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Diät: Kinder, Kilos, Kompromisse

Mütter haben es besonders schwer abzunehmen. Sie müssen nicht nur ihre Ernährung umstellen, sondern oft auch Widerstände von Partner und Kindern überwinden. Denn das Projekt "schlanke Mama" kann in Familien mehr durcheinanderbringen als nur die Essgewohnheiten.

Von Heike Dierbach

Renate Fuchs ist mit gehaltvollen Mahlzeiten groß geworden: "Ich komme aus einer Familie, in der reichlich und fett aufgetischt wurde." Als sie selbst Kinder bekam und Hausfrau wurde, blieb sie den alten Gewohnheiten treu: Sie bereitete Pizza und Königsberger Klopse zu, und wenn die Kleinen danach riefen, gab es Chips zum Fernsehen. "Ich wollte, dass es uns an nichts mangelt", sagt die 40-Jährige aus Lübeck. Nicht an Essen, nicht an Liebe - was für sie oft dasselbe war.

Weiser Entschluss

Renate Fuchs wurde dick und dicker. "Ich habe einfach nicht darauf geachtet, was und wie viel ich esse", erzählt sie. Irgendwann war sie bei 97 Kilo angelangt. Hatte Gelenkschmerzen, Bluthochdruck, Migräneattacken. Sie litt und aß weiter - bis eine Freundin, die 17 Kilo abgenommen hatte, ihr eine Tüte voll Kleidung vermachte: "Da möchte ich nie wieder reinpassen." Es reichte Renate Fuchs. Sie entdeckte in der Zeitung einen Gutschein für eine Probestunde bei den Weight Watchers und vereinbarte einen Termin. An einem Januarabend vor vier Jahren, die Kinder lagen schon im Bett, sagte sie ihrem Mann: "Jetzt ändert sich was. Ich nehme ab."

Frauen wie Renate Fuchs sind besonderen Versuchungen ausgesetzt. "Wer sich um das Essen der Familie kümmert, beschäftigt sich in Gedanken viel mit Lebensmitteln und hantiert ja auch dauernd damit", sagt Volker Schusdziarra, Ernährungsexperte am Münchner Klinikum rechts der Isar. Und das Zubereiten von Fritten, Frikadellen und Puddings bedeutet meist mehr als Nährstofflieferung. Leckeres Essen macht die Familie zufrieden, und das wiederum belohnt Köchin oder Koch. Gemeinsames Sattwerden ist ein Ritual, knüpft ein Band zwischen Partnern, zwischen Eltern und Kindern. "Viele Mütter machen den Fehler, einmal mit den Kleinen Abendbrot zu essen und später noch mal mit dem Mann - damit keiner allein essen muss", sagt Schusdziarra.

Schließlich sitzen viele Frauen in der Supermama-Falle. "Mütter tendieren dazu, nur an andere zu denken und ihre eigenen Bedürfnisse zu verleugnen", sagt die Pädagogin Martina Nohl, die ein Abnehmbuch für Mütter geschrieben hat. "Die Seele rächt sich mit Heißhungerattacken", so Nohl. Ein Effekt, der umso stärker zu sein scheint, je freudloser die Beziehung zum Partner ist. In einer US-Studie mit 25.000 Frauen nahmen glücklich Verheiratete in den ersten zehn Jahren nach der Hochzeit durchschnittlich 18,5 Kilogramm zu - Unglückliche hingegen 27 Kilogramm.

Gegen Gewohnheiten ankämpfen

Auch Petra Hackner, 38, hat ihren eigenen Wünschen lange Zeit kein Gewicht gegeben. "In unserem Kalender standen alle Termine der Familie - nur meine nicht", sagt die Hausfrau aus dem bayerischen Stammham. Denn die zählten im Zweifel nicht. Stattdessen spielten die gemeinsamen Mahlzeiten eine große Rolle. Petra Hackner, keine leidenschaftliche Köchin, zauberte schwere bayerische Spezialitäten: Weißwurst, Haxen und Semmelknödel, wie ihr Mann es liebte. Sie selbst ging aus der Form: Innerhalb von 18 Jahren verdoppelte sie ihr Gewicht auf 121 Kilo.

