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Geschwister-Klischees Sind Erstgeborene wirklich schlauer?

Drei junge Geschwisterkinder sitzen auf einem Hügel
Je älter, desto schlauer? Die Rangfolge von Geschwistern besagt herzlich wenig über Intelligenz und Persönlichkeit.
© Colourbox.de
Der Älteste ist intelligenter als seine Geschwister, übernimmt mehr Verantwortung und ist meist sehr angepasst. Heißt es. Doch eine amerikanische Studie hat das Geschwister-Klischee nun erstmals wissenschaftlich überprüft. 

Schon Sigmund Freud und Alfred Adler beschäftigten sich mit der Frage: Wie beeinflusst die Geburtenrangfolge von Geschwistern deren Persönlichkeit? Gleicht ein Nesthäkchen dem anderen? Und sind Erstgeborene wirklich intelligenter? 

Derlei Klischees werden bis heute genährt, unter anderem von dieser Annahme: Weil Kinder beständig um die Aufmerksamkeit ihrer Eltern buhlen müssen, besetzen sie verschiedene Nischen. So nehmen Erstgeborene die angepasste, verantwortungsvolle Rolle ein und versuchen, den Eltern auf diese Weise zu gefallen. Spätergeborene dagegen haben eher rebellische Züge, sind origineller, kreativer, unbekümmerter und weniger konventionell - und verschaffen sich so Gehör.

Die Idee, dass die ältesten Kinder intelligenter sind als ihre Geschwister, ist auch nicht neu. Dazu lautet eine Grundannahme: Je mehr Erwachsene auf ein Kind kommen, desto höher der intellektuelle  Input für das Kind. Bekommt das Kind dann ein Geschwisterchen, übertragen die Eltern ihm meist mehr Verantwortung, was seine intellektuelle Entwicklung zusätzlich begünstigt. 

Der Einfluss der Rangfolge geht gegen Null

Soweit die Theorie. Doch so plausibel solche Stereotype über Erstgeborene, Sandwichkinder und Nesthäkchen klingen mögen, wissenschaftlich belegt wurden sie bislang nicht. Dies ist laut dem amerikanischen Psychologen Brent Robert von der University of Illinois nun erstmals gelungen. 

In seiner Studie analysierte er 272.003 Schüler-Biografien, die seit 1960 in der Project-Talent-Studie gesammelt wurden. Das Ergebnis: Der Einfluss der Geschwisterrangfolge auf Persönlichkeit und Intelligenz geht gegen Null. Zwar seien Erstgeborene tatsächlich etwas angepasster, dominanter und weniger neurotisch. Die Unterschiede waren allerdings nur minimal und im persönlichen Kontakt nicht spürbar. Und auch der Intelligenzquotient der Erstgeborenen lag lediglich 1.2 Punkte über dem IQ von Spätergeborenen. Der Zusammenhang zwischen Geschwisterrangfolge und verbaler Kompetenz war dabei am größten: Erstgeborene verfügten über bessere sprachliche Fähigkeiten als jüngere Geschwister.

Für die Analyse verglichen die Wissenschaftler allerdings nicht die Geschwister einer Familie, sondern die Eigenschaften - wie sozialer Hintergrund und Charakterzüge - von Gleichaltrigen. Der Grund: Da Erstgeborene einen Altersvorsprung gegenüber ihren Geschwistern haben, ist es wenig überraschend, wenn sie zum Zeitpunkt der Analyse weiter entwickelt sind. Ein möglicher Zusammenhang zwischen seiner Geburtsrangfolge und seiner Persönlichkeit und Intelligenz wäre daraus aber nicht abzuleiten. 

Status und Geschwisterzahl sind entscheidender

Dieser Zusammenhang ist, wie sich nun herausstellte, aber ohnehin so gering, dass er zu vernachlässigen sei, so Brent. Ob ein Kind intelligent oder sozial angepasst ist, hängt demnach viel weniger von seiner Stellung innerhalb der Familie ab, als es die zahlreichen Erziehungsratgeber bislang Glauben machten. "Die Geburtsreihenfolge der Kinder sollte das Verhalten der Eltern nicht beeinflussen", schreibt der Psychologe.

Deutlich entscheidender für die soziale und intellektuelle Entwicklung eines Kindes sei dessen sozioökonomischer Hintergrund und das Einkommen der Eltern. Gefolgt von der Anzahl der Geschwister. Ob jemand Erstgeborener oder Nesthäkchen ist, besagt also wenig über sein Pflichtbewusstsein, seine soziale Kompetenz oder seinen Numerus clausus. Ein Blick auf die Abschlüsse und Kontoauszüge der Eltern, dürfte da zu weit zuverlässigeren Prognosen führen.


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