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Fasten: Verzicht als Läuterung

In allen Weltreligionen hat Fasten Tradition - um Gottesnähe oder Erleuchtung zu finden.

Von Astrid Viciano

I n der Bibel wimmelt es von Geschichten über Fastenmeister. Moses zum Beispiel enthielt sich 40 Tage und Nächte am Berg Sinai der Nahrung, bevor er die Zehn Gebote in Empfang nehmen durfte. Die Einwohner der Stadt Ninive verhinderten durch Fasten die vom Propheten Jona angekündigte Strafe Gottes. Und Jesus ging 40 Tage in die Wüste, um dort zu hungern.

Der Nahrungsverzicht sollte helfen, Gott näherzukommen und das Heil zu erlangen, er sollte das Meditieren und Beten erleichtern und die Macht der Begierden brechen. Mehr als 2000 Jahre setzten die Mönche in den Klöstern die Fastentradition fort, entwickelten dabei zeitweilig großen Ideenreichtum, was die Interpretation der Fastenregeln betraf. Fleisch etwa war verboten, dagegen war alles erlaubt, was schwamm oder mit Wasser in Berührung kam. Um den Speiseplan jedoch nicht auf Fisch oder Biber beschränken zu müssen, kochten die Mönche Schwein oder Wild und formten das Fleisch mithilfe von Fett zu Karpfen, Forellen oder Krebsen. Auch brauten sie nahrhaftes Bier und erfanden die Brezel als Fastengebäck, welche die verschränkten Arme eines Mönchs darstellen soll.

Die Fastentradition hat sich bis heute gehalten, die 40 Tage vor Ostern gelten als Zeit der Buße - von Aschermittwoch bis zur Osternacht. Vor allem Katholiken verzichten auf Alkohol oder Fleisch, auf das Rauchen oder auf Süßigkeiten. Zudem darf der fromme Katholik freitags kein Fleisch warmblütiger Tiere essen, am Aschermittwoch und Karfreitag muss er sich sogar auf eine Hauptmahlzeit beschränken. Bei den evangelischen Christen dagegen wird heute nur eine individuell freiwillige Abstinenz geübt. Zunehmend finden heute in katholischen wie evangelischen Gemeinden auch Kurse zum Heilfasten statt, bei den Katholiken gern mit Exerzitienwochen verknüpft.

Einst hatten die Christen die Fastentradition von den Juden übernommen. Noch heute wird an Jom Kippur, dem jüdischen Versöhnungstag, vom Sonnenuntergang bis zum Anbruch der nächsten Nacht weder gegessen noch getrunken, auf das Rauchen und auf körperliche Reinigung, auf Sex und Arbeit verzichtet. Vier weitere Fastentage erinnern an Katastrophen in der jüdischen Geschichte, der 10. Tewet zum Beispiel an die Belagerung Jerusalems durch den König Nebukadnezar.

Der Islam schreibt im neunten Monat des Mondjahrs, dem Ramadan, das Fasten von Sonnenaufbis Sonnenuntergang vor. Das Mondjahr hat elf Tage weniger als das christliche Sonnenjahr, darum wandert die islamische Fastenzeit stetig, mal liegt sie im Winter, 16 bis 17 Jahre später findet sie im Sommer statt.

Im Gegensatz zu den Regeln der Christen, Juden und Muslime lehnte Buddha einst jede Form extremer Askese ab. In buddhistischen Klöstern soll ein gemäßigtes Fasten allein die Meditation unterstützen. Die Mönche essen erst nach dem Sonnenhöchststand nichts mehr. Im Hinduismus dagegen spielt das Fasten wie überhaupt die Ernährung und die Kontrolle des Körpers eine große Rolle. Vor allem Frauen fasten oft, etwa um einen Gott um Gesundheit für ihre Familie zu bitten. Mahatma Gandhi legte 1906 ein Enthaltsamkeitsgelübde ab und verkündete, dass die Leidenschaften ohne Nahrungszufuhr machtlos seien. Gandhi glaubte, dass Fasten wie auch andere Formen der Askese immense Kräfte freisetzen können, nicht nur im eigenen Körper: Alte indische Legenden erzählen von Asketen, die durch ihre Kasteiung solche Energie sammelten, dass sie zum Beispiel einen Fluss rückwärtsfließen lassen konnten. Extreme Fastentraditionen finden sich bei den jainistischen Mönchen. Die Geistlichen fasten sich im Alter zu Tode.

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