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"Shenzhou 10" im Weltraum: China hat den Willen, der dem Westen fehlt

Politischer Wille, technischer Fortschritt und straffes militärisches Management treiben Chinas Raumfahrtprogramm voran. In einer Zeit, in der dem Westen im All die Puste ausgeht, holt es kräftig auf.

Während die Rakete auf einem riesigen Feuerball von der Startrampe abhebt, winken die drei chinesischen Astronauten noch ganz entspannt in die Kamera. Aus allen Winkeln verfolgt das Milliardenvolk an den Fernsehern den reibungslosen Start von "Shenzhou 10". Nie zuvor haben so viele Kameras innen und außen jede Stufe der kritische Flugphase live übertragen. Sichtlich nervös verfolgt auch der neue Regierungschef Li Keqiang am Bildschirm des Kommandozentrums in Peking den Start des "Magischen Schiffes" - ein neuer Meilenstein für das junge chinesische Raumfahrtprogramm.

Erst 2003 ist China die dritte Nation nach den USA und Russland geworden, die Astronauten ins All schicken kann. Die asiatische Großmacht holt mit großen Schritten auf. "Chinas Erfolge im All sind bemerkenswert", sagt die China- und Raumfahrtexpertin Joan Johnson-Freese vom US Naval War College in den USA. "Was sie schaffen, liegt nicht daran, dass sie überlegene Technologie besitzen, sondern daran, dass sie den politischen Willen besitzen, der im Westen fehlt."

Neue Technik testen, riskante Andockmanöver üben

Da die Amerikaner, Russen und Europäer die internationale Raumstation ISS langsam auslaufen lassen, könnten die Chinesen um 2020 die einzige Nation werden, die einen ständigen Außenposten im All betreibt. Das Raummodul "Tiangong 1" (Himmelspalast), in dem die drei Astronauten jetzt zwölf Tage wohnen werden, soll um 2015 von dem größeren Himmelskörper "Tiangong 2" abgelöst werden. So fliegt "Shenzhou 10" die experimentelle Mini-Raumstation ein letztes Mal an.

"Der bisher längste Flug zeigt, dass China die wesentlichen Techniken zum Bau einer Raumstation beherrscht", sagt der australische Raumfahrtexperte Morris Jones. Es sollen diesmal noch neue Technologien getestet und riskantere Andockmanöver aus verschiedenen Winkeln geübt werden. Das Nachfolgemodul "Tiangong 2", das komplexer werden und zwei Andockmöglichkeiten haben soll, wird aber auch nur eine weitere Vorstufe für die endgültige Raumstation.

Für die großen Bauteile fehlen China noch leistungsstärkere Trägerraketen. "Es gibt ein paar Verzögerungen bei der Entwicklung, aber das ist normal für ein großes Raketenprogramm", erläutert Jones. "Der Zeitplan kann eingehalten werden, wenn China stetig vorangeht." Die neuen Raketen vom Typ "Langer Marsch 5" sollen von dem neuen Raumfahrtbahnhof auf der Insel Hainan in Südchina abheben, der noch im Bau ist. "Stufe Drei des Programms ist nicht möglich, solange China nicht die besonders tragfähigen Raketen hat", sagt Expertin Johnson-Freese. "Die Entwicklung hinkt hinter dem Plan her."

Raumfahrt dient dem Prestige der Nation

Das Raumschiff vom Typ "Shenzhou", das für Transportflüge ausgelegt ist, erscheint mit dem fünften bemannten Flug aber ausgereift. "Die grundlegenden Technologien für Raumflüge sind heute viel einfacher zu entwickeln, weil die Technik allgemein fortgeschrittener ist", erklärt Experte Jones. "China kann sein Raumflüge aber auch schneller voranbringen, weil es sein Programm besser verwaltet als andere Nationen." So sei Misswirtschaft ein ernstes Problem für die amerikanische Raumfahrtbehörde Nasa.

Staat, Partei und Militär stehen in China geschlossen hinter dem Raumfahrtprogramm, das "gleich mehrere Zwecke" verfolgt, wie Jones sagt. Neben den militärischen, zivilen und wissenschaftlichen Zielen diene es dem Prestige der Nation und schart das Volk hinter die kommunistischen Führer. Nicht umsonst war der neue Staats- und Parteichef Xi Jinping, der im März das Präsidentenamt übernommen hatte, zum Raumfahrtbahnhof Jiuquan gereist, um die mutigen Raumfahrer persönlich ins All zu verabschieden. "Ich wünsche ihnen Erfolg und freue mich auf ihre triumphale Rückkehr."

Andreas Landwehr, DPA / DPA