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Augenzeuge aus dem Erdbeben-Gebiet: "Alle paar Stunden bebt die Erde, die Menschen haben Angst"

Sie haben das Erdbeben überlebt - doch ihr Kampf beginnt erst jetzt: Viele Menschen am Himalaya sind obdachlos, haben kaum etwas zu essen - und leben in Angst vor Nachbeben. Ein Augenzeugenbericht.

Sunil Adhikari auf einer seiner Bergtouren: "Freunde sind durch das Erdbeben gestorben oder verletzt worden"

Sunil Adhikari auf einer seiner Bergtouren: "Freunde sind durch das Erdbeben gestorben oder verletzt worden"

Sunil Adhikari dachte zunächst an eine Bombe. Da war dieser Knall, ohrenbetäubend laut. Dann schwankte die Erde, sie bebte und grollte. Adhikari sah Häuser in sich zusammenbrechen, hörte Menschen vor Schreck schreien. Das Nächste, an das sich der Bergführer erinnern kann, waren die Menschen, die ihm auf der Straße entgegen kamen. Und ihre Gesichter. "Sie waren starr vor Angst", sagt der 23-Jährige.

Es dauerte einige Minuten, bis Adhikari realisierte, was passiert war: Ein gewaltiges Erdbeben hatte am Samstag die Himalaya-Region erschüttert, das Beben erreichte die Stärke 7,8 auf der Richterskala. Als die Erde wankte, stand Adhikari im Freien auf der Straße. Das war sein Glück, er blieb unverletzt. Doch drei seiner Nachbarn starben in den Trümmern ihrer Häuser. In seiner Wohngegend, die am Rand der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu liegt, sind wohl über 200 Menschen dem Beben zum Opfer gefallen - vorsichtig geschätzt. "Die Zahl der Toten steigt stündlich", berichtet der junge Mann am Telefon. Die Verbindung ist schlecht und bricht immer wieder ab.

Sunil Adhikari ist "Tour-Guide", für gewöhnlich führt er Touristen über die unwegsamen Bergpfade des Himalayas und durch die Annapurna-Region. Der Weg führt vorbei an steilen Felswänden, die Pfade sind schmal und unwegsam. Adhikari kennt die Gegend wie kein zweiter - und er kennt auch die Gefahren, die es in dieser Gegend gibt, gut. Er ist stets auf der Hut vor Felsstürzen und Schneefall.

Dass die Gefahr auch tief im Erdreich schlummern kann, wissen viele Nepalesen. Denn in dieser Region reiben zwei Erdplatten aneinander - die indische und die eurasische. Das sorgt für enormen Druck, der sich explosionsartig entladen kann und die Erde von einem Moment zum nächsten schwanken lässt. Das Beben am Samstag war eine Katastrophe mit Ansage: In dem Gebiet hatte es seit Jahrzehnten keine starken Erdbeben gegeben - entsprechend groß war der Druck, der sich mit der Zeit aufgebaut hatte. Doch die Stille war trügerisch.

Notdürftige Unterkunft: Aus Angst vor Nachbeben nächtigen Menschen in einem Randbezirk von Kathmandu im Freien

Notdürftige Unterkunft: Aus Angst vor Nachbeben nächtigen Menschen in einem Randbezirk von Kathmandu im Freien

Sunil Adhikari und die Menschen in Nepal traf die Katastrophe völlig unvorbereitet. Sie sind misstrauisch geworden. Sie trauen dem Boden unter ihren Füßen nicht mehr. Er will sich auch Tage nach dem Beben nicht beruhigen, alle paar Stunden wankt das Erdreich. Die Nachbeben kommen in Wellen - das macht mürbe. "Hier vibriert alles, die Menschen haben Angst", sagt Adhikari. "Wir sitzen in Gruppen zusammen und beten dafür, dass die Nachbeben endlich aufhören mögen."

Verlassene Gebäude locken Plünderer an

Der 23-Jährige will sich und seine Familie in Sicherheit wissen. Deshalb nächtigen sie in Zelten im Freien, möglichst weit von Gebäuden entfernt. Adhikaris Haus steht zwar noch, doch die Risse, die sich in den Mauern gebildet haben, beunruhigen ihn. Wer weiß, wie lange die Steine den ständigen Erschütterungen noch standhalten können? "Die Gebäude in der Umgebung sind fast alle vom Einsturz bedroht, niemand traut sich mehr, in sein Haus zu gehen." Auch die Straßen seien schwer beschädigt - "überall tun sich Risse auf, überall sind Löcher."

Allmählich werden die Lebensmittel knapp. "Die Vorräte ganzer Familien liegen unter Trümmerhaufen", sagt der 23-Jährige. Die Menschen bilden deshalb Gruppen, teilen Lebensmittel miteinander - und geben sich gegenseitig Schutz. Adhikari hat bereits von Plünderungen gehört. Die verlassenen, menschenleeren Häuser wecken Begehrlichkeiten.

Nur noch Schutt und Asche: Alte nepalesische Häuser sind meist aus Steinen und Lehm gebaut. Sie konnten dem Erdbeben vielerorts nicht standhalten, wie hier in Kathmandu

Nur noch Schutt und Asche: Alte nepalesische Häuser sind meist aus Steinen und Lehm gebaut. Sie konnten dem Erdbeben vielerorts nicht standhalten, wie hier in Kathmandu

Zwar würde die internationale Hilfe langsam anlaufen, Medikamente und Essen verteilt werden, sagt Adhikari. Doch in entlegene Bergregionen sei bislang noch niemand vorgedrungen, dort seien die Menschen noch immer auf sich allein gestellt. Sunil Adhikari will sich deshalb selbst auf den Weg machen. In den letzten Tagen hat er ein paar Decken und Zelte gesammelt. Er will in sein Heimatdorf Patlekhet im Westen des Landes fahren, dort, wo seine Eltern leben. Sie haben überlebt. Doch die Fahrt könnte beschwerlich werden. "Die Straße liegt unter Geröll und Erde."

Ilona Kriesl