Erfahrungsbericht "Ich will NIE, NIE, NIE wieder so fett sein"

40 Tage Fasten ist der härteste Einstieg. Unser Autor brauchte das als Anstoß, um sein Leben nachhaltig zu ändern. Der Lohn, ein Jahr danach: 22 Kilo weniger

Von Peter-Hannes Lehmann

Ich lebe mit einem Albtraum - einer Zwangsjacke aus Wasser und Fett. Sie besteht aus 90 Paketen Butter, schön aneinander genäht: vorn 35 Packen, hinten 35 und je zehn links und rechts. Ich kann ihr einfach nicht entkommen. Kaum springe ich aus dem Bett, hat mich eine unsichtbare Kraft schon in dieses Fettkorsett hineingepresst. Wo immer ich hingehe, was immer ich tue - das 45 Pfund schwere Wams klebt an mir, zieht mich nieder, bis ich am Abend keuchend, schwitzend und müde ins Bett falle.

Ich liebe diesen Albtraum - denn das Fettkorsett ist heute nur noch Fiktion, eine böse Erinnerung an die Zeit, als ich fett wie eine Wachtel war und jeden Tag diese 45 Pfund Übergewicht mit mir herumschleppte. Ich liebe diesen Alb-traum, weil er mich jeden Tag aufs Neue mahnt, dass ich NIE, NIE, NIE wieder so fett sein möchte wie noch vor einem Jahr.

Damals wog ich 107,5 Kilogramm. Bei einer Körperlänge von 1 Meter 84 ergab das einen Body-Mass-Index (BMI) von 31,8. Erstrebenswert sind Werte um 25. Die Ärzte umschrieben meinen ungesunden Überhang mit dem vornehmen lateinischen Begriff "Adipositas". Der Volks-mund nennt es hässlich "Fettsucht".

Als der Pastor unserer Gemeinde sechs Wochen vor Ostern zum jährlichen Fasten aufrief, nahm ich mit gut 70 anderen die Herausforderung an. Wir fuhren in ein Freizeitheim - raus aus der gewohnten Umgebung. Sechs Tage beteten und fasteten wir gemeinsam, betäubten mit Sturzbächen von Mineralwasser und Kräutertee den knurrenden Magen, sangen und tanzten uns müde. Das Ergebnis war ermutigend: Minus sechs Kilo meldete die Waage. Nur der Blick in den Spiegel deprimierte: Ich sah immer noch aus wie ein Pfannkuchen mit Schlips.

Also hungerte ich weiter - allein, zu Hause - und fühlte mich, beschwingt von sinkenden Waage-Zahlen und steigen-dem Endorphin-Pegel, mit Mineralwasser, Vitamintabletten und einem halben Liter Molke täglich bald so wohl, dass ich auch nach 40 Tagen mit dem Fasten gar nicht aufhören wollte. Ich wog nur noch 90,4 Kilo und wollte diesen wunderbaren Verlust (17,1 Kilo) nicht gefährden. Mein Arzt riet zur Vernunft: Ich solle jetzt abfasten und mich, mit gebremstem Appetit, wieder an feste Kost gewöhnen. Ich sträubte mich. Jo-Jo, das Diät-Gespenst, saß mir im Nacken: Zu oft hatte ich erlebt, dass ich nach wochenlanger Fastenkur mit üblem Mehrgewicht bestraft wurde, wenn ich anschließend wieder normal aß und trank.

Der Fehler sei, sagte mir mein Arzt, dass das, was die meisten für normal halten, nicht normal ist. Ein Mann wie ich (62 Jahre, sitzende Tätigkeit, kein Sport) verbrauche an einem Tag rund 2200 Kalorien. Und er rechnete mir vor, dass mein "Normal"-Verbrauch (Frühstück, Abendbrot, 1x "warm" und 1 Flasche Rotwein) mir ganz schnell weit über 3000 Kalorien bescherte. Kein Wunder, wenn ich dann rasant wieder zunähme! (Und von Bier und Schnaps, Pralinen und Schlagsahne hatten wir noch gar nicht geredet?!)

Kurzum: Wenn ich mein neu gewonnenes Gewicht halten wollte, dann müsste ich meinen Tagesverbrauch auf 1500 bis 1800 Kalorien beschränken. Und wenn ich wirklich weiter abnehmen wollte - ich hatte mir 84 kg zum Ziel gesetzt (mein BMI-Ideal) -, ja, dann müsste ich für die nächste Zeit mit 800, 900 Kalorien auskommen. Das entsprach zehn Brötchen oder elf mittelgroßen Äpfeln. Pro Tag. Tolle Aussichten.

Ich besorgte mir Ulrich Klevers "Kompass Kalorien & Fette" (6,50 Euro), entstaubte die Briefwaage und wog mir das erste Frühstück ab: zwei Scheiben Schwarzbrot. Dazu ein gekochtes Ei, zwei Äpfel, keine Butter, kein Salz. 440 Kalo-rien - die halbe Tagesration! Okay, ich kannte ja mittlerweile die Tricks: Nicht schlingen, l-a-n-g-s-a-m kauen und immer viel Mineralwasser und Tee dazwischenschütten, weil die keine Kalorien haben und den Magen füllen. Trotzdem wuchs mit jedem Bissen das Verlangen nach mehr. Es war halt doch einfacher, gar nichts zu essen, als sich an ein bisschen zu gewöhnen und damit auszukommen! Es dauerte Tage, bis sich mein Essver-halten eingependelt hatte, und noch viele weitere Wochen, bis ich einen Rhythmus gefunden hatte, bei dem ich mein neues Gewicht halten konnte, ohne sklavisch am Kalorienzähler zu kleben.

