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stern-Kolumne "Winnemuth": Einmal Luft schnappen

Und "wow" sagen. Was alles geht! Wie weit wir gekommen sind! Wie schnell wir so weit gekommen sind! Irre.

Von Meike Winnemuth

Kaum ein Kind kann noch etwas mit einem Walkman anfangen. Auch das "Fast Forward"-Zeichen ist im digitalen Zeitalter unnütz geworden.

Kaum ein Kind kann noch etwas mit einem Walkman anfangen. Auch das "Fast Forward"-Zeichen ist im digitalen Zeitalter unnütz geworden.

Komischer Tag heute. Erst lese ich von einem Feldversuch im südschwedischen Städtchen Lund, wo man seine Einkäufe mit einem Handvenen-Scan bezahlen kann. Ein Handvenen-Scan - bis vor einer Minute etwas, wovon ich noch nie gehört habe, was ich aber auf der Stelle für plausibel halte. Für etwas, das ich vor 30 Jahren als glaubwürdiges Detail eines Science-Fiction-Films empfunden hätte und heute als mutmaßliches Detail meines Alltags in nicht allzu ferner Zeit.

Als Zweites stolpere ich über ein Video: Kindern zwischen sechs und dreizehn Jahren wird ein schwarzer Plastikziegel mit Knöpfen überreicht. "Oh, ein Handy! Ach nee ..." Nie gesehen, so ein Ding, was ist das? Es ist ein … Walkman. Aha, und was macht man damit? Ach, man braucht eine sogenannte Kassette dafür? Nur wie kriegt man die ins Gerät? Eine Zwölfjährige, als sie es geschafft hat: "Ich fühle mich gerade wie Indiana Jones!" (Immerhin, den kennt sie noch.) Fassungslos reagieren die Kleinen, als ihnen erklärt wird, dass auf eine Kassette nur 20, 30 Lieder passen und dass man zu einem gesuchten Titel per Versuch und Irrtum vorspulen muss. Kollektives Urteil: "Was für ein Mist."

Jeden Tag ein Beweis, dass wir im 21. Jahrhundert leben

Was das miteinander zu tun hat? Einfach nur das seltsame Gefühl, dass unser Heute so voller Morgen ist wie nie zuvor und gleichzeitig so schnell zum Gestern wird wie nie. Natürlich ist das Quatsch, natürlich hat ein Tag immer noch 24 Stunden wie seit der Einführung der Zeit, doch irgendwie scheint die Gegenwart so zum Bersten gefüllt zu sein mit vorweggenommener Zukunft und gleichzeitig in einem Affentempo Richtung Vergangenheit zu evaporieren, dass einem jegliches Gefühl von "Jetzt" abhandenkommt. Vielleicht auch nur mir.

Meldungen wie die vom Handvenen-Scan kommen derzeit wie Hagelkörner, so scheint es. Jeden Tag ein weiterer Beweis, dass wir tatsächlich im 21. Jahrhundert leben und dass der alte Spruch von William Gibson immer wahrer wird: Die Zukunft ist schon da, sie ist nur nicht gleichmäßig verteilt. Verbunden mit dem mulmigen Gefühl: Die Zukunft ist da, bevor wir ihr gewachsen sind. Im Walkman-Video fiel mir auf: Die Kinder kennen das Zeichen für "Fast Forward" gar nicht mehr, weil sie gewohnt sind, dass jede gewünschte Stelle sofort erreicht werden kann. Zur Zukunft wird nicht vorgespult, da wird per Klick hingesprungen.

Zum ersten Mal fliegen?

Das wird hier keine zivilisationsnostalgische "Alles wird immer schneller"-Heulerei, keine Sorge. Im Gegenteil: Ich plädiere nur für ein gelegentliches Luftschnappen und "Wow"-Sagen. Wow, was es alles gibt. Was alles geht. Wie weit wir gekommen sind. Wie schnell wir so weit gekommen sind. Welche Möglichkeiten wir haben. Wie irre das alles ist, was uns so selbstverständlich vorkommt.

Noch ein Youtube-Video, ein für diese Zeit fast unerträglich langes, zehnminütiges: Die Holländerinnen An, 72, und Ria, 78, sitzen zum ersten Mal im Leben in einem Flugzeug. Ihr fassungsloses Staunen, ihre helle Freude über die Sensation, auf einem Sessel durch die Luft zu sausen, die für die meisten von uns so egal wie Busfahren geworden ist, hat mich gerade wieder auf den Boden geholt. Vielleicht kann man nur so die Zeit anhalten und die Gegenwart zurückerobern: durch ein langes, seufzendes, verwundertes "Wow". Wow, mein Handy erkennt meinen Fingerabdruck. Wow, ich fliege. (Für den Preis einer Busfahrkarte.) Wow, ich lebe im 21. Jahrhundert.

Moment, jemand versucht mich gerade per Skype zu erreichen. Ah, meine Mutter. 81. "Die Verbindung ist so schlecht heute, ich sehe dich nur ganz verpixelt", beschwert sie sich. Ich sehe ganz unverpixelt, wie sie ihre Augenbrauen hochzieht, als ich hysterisch zu lachen beginne. Wie gesagt, komischer Tag heute.

Die Kolumne ...

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Themen in diesem Artikel
Auf welche Rechtsgrundlage beziehen sich die Münchner Finanzämter im jüngsten Steuerskandal?
Gestern in Report: Münchener Mittelständler, die zum Beispiel Werbung bei Google gekauft haben, sollen auf gezahlte Werbung bei Google eine Quellensteuer von 15 Prozent zahlen, und zwar zunächst rückwirkend für die Jahre 2012 und 2013. Das Geld, so die Betriebsprüfer des Finanzamts München, könnten sich die Steuer ja von Google zurückholen. Klingt skurril. Klingt nach einer Sauerei. ich habe mir deshalb den 50a ESTG durchgelesen, was wenig Freude macht. Dort steht erstens: "Die Einkommensteuer wird bei beschränkt Steuerpflichtigen im Wege des Steuerabzugs erhoben", was bedeutet, dass (um im Beispiel zu bleiben) Google der Steuerschuldner ist und sich das Finanzamt dorthin wenden soll und unter Abschnitt 7: "Das Finanzamt des Vergütungsgläubigers kann anordnen, dass der Schuldner der Vergütung für Rechnung des Gläubigers (Steuerschuldner) die Einkommensteuer von beschränkt steuerpflichtigen Einkünften, soweit diese nicht bereits dem Steuerabzug unterliegen, im Wege des Steuerabzugs einzubehalten und abzuführen hat, wenn dies zur Sicherung des Steueranspruchs zweckmäßig ist. " Nach diesem Text muss das Finanzamt von Google diese Anordnung treffen und nicht das Münchner. Ich bin mir sehr sicher, dass das Finanzamt in Irland nicht tätig geworden ist. Was also könnte die Rechtsgrundlage für diese extreme Auslegung einer Vorschrift sein, die ursprünglich dazu gedacht war, dass Veranstalter von Rockkonzerten die Steuern für die ausländischen Musiker abführen (was ja vernünftig ist)?