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Zugunglück in Kanada: Fünf Tote nach Zugexplosion

Wie in einem Katastrophenfilm: Ein Güterzug voller Öl rast in Kanada führerlos einen Hügel herunter und explodiert mitten in einer Kleinstadt. Die Polizei bestätigt fünf Tote - und rechnet mit mehr.

In Kanada ist am Samstag ein Güterzug mit Kesselwagen voller Rohöl entgleist und in die Kleinstadt Lac-Mégantic gerast. Bei der gewaltigen Explosion der Güterwaggons wurde das Ortszentrum völlig verwüstet. Das "Le Journal de Montréal" berichtet von fünf oder sechs Explosionen, die Flammen seien kilometerweit zu sehen gewesen. Mindestens fünf Menschen werden getötet. Die Polizei der Provinz Quebec bestätigte am Sonntag, dass nach dem ersten Opfer am Samstag zwei weitere Leichen in der Kleinstadt Lac-Mégantic gefunden wurden. Mindestens 80 Menschen würden noch vermisst, sagte ein Feuerwehrmann. In einer Bar hätten sich zum Zeitpunkt des Unglücks mindestens 50 Menschen befunden, sagte der Mann, der anonym bleiben wollte, weiter. Von der Bar sei "nichts mehr übrig".

Der Unfall ereignete sich am Samstag um 1:00 Uhr Ortszeit. Zeugen berichteten, dass die Straßen wegen der lokalen Bars noch gut gefüllt waren. "Ich denke, dass Schlimmste kommt erst noch", sagte Industrieminister Christian Paradis im Radio-Canada. Auch 20 Stunden nach dem Unglück hatte die Feuerwehr die Flammen noch nicht gelöscht, die rund 40 Häuser zerstörten. Rund 150 Feuerwehrleute waren im Einsatz, darunter einige aus dem nahe gelegenen US-Bundesstaat Maine. Insgesamt wurden rund 2000 aus der Kleinstadt mit etwa 6000 Einwohnern in Sicherheit gebracht.

"Wenn man die Schäden sieht, weiß man nicht, wie man das überstehen soll", sagte Bürgermeisterin Colette Roy-LaRoche. "Aber ich kann sagen, dass alle Beteiligten sehr geholfen haben. Wir haben alles Menschenmögliche getan." Der Unglücksort ist weiträumig abgesperrt. Ein Teil des Rohöls lief auch in den See, der dem Städtchen seinen Namen gab.

Unglücksursache noch unbekannt

Ein Team der Behörde für Verkehrssicherheit begann vor Ort mit den Ermittlungen. Premierminister Stephen Harper äußerte sich schockiert. Es sei "leider klar, dass es den Verlust von Menschenleben gegeben hat", auch wenn es noch keine genauen Zahlen gebe. Er sprach den Angehörigen der Opfer sein Beileid aus.

Wie genau es zu dem Unglück kommen konnste, ist zur Stunde noch nicht bekannt. Ein Sprecher des Bahnunternehmens Montreal Maine & Atlantic, Christophe Journet, sagte aber der Nachrichtenagentur AFP, der Zug habe wegen eines Personalwechsels zunächst im Nachbarort Nantes rund 13 Kilometer westlich von Lac-Mégantic gehalten. Obwohl die Bremsen gezogen gewesen seien, habe der Zug plötzlich angefangen, den Hang hinunter in Richtung Lac-Mégantic zu rollen. Zum Zeitpunkt des Unglücks sei der Zug daher führerlos gewesen. Nach Angaben des Unternehmens bestand er aus fünf Lokomotiven und 77 Waggons, die Öl aus dem US-Bundesstaat North-Dakota geladen hatten.

Die kanadischen Behörden sprachen dagegen von 72 Waggons mit jeweils 100 Tonnen Öl. Etwa zehn Wagen hätten gesichert und von dem Konvoi abgetrennt werden können, teilte der Katastrophenschutz mit. Zeugen berichteten von mindestens sechs Explosionen, nachdem der Zug im Zentrum der Stadt entgleiste, ein riesiger Feuerball stand über dem Unglücksort. "Als wir aus einer Bar kamen, sahen wir Waggons in vollem Tempo in das Dorfzentrum rasen", berichtete Yvon Rosa im Sender Radio-Canada. "Überall war Feuer."

Historischer Ort

Lac-Mégantic ist eine kleine Stadt mit etwa 6000 Einwohnern. Sie liegt in der französischsprachigen Provinz Québec und liegt rund 250 Kilometer östlich der Stadt Montréal. 1775 hatten Soldaten der amerikanischen Armee über den gleichnamigen See versucht, das britische Kanada zu erobern. Sie scheiterten jedoch.

jwi/Reuters/AFP/DPA / DPA / Reuters