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Seismologe zu Erdbeben in Nepal: "Es kann Jahre dauern, bis sich die Erde beruhigt"

Das Beben in Nepal war erwartbar, sagt Geophysiker Torsten Dahm. Im Interview erklärt er, warum die Region so erdbebengefährdet ist und wie lange mit Nachbeben gerechnet werden muss.

Ein Interview von Lea Wolz

Kathmandu ist nach dem Erdbeben verwüstet. Allein in Nepal kamen nach Angaben vom Montag etwa 3900 Menschen ums Leben, Tausende wurden verletzt.

Kathmandu ist nach dem Erdbeben verwüstet. Allein in Nepal kamen nach Angaben vom Montag etwa 3900 Menschen ums Leben, Tausende wurden verletzt.

Herr Professor Dahm, warum ist Nepal so erdbebengefährdet?

Das liegt daran, dass dort eine Plattengrenze verläuft: Indien bewegt sich mit etwa vier Zentimetern pro Jahr auf die eurasische Platte zu. In dieser Kollisionszone taucht die indische Platte unter der eurasischen ab. Allerdings funktioniert das nicht ganz so einfach: Die indische Platte ist nicht schwer genug und kann daher nicht einfach unter der eurasischen Platte verschwinden.

Was bedeutet das?

Die beiden Platten prallen zu einem großen Teil aufeinander, Krusten überschieben sich, Gesteinsschichten türmen sich auf. So ist über Jahrmillionen hinweg der Himalaya entstanden. Und es bauen sich an vielen Orten über Jahre und Jahrhunderte hinweg gewaltige Spannungen auf, die sich irgendwann ruckartig entladen. Dann kommt es zu einem starken Erdbeben.

Wie ist das aktuelle Beben, dessen Epizentrum etwa 80 Kilometer nordwestlich von Kathmandu lag, einzuordnen?

Es ist ganz eindeutig ein schweres Beben. In dem Bereich, in dem am Samstag die Erde erschüttert wurde, hat es lange keine Beben mehr gegeben. Geologen sprechen hier von einer seismischen Lücke. Da es in der Region lange ruhig war, haben sich die Spannungen im Untergrund wohl über mehr als 50 Jahre hinweg aufgebaut. Entsprechend groß waren sie.

War ein solches Beben in dieser Region erwartbar?

Ja, durchaus. Zum einen gab es an dieser Plattengrenze bereits in der Vergangenheit immer wieder ähnlich schwere Beben. Das Erdbeben vom 15. Januar 1934 in Bihar bei Nepal etwa war mit 8,1 Magnitude eines der schlimmsten Erdbeben in der Geschichte von Nepal und Indien. Am westlichen Ende dieser Plattengrenze kam es 1905 zum sogenannten Khangra-Beben, das mit einer Stärke von 7,5 ebenfalls verheerend war, sowie 1950 zum Assam-Beben im Osten. Die Erde bebt in dieser Region also immer wieder. Da es in der Region um Kathmandu lange ruhig war, haben Experten zudem schon lange gewarnt, dass Nepals Hauptstadt ein verheerendes Beben drohe. Es gab Untersuchungen, die zeigten, dass sich dort gefährlich große Spannungen aufgebaut haben.

Warum hat das Beben am Samstag so schwere Schäden angerichtet?

Zum einen liegt der Bereich, in dem ein Teil der Platten abgebrochen ist und sich die Spannungen entladen haben, relativ flach. Unseren aktuellen Berechnungen zufolge befindet sich diese sogenannte Bruchfläche 18 Kilometer unter der Erde. Für ein Beben dieser Größenordnung ist das nicht sehr tief. Je flacher das Beben ist, desto stärker wird der Boden erschüttert.

Zudem hat sich der Bruch offenbar von Westen in Richtung Osten ausgebreitet - und sich damit auf Kathmandu zubewegt. Ähnlich wie bei einem Krankenwagen, dessen Sirenenton sich verändert, wenn er auf einen zufährt, verändern sich auch die Stoßwellen, wenn sie sich fortbewegen. In Kathmandu dürften sie daher deutlich stärker angekommen sein - mit verheerenden Folgen. Die Menschen dort leben in sehr hoch gelegenen Regionen, das ist extrem gefährlich. Kommt es zu Erdrutschen, haben sie in den Tälern, in denen sie sich dicht gedrängt angesiedelt haben, wenig Ausweichmöglichkeiten. Die Bausubstanz ist zudem meist schlecht, sie hält den Erschütterungen nicht stand.

Kann es zeitnah noch einmal zu einem ähnlich schweren Beben kommen?

Das ist nicht auszuschließen. In wenigen Fällen weltweit trat im Anschluss sogar ein noch stärkeres Beben im Anschluss auf. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass die Nachbeben lange anhalten, mit der Zeit aber an Intensität verlieren. Bisher sieht es so aus, dass in Nepal genau das gerade passiert.

Kann man in etwa sagen, wie lange mit Nachbeben gerechnet werden muss und wie schwer diese werden können?

Wie lange die Nachbeben andauern, lässt sich nicht genau sagen. Generell muss nun aber mit vielen dieser Beben gerechnet werden: Die Situation an den Plattengrenzen bleibt angespannt, die Gefahr für Nachbeben ist jetzt besonders groß. Es kann Monate bis Jahre dauern, bis sich die Erde wieder komplett beruhigt. Jahre später sind die Beben allerdings nur noch für Seismologen nachweisbar, die Bevölkerung vor Ort merkt sie in der Regel nicht mehr. Kurze Zeit nach der großen Erschütterung können diese Nachbeben, die bevorzugt in den Randbereichen der Bruchzone auftreten, allerdings noch sehr stark sein und weitere schwere Schäden anrichten. Ein Gebäude, das dem Hauptbeben noch standgehalten hat, kann dann doch noch einstürzen.

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