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stern-Kolumne "Winnemuth": Achtung: Achtsamkeit

Durchatmen. Wegatmen. Die neuen Glücksstrategien verlangen die gezielte Entleerung des Hirns. Aber was ist so schlimm an einem gefüllten?

Von Meike Winnemuth

Seit dem Tod meines Autos (schönsten Dank übrigens für die vielen Beileidsbekundungen, zu 99 Prozent von Frauen – was mal wieder meine These stützt, dass Männer, diese selbst ernannten Autokenner und Autofreaks, Autos in Wirklichkeit kein bisschen lieben, sondern nur Drehzahlen, Luftliefergrade und Schwingrohraufladungen) … Entschuldigung, wo war ich?

Ach so: Seit dem Tod meines Autos fahre ich viel U-Bahn. Ich dachte ja immer, im Auto ist man allein, doch noch alleiner ist man in der U-Bahn. Dieses angestrengte Aneinandervorbeigucken, dieses ostentative Desinteresse am Menschen, mit dem man Schulter an Schulter sitzt, dieses Gefühl der Belästigung durch alle anderen … Kann ja sein, dass der ÖPNV in Hamburg noch mal einen Zacken härter ist als der im Rest der Nation, aber der Grad an Verkapselung und Abschottung, der inzwischen erreicht ist, hat mich doch verblüfft.

Abgeschottet mit DJ-Kopfhörern

Vor Jahren konnte man zumindest noch die Musik der anderen mithören, die aus den iPod-Kopfhörern summte, und ihre liegen gebliebenen Zeitungen lesen. Heute haben sie alle fette, schallgedämmte DJ-Kopfhörer auf, es soll nichts nach draußen dringen und nichts nach drinnen. Würde man einen Alien in einen U-Bahn-Wagen setzen, würde er denken, die Menschen ertrügen einander nicht und sehnten sich geradezu verzweifelt nach dem Alleinsein. Nichts möchten sie weniger sein als: da. Präsent, ansprechbar, teilhabend, anwesend.

All das wäre nicht weiter schlimm, wenn der geordnete Rückzug in die Abwesenheit nicht inzwischen zum großen Mantra geworden wäre. Auch der stern hat vor einem Monat eine schöne Titelgeschichte über das Lob der Ruhe und der Meditation gedruckt, illustriert mit den Fotos einsamer Menschen, die mit geschlossenen Augen Räucherstäbchen abbrennen oder japanische Schriftzeichen tuschen oder Yoga im Wald machen. Alles lohnende Beschäftigungen, keine Frage, und trotzdem finde ich es irritierend, dass die Leere im Kopf seit Neuestem zum erstrebenswerten Zustand geworden ist, zum Rezept gegen sämtliche zivilisatorischen Maleschen.

Was ist plötzlich so falsch an einem prall gefüllten Kopf, berstend von Gedanken, gern auch widersprüchlichen, unbedingt auch nebensächlichen? Sind wir wirklich gewappneter für diese schmuddelige Welt, wenn das Hirn wie ein frisch gemangeltes weißes Laken in der sanften Brise ewiger Glückseligkeit flattert? Ich mochte diese Kapitulationsfahnen noch nie, diese gehisste Leere, diese träge Strategie, die Kompliziertheit der Welt durch Einfachheit und Entziehung zu besiegen. Schön wär’s ja, aber das Leben ist nun mal selten simpel und schon gar nicht mit dem geistigen Äquivalent eines Faustkeils zu bewältigen.

Konzentration? Ja. Auf andere!

Aber fein, wenn es hilft, sollen die Leute halt atmen. Geradezu aggressiv allerdings macht mich das Modewort "Achtsamkeit", denn Unachtsameres als die hingebungsvolle Konzentration auf den eigenen Atem und die eigene Befindlichkeit kann es kaum geben. Nirgendwo in den vielen Anleitungen zur Achtsamkeit habe ich je gelesen, dass sie sich doch bitte freundlicherweise auf das richten sollte, was das ärgerlicherweise immer noch vorhandene Gegenüber sagt oder fühlt. Die ungeteilte Aufmerksamkeit für den anderen, "die seltenste und reinste Form von Großzügigkeit", wie Jonathan Safran Foer neulich in einem traurigen Artikel für die "New York Times" schrieb, ist inzwischen die Ausnahme, nicht die Regel.

Und deshalb, um zum Anfang zurückzukommen: danke für die Anteilnahme, danke für die Empathie, auch wenn es nur ein dummes kleines Auto war. Ich weiß es wirklich sehr zu schätzen. 99 Prozent Frauen – ach, sicher nur ein Zufall.

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