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VVV-WIT-08 "What is this?": Forscher entdecken rätselhaft blinkenden Riesenstern im Herzen der Milchstraße

Die Milchstraße über dem Teleskop des European Southern Observatory in La Silla, Chile
Die Milchstraße über dem Teleskop des European Southern Observatory in La Silla, Chile
© European Southern Observatory / Serge Brunier / Picture Alliance
Er ist hundert Mal so groß wie die Sonne – und er blinkt. 25.000 Lichtjahre von der Erde entfernt haben Astronomen einen rätselhaften Stern ausgemacht.

Astronomen haben im Zentrum der Milchstraße einen riesigen Stern entdeckt, der ihnen Rätsel aufgibt: Beobachtungen mit dem Vista-Teleskop der Europäische Südsternwarte (ESO) in Chile, die schon seit fast einem Jahrzehnt rund eine Milliarde Sterne auf Helligkeitsveränderungen im Infrarotbereich überwacht, ergaben, dass sich der Himmelskörper VVV-WIT-08 über einige hundert Tage hinweg um 97 Prozent verdunkelte und dann langsam zu seiner früheren Helligkeit zurückkehrte.

Anfang 2012 habe der mehr als 25.000 Lichtjahre von der Erde entfernte Stern begonnen zu verblassen, berichten die Forscher vom Institut für Astronomie der Universität Cambridge in den "Monthly Notices of the Royal Astronomical Society". Im April desselben Jahres sei er fast verschwunden gewesen, bevor seine Strahlkraft innerhalb der nächsten 100 Tage zurückgekehrt sei. Seither leuchte VVV-WIT-08 ohne weitere Schwankungen mit seiner ursprünglichen Kraft. "Es schien aus dem Nichts zu kommen", schilderte Dr. Leigh Smith der britischen Zeitung "The Guardian" das plötzliche Verdunkeln des Sterns.

VVV-WIT-08 passt in keine etablierte Kategorie

Eine solche Dauer und Intensität des Abdimmens sei extrem ungewöhnlich und selten, berichtet das Wissenschaftsmagazin "Scinexx". Weil die Teleskopbeobachtungen nur 17 Jahre zurückreichten, sei zudem nicht einmal klar, ob es sich um ein einmaliges oder regelmäßiges Ereignis handele. Bislang hätten Astronomen nur zwei Sterne mit extrem langen Wiederkehrperioden von Verdunklungen beobachtet. Den Epsilon Aurigae, der alle 27 Jahre von der Staubscheibe seines Begleiters verdeckt werde, und den Roten Riesen TYC 2505-672-1, bei dem sogar 69 Jahre zwischen den Ereignissen lägen.

Sterne, die ihre Helligkeit in kurzen Zyklen verändern, gibt es dagegen häufiger. Cepheiden beispielsweise schrumpfen bzw. wachsen alle ein bis hundert Tage und verändern im gleichen Rhythmus auch ihre Temperatur und Leuchtkraft. Sogar Sterne, die nur halbseitig pulsieren, wurden schon beobachtet. Außerdem kommen Doppelsterne vor, deren Partner sich abwechselnd verdecken.

Auf VVV-WIT-08 trifft das alles nicht zu. Das erklärt auch das WIT in seinem Namen. "Manchmal stoßen wir auf veränderliche Sterne, die in keine etablierte Kategorie passen", zitiert "Scinexx" Philip Lucas von der University of Hertfordshire, Koautor des Berichtes. "Wir nennen sie dann WIT für 'What is this?'."

"Außergewöhnlich ungewöhnliches Ereignis"

Weil sie den riesigen Stern in einer so dichten Region der Galaxie entdeckten, fragten sich die Forscher, ob sich ein unbekanntes dunkles Objekt zufällig vor ihn geschoben haben könnte. Computersimulationen hätten eine solche zufällige Verdunkelung aber nahezu ausgeschlossen. Dennoch glauben die Astronomen, dass irgendetwas VVV-WIT-08 von außen verdeckt hat. "Das okkultierende Objekt muss einige Kernmerkmale aufweisen: Es muss durch die Schwerkraft an den Riesenstern gebunden sein, sehr leuchtschwach sein, einen Radius größer als 50 Erdradien haben und elliptisch erscheinen", erklärten Smith und seine Kollegen.

Am wahrscheinlichsten sei ein Begleitstern, der von einer dichten Staubscheibe umgeben ist. Allerdings passten die typischen Merkmale solcher Scheiben nicht zu den Beobachtungen, schrieben die Wissenschaftler. Eine weitere Möglichkeit wäre demnach ein Begleitstern, der dem Riesenstern Material absaugt und dadurch eine ausgedehnte Gasscheibe bildet. Das Problem sei jedoch: Angesichts der langen Dauer der Okkultation müsste der Begleiter sehr weit vom Riesenstern entfernt sein – und damit zu weit weg, um ihm Material abzusaugen.

Keines der angedachten Szenarien könne vollständig erklären, wodurch VVV-WIT-08 so lange und zu so einem großen Prozentsatz verdeckt wurde, so das Fazit der Astronomen. "Die Dauer, Tiefe und Achromatizität der Verdunklung macht dieses Ereignis außergewöhnlich ungewöhnlich – sein Geheimnis ist noch nicht gelüftet."

Quellen: "Monthly Notices of the Royal Astronomical Society""The Guardian""Scinexx", ORF

mad

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