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Esa-Chef Thomas Reiter: "Ich wünsche mir, dass ein Europäer auf dem Mond steht"

Thomas Reiter war selbst im All, nun ist er Astronauten-Chef der Esa. Im stern spricht er darüber, was Alexander Gerst von früheren Raumfahrern unterscheidet und wo er die Ziele im All sieht.

Da geht's hin: Thomas Reiter (l.), Esa-Direktor für bemannte Raumfahrt und Missionsbetrieb, und Alexander Gerst bei einer Pressekonferenz nach der Landung von "Astro_Alex".

Da geht's hin: Thomas Reiter (l.), Esa-Direktor für bemannte Raumfahrt und Missionsbetrieb, und Alexander Gerst bei einer Pressekonferenz nach der Landung von "Astro_Alex".

Herr Reiter, die Landung von "Rosetta" auf einem Kometen hat die ganze Welt fasziniert. Zumindest war das Interesse an diesem einen Tag des Aufsetzens riesig. Alexander Gerst glückte es, die Aufmerksamkeit über die gesamte Mission aufrechtzuerhalten - fast sechs Monate. Hat ein Mensch aus Fleisch und Blut eine stärkere Wirkung auf das Publikum als jede ausgefeilte Technik?
Die "Rosetta"-Mission war unglaublich erfolgreich. In absehbarer Zeit wir es allerdings kaum gelingen, mit einer bemannten Mission zu einem Kometen zu fliegen, die Entfernung zur Erde ist einfach zu groß. Aber ich bin überzeugt, dass das Publikum eine emotionalere Verbindung zu einer Mission hat, wenn Menschen vor Ort sind. Wenn Alexander Gerst zu einer Aufnahme aus dem Nahen Osten schreibt, dass dies sein traurigstes Bild sei, dann berührt das. Verbindungen aufzeigen, Emotionen weitergeben - das kann nur ein Mensch. Mit seinen Aufnahmen von der ISS hat Alexander uns alle mit nach oben genommen, auch uns Kollegen. Für mich war das genauso faszinierend. Als ich im All war, hatten wir noch nicht solche Kameras, um etwa eine Aurora aufzunehmen. Wir konnten solche Phänomene nur beschreiben. Jetzt sehe ich die Bilder und sage: Genauso ist es!

Ich fand seine Aussage zentral: "Ich habe das für die getan, die wie ich ein bisschen Kind geblieben sind."
Ja, das Kind steckt in uns allen drin! Manche Erwachsene haben sich das bewusst abtrainiert und tun dann bestürzt, wenn man neben der Wissenschaft auch Neugier und Emotionen zulässt. Aber das kindliche Staunen und der Drang zum Erkunden hat die Entwicklung der Menschheit immer bestimmt und wird es auch in Zukunft tun.

Mein Eindruck ist: Die ersten Astronautengenerationen wurden heroisch stilisiert, wahrscheinlich auch wegen des Kalten Krieges. Sie mussten sich eher kontrollieren, durften nicht emotional herüberkommen, sondern streng und steif. Stimmt das?
Ganz so würde ich es nicht sehen, sie kamen damals doch auch anders herüber.

Etwa wenn sie auf dem Mond Golf gespielt haben..
Ich hatte den Eindruck, dass damals die Tatsache, dass der Flug ins All ein enormer Aufwand war, durch ein emotionsloses, professionelles Auftreten begründet werden sollte. Um Gottes Willen keine Gefühlsausbrüche zeigen! Heute ist das doch ein bisschen anders. Allerdings wird das auch wieder kritisiert. Als Reaktion darauf, dass Astronauten einen Apfel schweben ließen, um den Alltag in der Schwerelosigkeit zu verdeutlichen, las ich zuletzt in einer Zeitung den Vorwurf: "Da spielen die Astronauten wieder mit dem Essen!"

Wenn Sie Ihre damaligen Erlebnisse mit dem vergleichen, was heute in der Raumfahrt geschieht und Ihre mit der heutigen Astronauten-Generation: Wo sehen Sie Unterschiede?
Diese sechs Kollegen - die eine Kollegin und die fünf Kollegen, die 2009 rekrutiert wurden - sind rein von ihrem professionellen Hintergrund absolut beeindruckend und solide. Zudem sind sie extrem gute Kommunikatoren. Da sehe ich einen großen Unterschied. Der Umgang mit den neuen Medien ist für sie selbstverständlich. Ich weiß gar nicht, ob es Twitter schon gab, als ich 2006 oben war. Bei mir gab es einen operationellen Kommunikationskanal, über den man E-Mails runterschicken konnte. Man wurde dann aber darauf hingewiesen: "Um Gottes willen, Vorsicht! Das muss alles gefiltert werden!" Ich habe keinen Zweifel, wir haben die richtigen Leute ausgewählt. Dazu gehört eben nicht nur der Blick auf den professionellen Hintergrund, sondern auch die Frage: Was sind das für Menschen? Brennen sie für dieses Thema? Das merkt man und das machen die jungen Astronauten toll. Wir sind wirklich stolz auf sie!

Wenn Sie in die Zukunft schauen: Was würden Sie gerne noch in der bemannten Raumfahrt erleben? Eine Reise zum Mars?
Ich wünsche mir, dass ein Europäer auf dem Mond steht. Das möchte ich noch erleben - ob in einer aktiven Rolle, also bei der Esa in einer Managementfunktion, oder anders. Und: Es wäre natürlich toll, wenn Alexander das sein könnte! (lacht)

Also, der Mars ist kein Muss, der Mond ist erstmal das Ziel?
Bis wir zum Mars kommen, wird es aus heutiger Sicht noch mindestens zwei Jahrzehnte dauern. Insofern ist der Mond ein realistisches Ziel für das nächste Jahrzehnt.

Werden die chinesischen Bestrebungen beschleunigend wirken auf europäische Programme?
Die Esa ist dabei, eine Kooperation mit der chinesischen Raumfahrtagentur und dem chinesischen Astronautenzentrum aufzubauen. Hierbei ist es zunächst unser Ziel, eine gemeinsame Mission zu starten, etwa um die Wende des Jahrzehnts. Das heißt: Ein Europäer würde dann bei den Chinesen mitfliegen. Deshalb hoffe ich, dass China in der Tat Mitglied in dieser Kooperation wird. Das Ziel ist daher die Kooperation, kein Wettrennen.

Interview: Christoph Koch und Frank Ochmann

Im aktuellen stern lesen Sie ein exklusives Interview mit Astronaut Alexander Gerst über das größte Abenteuer seines Lebens.

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