Entschließt sich die Haushaltschefin schließlich zum Abnehmen, hat sie es schwerer als kinderlose Singles. Denn sie muss das Bollwerk aus Vorlieben und Gewohnheiten einrennen, das ihre Lieben jahrelang errichtet haben. "Wenn die Mutter ein neues Ernährungsprogramm ein führt, gerät das Familiengefüge durcheinander", sagt der Ernährungsmediziner und Psychotherapeut Thomas Huber, der die Klinik am Korso in Bad Oeynhausen leitet. Alle müssen sich umstellen. Als Petra Hackner montags "Mama Fitnessstudio" in den Familienkalender eintrug, machten Mann und Kinder große Augen. Plötzlich war nur Papa zum Ins-Bett-Bringen da.

Auch Renate Fuchs zwang ihre Familie mit sanftem Druck zum Umdenken. Schnell hörte sie auf, doppelt zu kochen. "Warum sollen die anderen meine schlanken Gerichte nicht mitessen?", sagt sie. "Klar war das ein bisschen egoistisch. Aber sonst hätte es bei mir nicht funktioniert."

Als Sven Fuchs seine spätere Frau Renate kennenlernte, wog sie 70 Kilogramm. Nicht dünn, nicht dick. "Das Gewicht hat sowieso keine große Rolle gespielt", sagt Fuchs, "sie hätte auch noch zehn Kilo mehr wiegen können." Es war Renates vernünftige Art, die den EDV-Fachmann ins Herz traf. "Renate war anders als viele Mädchen damals. Mit ihr konnte ich reden, lange Spaziergänge machen." Die beiden heirateten, bekamen die Kinder Birte und Torben. Mit den Jahren wurden aus 70 Kilogramm Ehefrau fast 100. "Es klingt komisch, aber ich habe das gar nicht mitbekommen", sagt Fuchs, "Liebe macht eben blind." Zumal sonst alles stimmte für die Fuchsens. Sie bezogen ein hübsches Reihenhaus mit Garten nahe der Lübecker Innenstadt, Renate kümmerte sich zu Hause um die Kinder. "Von mir aus hätte sie nicht abnehmen müssen", sagt Sven Fuchs, "aber da es ihr wichtig war, habe ich sie unterstützt."

"Viele Partner werden misstrauisch"

Auch Petra Hackners Mann Andreas, 41, sagt, dass er seine Frau liebt, egal in welcher Verpackung. Der Kraftfahrer war nicht begeistert, als sie ihm im vergangenen April nach mehreren gescheiterten Diäten erzählte, dass sie sich bei einem Abnehmforum angemeldet habe und künftig Fett drastisch reduzieren werde. "Meinetwegen hätte sie so bleiben können, hübsch, wie sie war." Zwar freute er sich schließlich mit, als die ersten Kilos schmolzen. Aber es machte sich auch ein beunruhigender Gedanke in seinem Kopf breit: Ist eine schlanke Frau nicht auch für andere Männer attraktiv? "Natürlich weiß ich, dass Petra mir treu ist", sagt er. Und gibt doch zu, dass eine leise Angst blieb.

Mit der Furcht, von seiner dünneren Frau verlassen zu werden, ist Andreas Hackner nicht allein. "Viele Partner werden richtig misstrauisch, wenn die Frau abnehmen will", sagt Christoph Klotter, Professor für Ernährungspsychologie an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Fulda. "Eine dicke Partnerin hat man sicher, denken viele. Eine Schlanke muss man halten." Der Ernährungspsychologe weiß von Ehemännern, die das fette Lieblingsgericht ihrer Gattin kochen, um sie in gewohnter Form zu halten. Oder drohen: Wenn du abnimmst, kannst du die Koffer packen!

Dahinter steckt auch die Sorge der Männer, ihre Frau könnte noch mehr verändern als nur das Gewicht. Könnte etwa die sozialen Rituale kaputt machen: die Sommerabende am Grill, die sonntägliche Versammlung um die Riesen-Pizza, die Tortenschlacht zu Omas Geburtstag. Was, wenn das alles plötzlich fehlt, weil die Hausherrin neuerdings auf Low-Fat besteht? "Das System Familie ist grundsätzlich konservativ", sagt Psychologe Klotter. Die Kunst jeder Abnehmwilligen besteht darin, Veränderungen allen Beteiligten schmackhaft zu machen. Das fällt Männern offenbar leichter: Wenn umgekehrt sie es sind, die abnehmen wollen, werden sie von ihren meist gesundheitsbewussteren Partnerinnen unterstützt. "Frauen passen sich den Wünschen ihrer Männer schneller an, wälzen Kochbücher und gehen sparsamer mit Butter und Zucker um", berichtet Ernährungswissenschaftler Schusdziarra.

