsevakuierung in Sicherheit zu bringen.

Für die meisten von ihnen könnte das Footballstadion zur Heimat in den kommenden Tagen werden. In der Arena, in der sonst bis zu 77.000 Zuschauer die Spiele der New Orleans Saints verfolgen, gibt es zwar Toiletten und Waschräume, und Wohltätigkeitsorganisationen verteilen Lebensmittel an die Flüchtlinge. Die sanitären Anlagen wären allerdings bei einem Hochwasser in der Stadt unbenutzbar. Superdome-Vizepräsident Doug Thornton hat deswegen mobile Toilettenhäuschen bestellt. Und auch die Luft könnte stickig werden. Zwar gibt es in dem Stadion Notfallaggregate, aber die Klimaanlage ist daran nicht angeschlossen.

"Wir haben nur das Nötigste zusammengepackt", sagt Michael Skipper, der am Sonntag einen Einkaufswagen mit Plastiktüten, Kleidern und einem Radio vor sich herschiebt. "Die guten Sachen, der Fernseher, die Möbel sind hoffentlich noch da, wenn die Katastrophe vorüber ist. Wenn nicht, müssen wir noch Mal von vorne anfangen. Man kann nur hoffen." Als der Regen einsetzte und die Menschen in der Warteschlange, darunter Frauen mit Säuglingen, Alte und Kranke, nass wurden, wurden die Kontrollen auf Waffen, Sprengstoff und Drogen schließlich in die Flure des Stadions verlegt. Viele hüllten sich in Betttücher und versuchten zu schlafen, noch bevor sie ins Innere des Superdomes eingelassen wurden. In der provisorischen Krankenabteilung sitzen mittlerweile hunderte Menschen in Rollstühlen.

Curtis Cockran, ein 54 Jahre alter Diabetiker, der erst kürzlich an der Hüfte operiert wurde, sagt hilflos: "Ich will nur einen Platz, wo man mich in Ruhe lässt. Ich weiß nicht, ob es noch einen Ort gibt, an den ich nach dem Sturm zurückkehren kann." Darüber macht er sich zur Zeit aber noch keine Sorgen. "Ich will nur in Sicherheit sein." Zwtl: "Es wird noch ungemütlicher werden" Mit einer Überschwemmung des Stadions wird nicht gerechnet. Dennoch dürfen sich die Kinder nicht auf dem Spielfeld austoben. Sie müssen auf den höheren Rängen ausharren, um im Falle einer Überflutung in Sicherheit zu sein. "Die Menschen werden wohl ein paar Tage hier bleiben müssen", sagt General Ralph Lupin von der Nationalgarde.

"Nach 'Katrina' wird es erstmal keinen Strom in der Stadt geben, die Straßen werden unpassierbar sein." "Es ist jetzt nicht besonders gemütlich, und es wird noch ungemütlicher werden. Aber es ist sicher", erklärt Thornton. Als Vizepräsident macht er sich dennoch Sorgen. Sein Management hat zwar Erfahrung darin, während eines Footballspiels 75.000 Menschen über mehreren Stunden einen gewissen Komfort zu bieten. "Aber wir sind nicht darauf eingerichtet, 8.000 Menschen für vier Tage unterzubringen". Alice George muss in den nächsten Tagen auf ihre Zigaretten verzichten. Bei der Eingangskontrolle wurde die 76 Jahre alte Obdachlose gleich zehn Mal überprüft. "Sie haben mir mein Feuerzeug und meine Zigaretten abgenommen", klagt sie. "Aber es wird wohl auch ohne gehen." Joey Branson hatte keine Probleme. Er brachte nur einen Apfelkuchen und ein dickes Rätselbuch mit ins Stadion. "Mehr brauche ich nicht", sagt er, und lacht. "Ich bin für den Sturm gerüstet."

Mary Foster/AP

Mary Foster/AP / AP