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stern-Kolumne Winnemuth: Kühlschrank-Cuisine

Nachts um eins noch ein Ei, ein kaltes Würstchen, eine halbe Avocado am geöffneten Eisschrank - manchmal ist die kulinarische Verwahrlosung die köstlichste aller Küchenkünste.

Von Meike Winnemuth

Nachts um eins in der Küche. Im Mantel. Im Stehen. Ohne Teller. Beschienen vom sanften Licht des geöffneten Kühlschranks: Kühlschrank-Cuisine ist eine Kunst

Nachts um eins in der Küche. Im Mantel. Im Stehen. Ohne Teller. Beschienen vom sanften Licht des geöffneten Kühlschranks: Kühlschrank-Cuisine ist eine Kunst

Seit einigen Jahren wohne ich allein, zunächst nicht freiwillig, inzwischen aus tiefster Überzeugung. Es scheint mir die menschenwürdigste, blutdrucksenkendste, Frieden-auf-Erdenförderndste Existenzform, jenseits aller Sozialkontrolle ein gänzlich unkommentiertes und rechtfertigungsfreies Leben führen zu dürfen. Keiner hebt die Augenbrauen, wenn ich mir fünf Folgen "House of Cards" hintereinander reinziehe, niemanden schert, dass ich mein Geld für Blumensträuße, Falschpark-Strafzettel und Hundespielzeug in Form von Hummern ausgebe. Niemand behelligt mich mit Sätzen wie "Du bist ja immer noch im Bademantel!" oder "Wolltest du nicht laufen gehen?" oder "Wir könnten doch mal wieder ..." Und nie wieder muss ich die allerschlimmste Frage von allen beantworten oder gar selbst stellen: "Was willst du heute Abend essen?"

Was ich heute Abend essen will, weiß ich nicht und will es auch nicht wissen. Das werde ich dann schon sehen, wenn es so weit ist. Jedes Nachdenken-Müssen über vermutlichen zukünftigen Appetit erinnert mich sofort an Speisezettel in Reha-Kliniken, auf denen man bitte drei Tage im Voraus ankreuzen muss, ob man Stammessen 1, Stammessen 2 oder die vegetarische Option wünscht. Ich verweigere die Aussage. Lieber esse ich nichts als etwas, das ich schon drei Tage vorher festgelegt habe. Es soll Menschen geben, die schon am Montag die Kantinenwochenpläne studieren und sich auf Donnerstag freuen.

Kühlschrank-Cuisine ist Kunst

Deshalb gerade in diesen Zeiten, in denen 90 Prozent aller Menschen schon genau wissen, was sie am 24., 25., 26. und 31. Dezember essen werden, ein Plädoyer für jenes größte aller Festmähler: dasjenige, das man sich allein bereitet, nachts um eins in der Küche. Im Mantel. Im Stehen. Ohne Teller. Beschienen vom sanften Licht des geöffneten Kühlschranks.

Kühlschrank-Cuisine ist eine Kunst, der bislang viel zu wenige Bücher gewidmet wurden. Gar keines, soweit ich das überblicke. Sehr schade, denn hier vereinen sich Schnelligkeit, Kühnheit, Improvisationsgabe und Geschmacksabenteuerlust zu einem kulinarischen Hochgenuss. Kühlschrank-Cuisine ist, was man wirklich essen will. Nicht was man essen sollte, weil es sich so gehört, oder essen müsste, weil es knapp vor Ablauf des Verfallsdatums ist. (Darüber schreibe ich irgendwann noch mal eine eigene Kolumne - letzte Woche habe ich einen Quark mit Ablauftermin 16. September gegessen, so was macht mich groß und stark.)

Alles über der Spüle essen

Hilfsmittel sind erlaubt, aber nicht nötig. Zwei Schinkenscheiben, anmutig um eine Gewürzgurke geschlungen. Ein kaltes Wiener Würstchen, in eine Ketchupflasche getunkt. Ein weich gekochtes Ei, gepellt, oben abgebissen, das Eigelb mit einem guten Quetscher aus der Balsamicosenf-Tube verrührt, bisschen Meersalz drüber - fantastisch. Eine halbe Avocado mit Tabasco beträufeln, aber von der grünen, milderen Sorte. Eine leider schon etwas harte Scheibe belgisches Sauerteigbrot in die Pfanne schmeißen, leicht anbrennen lassen, "Sultans Freude"-Frischkäse von Hof Butendiek drauf, paar getrocknete Aprikosen drüber. Und alles über der Spüle essen, unter mächtigem Krachen und Krümeln. Und hey, da ist ja sogar noch ein Bier im Kühlschrank! Oder doch lieber eine Kugel Vanilleeis in O-Saft werfen, Schuss Wodka rein, eine Schlammbowle for one?

Und Sie so, liebe stern-Leser? Was sind Ihre besten Rezepte kulinarischer Verwahrlosung?

Bedingung: in unter fünf Minuten fertig und in unter zwei Minuten zu essen. Wenn genug zusammenkommt (an #link;mailto:mw@digitalien.org;

mw@digitalien.org

#), folgt hier demnächst Teil 2. Schaffen wir locker, oder?

Die Kolumne

... von Meike Winnemuth finden Sie immer schon donnerstags im aktuellen stern. Diese Kolumne erschien in der vergangenen Woche, Heft Nr. 52.

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