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Abnehmen mit der Familie: "Der Mensch liebt seinen Trott"

Warum Rituale guttun, Nudeln in Bärchenform bei Kindern besser ankommen und Tauschgeschäfte sinnvoll sind.

Warum fällt es gerade Müttern so schwer, Essgewohnheiten zu ändern und schlanker zu werden?

In deutschen Familien ist es noch immer meist die Frau, die über das Essen wacht. Sie kauft ein, bereitet die Mahlzeiten zu, besorgt Snacks für unterwegs. Essen ist ein zentraler Teil des Familienlebens, und die Frau spielt darin die Hauptrolle. Will sie den Ernährungsplan ändern, meutert häufig die Familie. Das schafft Konflikte.

Wie lassen sich diese Konflikte begrenzen?

Zunächst mal sollte die Mutter bei sich selbst anfangen und nicht gleich die ganze Familie missionieren. Zum Frühstück schmiert sie sich Frischkäse aufs Brot. Die anderen - vorausgesetzt, sie sind nicht übergewichtig - dürfen weiter Nugatcreme und Leberwurst nehmen. Abends isst sie mehr Gemüse, weniger Salamipizza. Die anderen können es umgekehrt machen. Auf diese Weise bleibt das schöne Erlebnis eines gemeinsamen Essens erhalten. Wenn die Frau sich von einem Therapeuten beraten lässt, sollte sie ihren Mann zu einer Sitzung mitnehmen. Ich erlebe es häufig in meinen Sprechstunden, dass die Männer wenig über Ernährung wissen. Ihre Akzeptanz gegenüber Neuerungen steigt, je mehr sie über die Zusammenhänge erfahren.

Sollten dauerhaft auch Mann und Kinder an schlankere Rezepte gewöhnt werden?

Das ist kein Muss, aber durchaus sinnvoll. Wenn alle mitmachen, hilft es der Mutter später, ihr Gewicht zu halten. Sie sollte nach und nach an der Ernährung der anderen drehen, mit kleinen Änderungen beginnen, die nicht groß auffallen. Weniger Butter in die Sauce, Hähnchenfleisch statt Currywurst. Allerdings zeigen Untersuchungen, dass die Hauptmahlzeiten gar nicht so sehr ins Gewicht fallen. Der Schweinebraten ist besser als sein Ruf. Der durchschnittliche Übergewichtige zieht sich seine Kalorien nicht bei den Hauptmahlzeiten rein, sondern zwischendurch, mit fetten Snacks und süßen Getränken. Legen Sie deshalb nicht Schokolade, Chips und Studentenfutter in den Küchenschrank, sondern sorgen Sie dafür, dass als Snack ein hartgekochtes Ei oder ein Vanillequark vorhanden sind.

Was tun bei ganz besonderen Ritualen?

Man kann sie verändern, doch je weniger sie von der alten Variante abweichen, desto besser. Es ist in einer Familie Tradition, nach dem Großeinkauf bei der Pommesbude vorbeizufahren? Gut, Pommes darf es weiterhin geben. Aber nicht die frittierten von der Bude, sondern die deutlich kalorienärmeren aus dem eigenen Backofen. Wer sonntags nicht auf Kaffee und Kuchen verzichten kann, lässt das Mittagessen ausfallen. Damit bleibt die Kalorienbilanz insgesamt im Rahmen. Welche solcher "Tauschgeschäfte" am besten geeignet sind, muss jede Familie selbst herausfinden. Es ist auch nicht sinnvoll, einzelne Lebensmittel zu verteufeln. Pralinen, Torte und Käsesauce darf es weiterhin geben - in Maßen. Wer abnehmen möchte, sollte sich bei solchen Anlässen fragen: Habe ich jetzt wirklich Hunger, oder esse ich das nur, weil alle es essen? Die Atmosphäre am Kaffeetisch ist bei einem kleinen Stück Kuchen genauso schön.

Manchmal ist es notwendig, dass Mann oder Kinder mit abnehmen, weil sie selbst zu dick sind. Was können Frauen dann tun?

Männer müssen selbst abnehmen wollen, die lassen sich nicht zwingen. Bei Jugendlichen wird es ebenfalls schwierig. Ein großes Problem sind süße Getränke. Die Prägung auf Cola, Limonaden und Säfte ist sehr stark. Wer bis zur Einschulung nicht gelernt hat, Wasser zu mögen, den wird man kaum umstellen. Bei kleinen Kindern ist es viel leichter, Prägungen zu verändern. Kleine Esser finden alles toll, was die Fantasie anregt: Nudeln in Bärchenform, Gemüse-Gesichter und so weiter. Kinder sollten beim Einkaufen und Zubereiten mithelfen dürfen, dann interessieren sie sich für das Essen. Ältere Kinder sollte man direkt fragen: Was schmeckt dir, was nicht? Es finden sich immer Lebensmittel mit geringer Energiedichte (Kilokalorien pro Gramm), die Kinder mögen. Der absolute Gemüseverweigerer ist selten.

Gibt es Diäten, die besonders familientauglich sind?

Nein. Man kann nur sagen: Alle radikalen Verbote sind untauglich. Der Mensch liebt seinen Trott. Je weniger er davon abweichen muss, desto nachhaltiger ist der Erfolg. Nehmen Sie darum Rücksicht auf die eigenen Vorlieben und die der anderen. Behalten Sie Essgewohnheiten so weit wie möglich bei. Dann muss keine Familie wegen des Essens Krieg führen.

Interview: Helen Bömelburg / print