Torben Fuchs, 7, isst am liebsten Pizza "mit nur Salami". Höchst unwillkommen sind ihm hingegen Pilze, Tomaten, Paprika, Mandarinen und Birnen: Gemüse und Obst. "Früher gab es das nicht so oft. Das fand ich gut", sagt der Grundschüler. Die neuen Rezepte seiner Mutter haben Torbens Geschmackssinn arg irritiert. Die Umstellung gelang nur langsam. "Mag ich nicht! Ess ich nicht!", waren anfangs seine häufigsten Sätze bei Tisch. Renate Fuchs blieb konsequent. Manchmal dauerte es anderthalb Stunden, bis ihr Sohn fertig gegessen hatte. Sie ist erfinderisch geworden, stampft heute Kartoffeln und Kohlrabi und serviert die Mischung als Püree. Besticht ihren Sohn mit Roter Bete, die er gern mag. Auch Lübecker Marzipan darf Torben weiterhin naschen.

Ernährungsexperten empfehlen Müttern, ihre Familie nicht zu sehr zu strapazieren und sich erst einmal auf den eigenen Speiseplan zu konzentrieren. Wenn sie von unterwegs Burger und Pommes mitbringen, können sie für sich selbst stattdessen ein Hähnchen kaufen. Knabbert die Familie abends Erdnüsse, weichen sie auf Salzstangen aus. "Wer abnimmt, sollte die Vorlieben der anderen nicht verurteilen", sagt Psychologe Klotter. "Gelten Süßigkeiten als schlecht, ist auch der schlecht, der sie isst. Das schafft Konflikte."

Die Familie einbeziehen

Wer wie Renate Fuchs auch Mann und Kinder zu gesunder Kost bekehren will, sollte behutsam vorgehen: "Versuchen Sie nicht, alle Essensgewohnheiten und Traditionen der Familie auf einmal umzukrempeln", rät Schusdziarra, "sondern finden Sie heraus, wie man sie kalorienärmer gestalten kann." Das gelingt mit Einfallsreichtum. Jüngere Kinder etwa lassen sich begeistern, wenn man sie beim Einkaufen und Kochen mitmachen lässt. Seit Torben seinen Rosenkohl höchstpersönlich putzt, will er ihn auch essen. Seine große Schwester Birte, 10, würde zwar gern häufiger zu McDonald's gehen. "Aber nur, weil ich das Spielzeug haben will."

Die beiden Hackner-Kinder in Bayern haben die neuen Gerichte schnell akzeptiert. "Manchmal fehlen mir Bratkartoffeln", sagt Tochter Jacqueline, 12, "aber die haben ganz viele Fettpunkte. Kartoffelauflauf mit Brokkoli schmeckt auch." Sohn Michael, 18, musste ganz andere Zugeständnisse machen. Früher war der Familiencomputer sein Reich. "Aber dann kam ständig meine Mutter und wollte im Abnehmforum chatten. Das hat mich total genervt", erzählt er. Nachdem es ein paarmal gekracht hatte, legten Vater und Sohn zusammen und schenkten der Mutter zu Weihnachten einen eigenen Laptop.

Die meisten Abnehmkonzepte beziehen die Angehörigen nicht ein. Dabei entscheide die Unterstützung der Familie über Erfolg und Misserfolg, sagt Psychologe Klotter. Der Mediziner Schusdziarra bittet die Ehepartner zum Gespräch, wenn der Patient von Widerstand und Meuterei berichtet. "Da kann es schon helfen, die Familie über kalorienarme Ernährung zu informieren. Die glaubt oft nicht, dass solches Essen gut schmeckt und satt macht."

