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Astrophysik: Hawkings Rätselstunde

Er ist der der "englische Einstein", der Superstar der Astrophysik: Stephen Hawking hat in einem spektakulären Vortrag seine eigene Theorie zu Schwarzen Löchern über den Haufen geworfen.

Stephen Hawking (62), der gelähmte "englische Einstein", hat wieder einmal etwas Wichtiges gesagt. Was genau, hat niemand so richtig verstanden. Aber spannend war es allemal, denn es ging um Schwarze Löcher, eine Wette und eine Baseball-Enzyklopädie. Das reicht für weltweite Schlagzeilen.

Wette verloren

Wie eine Marionette mit abgeschnittenen Fäden sitzt Hawking seit 20 Jahren in seinem Rollstuhl. Er ist von Kopf bis Fuß fast völlig gelähmt und kann nicht mehr sprechen. Doch mit seinen Gedankenexperimenten revolutionierte der Kosmologe Vorstellungen von Raum und Zeit, vom Anfang und Ende der Welt. Deswegen war ihm die Aufmerksamkeit der Wissenschaft sicher, als er am Mittwoch bei der 17. Allgemeinen Relativitäts- und Gravitationskonferenz in Dublin verkündete: "Ich will berichten, dass ich glaube, eines der Hauptprobleme der theoretischen Physik gelöst zu haben."

Gleichzeitig gab er eine der berühmtesten Wetten der neueren Wissenschaftsgeschichte verloren: 1997 hatte Hawking mit seinem kalifornischen Kollegen John Preskill gewettet, dass ein Schwarzes Loch - ein kollabierter Stern - alles zerstört, was von ihm aufgesaugt wird. Das ist der Stoff, aus dem "Star Trek" und "Star Wars" gemacht wird.

Keiner verstand die Begründung

Dem Eingeständnis folgte der Hauptteil seines Vortrags - die Begründung. Anschließend zeigten sich führende Kosmologen und Physiker aus aller Welt tief beeindruckt - wenn auch ratlos. Selbst der glückliche Gewinner, Prof. Preskill, musste zugeben: "Um ehrlich zu sein, ich habe den Vortrag nicht verstanden." Gerry Gilmore, ein Astrophysiker von der Universität Cambridge, wo auch Hawking lehrt, folgerte: "Steve sagt solche Sachen nicht sehr oft, deswegen ist es sehr wahrscheinlich, dass er auf etwas Interessantes gestoßen ist."

Interessant vor allem deshalb, weil Hawking damit eine 180-Grad-Wende vollzieht: 30 Jahre lang hatte er darauf beharrt, dass die Information über jedes Objekt, das in ein Schwarzes Loch fällt, vollständig verloren geht. Jetzt räumt er ein, dass dies ein Irrtum gewesen ist: Information über die Art der zerstörten Materie könne durchaus erhalten bleiben, wenn auch unleserlich verstümmelt.

Science-Fiction-Fans enttäuscht

Mit den Gesetzen der Quantenmechanik war der völlige Informationsverlust sowieso nie vereinbar. Doch Hawking hatte bisher argumentiert, dass diese Gesetze in einem Schwarzen Loch teilweise außer Kraft gesetzt würden - ein für Experten wie Laien gleichermaßen faszinierender Gedanke. Nun aber erklärte das Genie: "Es tut mir Leid, Science-Fiction-Fans enttäuschen zu müssen, aber wenn die Information erhalten wird, gibt es keine Möglichkeit, um Schwarze Löcher für Reisen zu anderen Universen zu benutzen."

Den Wetteinsatz hat Preskill schon erhalten: Eine Baseball- Enzyklopädie. Der Engländer Hawking hatte noch versucht, seinen amerikanischen Kollegen von der Überlegenheit des Cricket-Sports zu überzeugen. Aber auch in diesem Punkt musste er schließlich klein beigeben.

Christoph Driessen, DPA

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