Als Erstes schaffte ich mir eine neue Freundin an: "Korona", eine unbestechliche elektronische Waage, die auf 100 Gramm genau anzeigt. Penibel trug ich jeden Morgen nach dem Duschen mein Ge-wicht in ein Tagebuch ein - was mich zu ungeahnter Selbstdisziplin beflügelte. Allein die Furcht, "Korona" könnte mich am nächsten Morgen mit erhöhtem Aus-schlag bestrafen, hielt mich immer wie-der davon ab, aufsteigenden Appetit-Attacken nachzugeben. Stattdessen biss ich in einen Apfel - muss ja nicht immer ein saurer sein, gibt ja auch die kernig-süß-säuerlichen Elstar. Beispielsweise.

"Korona" zeigte mir, dass ich auch bei 1200, ja sogar 1500 Kalorien täglich noch abnehmen konnte: mal 100, mal 200 Gramm. Vor allem, wenn ich Sesselsport-ler mich einmal etwas heftiger bewegte - eine Stunde schnell spazieren ging oder mit dem Fahrrad rund um die Alster fuhr. Und auch, dass ich an manchen Tagen, an denen sie mir plötzlich Übergewicht anzeigte, einfach nur Wasser gespeichert hatte, das der Körper bei salzarmer Kost in den nächsten Tagen wieder ausschied. SALZ - ein zweiter Albtraum! Der Todfreund jedes linientreuen Menschen. Ohne Salz wird das Genussleben uner-träglich schal, mit ihm, wenn unmäßig genossen, unerträglich. Und es scheint, als hätte unsere Lebensmittelindustrie in dieser Hinsicht bereits jedes Maß verloren. Empört legte ich das erste Salami-Brötchen, in das ich nach der Fastenzeit eines Tages gedankenlos biss, auf den Teller zurück: total versalzen. Fand meine Frau gar nicht. Aber die hatte ja auch nicht 40 Tage salzlos gelebt.

Ich begann Salz zu meiden. Schaffte mir, um die drögen Pellkartoffeln aufzupeppen, salzlose Gewürzmischungen an: Paprika, "Spicy Pepper" und "Garam Masala", eine "blumig-frische" Curry-Mischung aus Indien. Und kultivierte ab sofort meinen neuen Diät-Sport: Einkauf-Slalom. Machte einen großen Bogen um alle sichtbaren Fette (Butter, Frischkäse, selbst Halbwert-Margarine), um sichtbaren Zucker (Schokolade, Kuchen, Bonbons) und - Alkohol.

"Korona" dankte es mir mit Zahlen. Am 13. Juli, genau 125 Tage nach Fastenbeginn, hatte ich mein erstes Etappenziel erreicht: Die Waage zeigte 85,0 Kilo-gramm! Und es dauerte dann noch einmal weitere 40 Tage, bis ich mein Traumziel erreichte: 84 Kilogramm! Bis heute sah ich diese Zahl nur dreimal, aber das macht mich nicht mehr an. Mein Körpergewicht hat sich mittlerweile bei 85 bis 86 Kilo eingependelt. Damit fühle ich mich pudelwohl, und mein Arzt ist nach dem letzten Generalcheck auch rundum zufrieden: Die Blut-, Leber- und Cholesterinwerte sind "vorzüglich", das Belastungs-EKG top, und selbst das lästige Jucken, das mich jahrelang quälte - vom Hautarzt als "chronische Neurodermitis" diagnostiziert -, ist so gut wie verschwunden! Außerdem, so berichtet meine Frau, schnarche ich nicht mehr.

Das Brotabwiegen und Kalorienzählen habe ich schon vor Monaten aufgegeben. Ich richte mich nur nach meiner Waage. Solange "Korona" mich nicht anknurrt, esse ich nach Lust und Laune, und zwar so viel ich will. Andere freuen sich auf ihr Frühstücksbrötchen. Ich träume von "Vitalis", Dr. Oetkers Früchte-Müsli ohne Zuckerzusatz. Davon gönne ich mir jeden Morgen gut drei Hand voll, mische sie mit zwei Mini-Bechern Nestl? "LC1" - "abwehrstärkenden Joghurtkulturen" -, wobei mir die Vanilla-Pfirsich-Variante am besten gefällt, und schnetzle mir noch zwei, drei kleine Äpfel hinein. Dazu einen halben Liter Molke, mit Apfelmost oder Maracujasaft versetzt, geradezu köstlich. Meist bin ich dann so satt, dass ich bis zum Abend nichts mehr brauche. Und wenn mich doch mal der Hunger überfällt, dann beiße ich in einen Kanten Schwarzbrot - trocken! - und verputze einen Apfel oder zwei. Herrlich! Und abends gibt es dann eine Dose Tunfisch. Oder ein halbes Huhn. Oder mageren Käse, Gemüse und Obst.

Freunde, die mich nun für einen Sauertopf hielten, konnte ich schnell beruhigen. Ich feiere jedes Fest mit, esse alles - und zwar tüchtig. Und wenn die Waage mich nach diesen Völlereien am nächsten Morgen schräg ansieht - da stehen dann manchmal plötzlich 1,5 Kilo mehr auf der Skala! -, dann lege ich halt einen Fastentag ein. Oder zwei - so lange, bis "Korona" mich wieder freundlich anlächelt.

Denn eines will ich vermeiden: dass mein Fettkorsett aus dem Albtraum mich eines Tages wirklich wieder anfällt. Und damit ich das nie vergesse, hängt in meinem Schrank auch noch ein Anzug aus den bösen Tagen. Teurer Stoff, gut geschnitten. Kleidergröße 60. (Heute habe ich 52). Wenn ich mich richtig gruseln will, ziehe ich ihn einfach an. Und sehe aus wie Storch in Elefantenhaut. Nein danke, Fettwanst. NIE WIEDER!

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