Aktiverer Alltag

Für Sven Fuchs ist das Leben mit einer verschlankten Gattin anstrengender geworden, aber auch interessanter. "Renate ist jetzt viel aktiver. Für mich heißt das: mitmachen. Mir bleibt keine Wahl", sagt er. Konnte er den Samstagnachmittag früher auf dem Sofa vertrödeln, begleitet er seine Frau nun auf den Markt. Im Urlaub plant sie ganztägige Wanderungen, abends ist sie nun häufiger unterwegs. Dann ist Sven Fuchs für die Kinder verantwortlich. "Klar nervt es, wenn ich zum dritten Mal die Treppe hoch muss, weil sie immer noch keine Ruhe geben", erzählt er. "Andererseits fallen so mehr Kuscheleinheiten für mich ab."

Die strikte Rollenverteilung von früher hat das Ehepaar Fuchs aufgegeben. Aus Sicht von Psychologen eine günstige Situation, auch zum Schlankbleiben. "Wenn die Rollen flexibel sind, also mal der eine und mal der andere eine Aufgabe übernimmt, entwickeln beide Partner neue Kompetenzen. Sie haben ein breiteres Repertoire an Fähigkeiten, für die sie Anerkennung bekommen", sagt Psychotherapeut Huber. Doch auch der kooperativste Mann hat seine Grenzen. "Meine Frau redet neuerdings davon, dass sie, wenn sie noch weiter abgenommen hat, einen Tanzkurs mit mir machen will", erzählt Andreas Hackner. "Ich arbeite zehn Stunden am Tag, am Wochenende stehe ich als Schiedsrichter auf dem Fußballplatz. Tanzkurs? Ohne mich!"

Im gleichen Maß, wie Renate Fuchs Gewicht verlor, nahm ihr Selbstbewusstsein zu. Die gelernte Bürokauffrau belegte Computerkurse und schrieb Bewerbungen. "Als Dicke habe ich mich das nicht getraut. Ich wollte nicht in eine Situation kommen, in der mich andere angucken." Sie fand einen Teilzeitjob. Für Mann und Kinder hieß das: Mama ist nicht mehr ständig verfügbar. An den zwei freien Vormittagen in der Woche ging sie walken. "Diese Zeit ist nur für mich." Bei den Elternabenden in der Schule setzte sich Renate Fuchs in die erste Reihe und stellte Fragen. "Vorher wäre mir das peinlich gewesen."

Neue Identität

Im August 2006 war Renate Fuchs am Ziel: 28,5 Kilo hatte sie abgenommen. Inzwischen fiel es jedem auf, sie bekam Komplimente. "Aber innerlich hatte ich noch keine neue Form gefunden", sagt sie. Der schlanke Körper war ihr fremd, so fremd, dass sie Nähe und Zärtlichkeit mit ihrem Mann schwer ertragen konnte. Das Phänomen beobachtet Christoph Klotter nicht selten bei Frauen, die viel abgenommen haben: "Manche ziehen sich drei Pullover übereinander an, damit sie noch ihre alte Figur haben." Dicksein gehört zur Identität, die verschwundenen Kilos hinterlassen oft eine Lücke und tiefe Verunsicherung. Unterstützung erhielt Renate Fuchs von ihrer Frauenärztin. "Sie lobte meine neue Form und ermunterte mich, meinem schlanken Körper zu vertrauen", erzählt Fuchs. "Also gab ich mir einen Ruck und überwand die Berührungsängste - meinem Mann zuliebe." Seitdem läuft es gut mit der Liebe und auch mit ihrem Gewicht, das sie seit mehr als zwei Jahren hält.

Bei Petra Hackner ist das Abnehmen noch in vollem Gange. Sie wiegt heute 95 Kilo, 15 sollen noch weg. Auch die Bayerin macht plötzlich Dinge, die sie früher nicht gewagt hätte. "Ich frage im Restaurant, was genau in der Salatsauce drin ist. Wenn es eine fertige ist, lasse ich mir die Flasche zeigen." Ihrem Mann ist das peinlich, doch sie bleibt standhaft. Und wird immer entspannter. Wenn Tochter Jacqueline eine schlechte Note nach Hause bringt, macht sie sich keine Vorwürfe mehr. "Als ich mit dem Abnehmen anfing, dachte ich manchmal: Sollte ich vielleicht doch öfter zu Hause sein? Nicht zum Sport, nicht in die Sauna gehen?" Diesen Ballast permanenter Zuständigkeit hat sie abgeworfen, gemeinsam mit den lästigen Kilos.

Mitarbeit: Helen Bömelburg, Kathrin Wanke / print